Passiv investieren mit ETFs gilt als sicherste Strategie für Privatanleger. Doch eine preisgekrönte Studie zeigt: Diese ETFs verschaffen erfahrenen Fondsmanagern einen systematischen Vorteil – und ermöglichen Renditen von bis zu sechs Prozent über dem Markt. Wie das funktioniert, und was Anleger daraus lernen können.

Passiv investieren gilt seit Jahren als Königsweg für Privatanleger – am besten mit einem breit gestreuten ETF wie den MSCI World. Doch eine neue wissenschaftliche Studie, die auf der Jahrestagung 2025 der Swiss Society for Financial Market Research als beste Arbeit des Jahres ausgezeichnet wurde, wirft ein neues Licht auf die Debatte zwischen aktivem und passivem Investieren. Ihr zentrales Ergebnis: ETFs selbst können – paradoxerweise – aktiven Fondsmanagern einen systematischen Informationsvorteil verschaffen.

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Neue Studie: Wo entsteht eine Handelschance?

Charles Trzcinka (Indiana University, Kelley School of Business) und Ziwei Zhao (Universität Lausanne) untersuchten für ihre Studie „The Impact of Active Managers on the Pricing of Underlying Assets in ETFs" die Transaktionen aktiv gemanagter US-Investmentfonds zwischen 2012 und 2020. Als methodischen Rahmen nutzten sie die jährliche Neugewichtung der Russell-Indizes – ein Ereignis, das den Wissenschaftlern als sogenanntes „natürliches Experiment" dient. 

Das bedeutet: Weil die Auf- und Abstiege zwischen den Indizes von der Marktkapitalisierung abhängen und nicht von Entscheidungen einzelner Manager, entsteht eine kontrollierte Situation, in der sich die Wirkung von ETF-Käufen auf Aktienkurse sauber isolieren und messen lässt – ähnlich wie ein Labor-Experiment, nur an realen Märkten.

Jedes Jahr im Juni werden US-Aktien zwischen dem Russell 1000 (die 1.000 größten börsennotierten Unternehmen) und dem Russell 2000 (die nächstkleineren 2.000 Unternehmen) neu klassifiziert. Da deutlich mehr ETF-Kapital den Russell 2000 abbildet als den Russell 1000, lösen Auf- und Abstiege zwischen den beiden Indizes erhebliche, quasi erzwungene Kauf- und Verkaufswellen aus – unabhängig von den Fundamentaldaten der betroffenen Aktien.

Genau hier entsteht laut den Forschern eine Handelschance für erfahrene Stockpicker.

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6 Prozent Mehrrendite für aktive Fondsmanager

Aktive Fondsmanager erzielten im Quartal nach der Russell-Neugewichtung im Schnitt sechs Prozent höhere Renditen, wenn der ETF-Anteil an einer Aktie deutlich gestiegen war. Die Signale, die aus den veränderten ETF-Beständen entstehen, waren dabei bis zu drei Monate lang zuverlässig – deutlich länger als bislang in der Forschungsliteratur angenommen.

Besonders profitabel war die Strategie bei:

- Aktien mit geringem Handelsvolumen, wo ETF-bedingte Preisbewegungen stärker ausschlagen

- Fondsmanagern mit nachgewiesener Alpha-Generierung, also überdurchschnittlichen Fähigkeiten in der Informationsverarbeitung

- Käufen (nicht Verkäufen) – diese lieferten die stärksten Signale für die spätere Kursentwicklung

Interessant: Klassische Indexfonds erzeugten nach der Russell-Neugewichtung nicht dieselben Handelssignale wie ETFs. Es ist also spezifisch die Konstruktionsweise und Liquidität von ETFs – und die dadurch ausgelöste Volatilität – die Fehlbewertungen erzeugt. „Es ist die durch ETFs verursachte Volatilität, die zu Fehlbewertungen führt – nicht das passive Eigentum an sich", schreibt Trzcinka dazu.

Weiterführende Links

Ein Billionen-Markt verändert die Spielregeln

Der US-ETF-Markt hatte Ende des ersten Quartals 2024 ein Volumen von 8,8 Billionen US-Dollar erreicht. Rund 12,2 Billionen Dollar weltweit sind an die Russell-Indizes gebenchmarkt. Wenn diese Masse an passivem Kapital gleichzeitig umgeschichtet wird, entstehen mechanische Preisverzerrungen, die mit dem Unternehmenswert nichts zu tun haben.

Allein beim Rebalancing im Juni 2025 wurden nach Angaben der London Stock Exchange Group rund 102,5 Milliarden Dollar an der Nasdaq und 114,7 Milliarden Dollar an der NYSE gehandelt – an einem einzigen Tag.

Dass solche Kapitalfluten kurzfristige Fehlbewertungen erzeugen, ist in der Finanzforschung bereits länger bekannt. Neu ist der Befund von Trzcinka und Zhao, dass erfahrene aktive Manager diese Signale systematisch und profitabel auswerten – und damit gleichzeitig zur Marktstabilisierung beitragen, indem sie die durch ETF-Handel ausgelöste Volatilität abfedern.

Russell 2000 (ISIN: US7827001089)

Kritische Einordnung: Was die Studie nicht beweist

Doch die Studie sagt nicht aus, dass aktiv gemanagte Fonds unbedingt besser sind. Denn sie beschreibt nur Überrenditen bei ausgewählten, überdurchschnittlich fähigen Managern unter ganz spezifischen Marktbedingungen – kein Freifahrtschein für aktives Management generell. Laut SPIVA-Daten schnitten über zehn Jahre hinweg rund 95 Prozent der aktiven Fonds schlechter ab als ihre Benchmark. 

Hinzu kommt: Management-Gebühren und Transaktionskosten können einen Großteil der ermittelten Brutto-Überrendite von sechs Prozent wieder aufzehren. Auch der Untersuchungszeitraum von 2012 bis 2020 – geprägt von Niedrigzinsen und explosionsartigem ETF-Wachstum – war eine außergewöhnliche Marktphase. Ob die Ergebnisse unter anderen Bedingungen replizierbar sind, bleibt offen.

Was bedeutet das für Privatanleger?

Für Privatanleger ist die Strategie in ihrer reinen Form nicht direkt umsetzbar – denn sie erfordert Zugang zu Quartalsdaten der ETF-Bestände, ausgefeilte Analysemethoden und schnelle Handelsfähigkeit. Was Anleger jedoch ableiten können:

Aktive Fonds sind nicht pauschal schlechter. Zumindest für spezialisierte Manager mit nachweisbarem Informationsvorteil zeigt die Studie echten Mehrwert.

Die Größe eines Marktes schafft Chancen. Je mehr passives Kapital einen Index abbildet, desto mechanischer werden Preisbewegungen – und desto attraktiver werden sie für informierte Gegenpositionen.

Small Caps sind besonders interessant. Im Russell 2000, dem Kernindex für kleinere US-Unternehmen, sind die ETF-Effekte am stärksten – und damit auch die potenziellen Überrenditen für aktive Strategien.

Wer die Erkenntnisse der Studie für Anlageoptionen nutzen will, kann beispielsweise bei der Auswahl aktiver Fonds gezielt auf Fondsmanager achten, die nachweislich Alpha generieren – und sich dabei bevorzugt im Small-Cap-Segment bewegen, wo die durch ETF-Rebalancing ausgelösten Marktbewegungen am deutlichsten wirken.

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Häufige Fragen

Wie können ETFs aktiven Fondsmanagern einen Vorteil verschaffen?

Wenn ETFs ihre Indizes neu gewichten – etwa beim jährlichen Russell-Rebalancing –, müssen sie große Mengen an Aktien kaufen oder verkaufen, unabhängig vom tatsächlichen Unternehmenswert. Das erzeugt kurzfristige, künstliche Preisverzerrungen. Erfahrene aktive Fondsmanager erkennen diese Fehlbewertungen und können gezielt Gegenpositionen eingehen – und so systematisch höhere Renditen erzielen.

Was hat die Studie konkret herausgefunden?

Die Ökonomen Charles Trzcinka und Ziwei Zhao untersuchten US-Investmentfonds zwischen 2012 und 2020. Ihr Ergebnis: Aktive Fondsmanager erzielten im Quartal nach einer deutlichen Zunahme des ETF-Anteils an einer Aktie im Schnitt sechs Prozent höhere Renditen. Die stärksten Signale lieferten dabei Käufe – nicht Verkäufe – sowie Aktien mit geringem Handelsvolumen, wo ETF-bedingte Preisbewegungen besonders stark ausschlagen.

Was bedeutet das für Privatanleger?

Die Strategie ist für Privatanleger in dieser Form nicht direkt umsetzbar – sie erfordert Zugang zu Quartalsdaten, komplexe Analysemethoden und schnelle Handelsfähigkeit. Wer jedoch aktive Fonds in sein Portfolio aufnehmen möchte, sollte gezielt auf Manager achten, die nachweislich Alpha generieren, und bevorzugt im Small-Cap-Bereich schauen: Dort sind die ETF-Effekte am stärksten – und damit auch die potenziellen Chancen für aktive Strategien.