Hohe Anleiherenditen machen Gold derzeit kräftig Konkurrenz. Michael Khouw, Chefstratege bei YieldMax, sieht darin einen wichtigen Grund für die jüngste Goldpreisschwäche. An den langfristigen Argumenten für das Edelmetall habe sich dadurch jedoch wenig geändert.
Besonders deutlich wird der Gegenwind am US-Anleihemarkt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist auf den höchsten Stand seit fast 20 Jahren gestiegen. Für Anleger entsteht dadurch ein Substitutionseffekt: Wer mit relativ liquiden Anlagen rund fünf Prozent erzielen kann, hat einen größeren Anreiz, Kapital aus unverzinsten Sachwerten abzuziehen.
Dabei müssen Anleger laut Khouw nicht einmal genau berechnen, welche Rendite nach Abzug der Inflation übrig bleibt. Bereits ein hoher nominaler Zinsertrag kann attraktiv wirken, insbesondere wenn regelmäßige Einnahmen benötigt werden. Kurzfristig sprechen hohe Zinsen deshalb gegen Gold.
Der entscheidende Punkt seiner Argumentation ist jedoch, dass höhere Renditen das grundlegende Problem nicht lösen. Khouw betrachtet Inflation als schleichenden Kaufkraftverlust von Papierwährungen. Genau deshalb würden Anleger Gold und andere Sachwerte als langfristigen Wertspeicher nutzen. Die jüngste Zinsanhebung korrigiere zudem ein Ungleichgewicht: Die Notenbanken hätten zu lange auf die anhaltende Inflation reagiert, obwohl sich ihre Beständigkeit schon vor Jahren gezeigt habe, während sie den Preisanstieg weiter als vorübergehend bezeichneten. Khouw geht davon aus, dass sich das Inflationsumfeld strukturell verändert hat. Seiner Einschätzung nach dürfte die Teuerung nicht mehr unter zwei Prozent zurückkehren, sondern oberhalb von drei Prozent bleiben.
Inflation und Staatsschulden bleiben ein Problem
Eine Ursache sieht Khouw in der Fiskalpolitik. Geldpolitik könne zwar auf Inflation reagieren, die zugrunde liegenden Probleme seien jedoch stärker mit Staatsausgaben und öffentlichen Finanzen verbunden. Eine deutliche Verbesserung der US-Haushaltslage könnte den Inflations- und Zinsausblick verändern. Bleibt sie aus, dürften die Belastungen bestehen bleiben.
Wie groß die Dimensionen mittlerweile sind, zeigen globale Geldmengen- und Schuldendaten. Laut Berechnungen von Econovis ist die weltweite Geldmenge (M2/M3) seit 2000 von rund 26 Billionen auf mehr als 150 Billionen Dollar im Juni 2026 gestiegen und hat sich damit nahezu versechsfacht. Der oberirdische Goldbestand nahm im selben Zeitraum lediglich um rund 55 Prozent zu. Allein auf China entfielen zuletzt 52,6 Billionen Dollar beziehungsweise rund 35 Prozent der globalen Geldmenge, auf die USA 23,2 Billionen Dollar. Allerdings beeinflussen Wechselkursbewegungen die in Dollar umgerechneten Werte.
Auch bei den Staatsschulden fallen die beiden Länder mit der größten Volkswirtschaft negativ auf. Chinas Schuldenquote erreichte 2025 rund 99,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und lag damit 152 Prozent höher als zwölf Jahre zuvor. In den USA stieg die Quote im gleichen Zeitraum um 20,8 Prozent auf 123 Prozent des BIP.
Tipp: Fundierte Einschätzungen zum Goldpreis und zu Minenaktien finden Sie regelmäßig im Goldfolio - dem Börsendienst von Markus Bußler.
Warum Gold langfristig wieder profitieren könnte
Hohe Schulden und hohe Zinsen ergeben damit eine problematische Kombination. Auslaufende Staatsanleihen müssen zunehmend zu höheren Finanzierungskosten ersetzt werden. Dadurch wächst die Zinsbelastung der öffentlichen Haushalte, und der Spielraum für andere Ausgaben schrumpft. Für Gold entsteht ein Spannungsfeld: Kurzfristig erhöhen steigende Renditen seine Opportunitätskosten, langfristig können hohe Schulden, wachsende Geldmengen und Zweifel an der Kaufkraft von Papierwährungen die Nachfrage nach dem Edelmetall unterstützen.
Khouw sieht zudem in der jüngsten Goldkorrektur einen möglichen Vorteil. Nach den zuvor heftigen Kursschwankungen könnte eine ruhigere Entwicklung wieder langfristig orientiertes Kapital anziehen. Gold habe seine Funktion als vergleichsweise gering mit anderen Anlageklassen korrelierter Vermögenswert und als Instrument zum langfristigen Werterhalt aus seiner Sicht nicht verloren.
Fazit: Der Goldpreis bleibt kurzfristig anfällig für hohe Renditen. Bleiben Inflation und Staatsverschuldung jedoch dauerhaft erhöht, könnten genau die Ursachen des derzeitigen Zinsanstiegs langfristig wieder zu starken Argumenten für den Kauf von Gold werden.
Lesen Sie auch:
Goldpreis Prognose: Vermögensverwalter rechnet mit 'goldener Dekade'
Oder:
Goldpreis Prognose: Startet jetzt die Jahresendrallye für das Edelmetall?