Staatsanleihen verlieren weltweit an Wert, die Renditen steigen teils auf Mehrjahreshochs. Energiepreise, Zinssorgen und die wachsende Konkurrenz durch KI-Anleihen setzen den Bondmarkt unter Druck. Nun richten sich alle Blicke auf die US-Inflationsdaten.

Am Anleihemarkt wächst die Nervosität. Die Kurse von Staatsanleihen fallen weltweit, im Gegenzug steigen die Renditen. In Deutschland kletterte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe am Freitagmorgen auf mehr als 3,51 Prozent – den höchsten Stand seit 2009. Französische Staatsanleihen erreichten mit 4,45 Prozent sogar das höchste Niveau seit 2008.

Auch außerhalb Europas spitzt sich die Lage zu. Australische Benchmark-Anleihen rentieren so hoch wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. In Japan nähert sich die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen der Marke von drei Prozent – ein Niveau, das zuletzt in den 1990er-Jahren erreicht wurde. In den USA stieg die zehnjährige Treasury-Rendite bis auf 4,98 Prozent. Damit rücken die Höchststände aus dem Jahr 2007, direkt vor Ausbruch der Finanzkrise, wieder in Reichweite.

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Energiepreise verschärfen die Lage

Der wichtigste Auslöser sind die wieder deutlich gestiegenen Energiepreise. Nachdem im August ein Ende des Iran-Kriegs näher gerückt schien, hat sich der Konflikt erneut zugespitzt. Ein Fass Öl der Nordseesorte Brent kostete am Freitag bis zu 110 US-Dollar, vor Kriegsbeginn waren es rund 70 US-Dollar. Der europäische Gaspreis stieg zeitweise auf 83 Euro je Megawattstunde, verglichen mit gut 31 Euro Ende Februar.

Teurere Energie erhöht den Inflationsdruck und zwingt Anleger, höhere Leitzinsen einzupreisen. Genau das belastet langlaufende Anleihen derzeit besonders stark: Ihre Kurse reagieren empfindlich auf steigende Zinserwartungen. Staatsanleihen werden damit vom sicheren Hafen im Portfolio zum Kursrisiko.

Die Analysten der Commerzbank beobachten eine zunehmend „bearishe Verflachung“ der Zinskurve. Nach dem jüngsten EZB-Kurswechsel schossen die Renditen zweijähriger deutscher Staatsanleihen um fast 20 Basispunkte nach oben. An den Terminmärkten wird inzwischen eine weitere vollständige Zinserhöhung bis zum kommenden Frühjahr eingepreist – insgesamt mehr als drei weitere Schritte.

Der folgende Chart von Commerzbank Research zeigt den Renditeanstieg (in %) bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen seit Mitte August:

Rendite 10-jähriger Bundesanleihen
Foto: Commerzbank Research

Wieder Zittern um Frankreich

Die Europäische Zentralbank hatte ihre Leitzinsen am Donnerstag auf 2,5 Prozent angehoben und weitere Schritte signalisiert. Gleichzeitig blieb ihre Botschaft zum Bondmarkt laut Commerzbank verhalten. Die EZB beobachte die Renditen aufmerksam, insbesondere am langen Ende der Zinskurve. Einen Hinweis, dass der Anstieg derzeit ein entscheidender Faktor für den geldpolitischen Kurs sei, gab es jedoch nicht.

Für Anleger ist das eine ungünstige Mischung. Die Renditen steigen, während die Notenbank keine klare Begrenzung des Anstiegs signalisiert. Die Commerzbank bleibt deshalb trotz der inzwischen attraktiver wirkenden Renditen vorsichtig bei der Duration. Der Markt habe sich noch nicht in einer neuen Handelsspanne eingependelt, und die Ölpreise stiegen weiter.

Hinzu kommen die angeschlagenen öffentlichen Finanzen – auch in Europa. In Frankreich erwarten Experten in den kommenden Tagen eine Senkung der Wachstumsprognose, damit wird ein Haushalts-Defizit von 5,3 Prozent wahrscheinlicher. Je größer die Haushaltslücken, desto größer die Renditeaufschläge, die Investoren auf Staatsanleihen verlangen – zumal die Zinslasten für die Staaten bei einer gleichzeitig strafferen Geldpolitik steigen.

Gleichzeitig haben große Investoren wie der norwegische Staatsfonds damit begonnen, sich in größerem Stil von Staatsanleihen zu trennen - auch von solchen aus den USA, die bisher als Fixpunkt im Finanzsystem galten.

US 10-Year Gov Bond Yield (ISIN: AF00000US10Y)

KI-Anleihen werden zur Konkurrenz

Zudem haben Staatsanleihen am Bondmarkt Konkurrenz bekommen. Große Technologiekonzerne finanzieren ihre milliardenschweren Investitionen in Künstliche Intelligenz zunehmend über neue Anleihen. Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Alphabet verfügen über eine hohe Bonität, bieten Anlegern aber teilweise attraktivere Renditen als Staaten.

Diese Konkurrenz ist für den Bondmarkt nicht zu unterschätzen. Wenn Investoren Unternehmensanleihen mit höherem Ertrag kaufen, fehlt diese Nachfrage bei Staatsanleihen. Die Kurse sinken, die Renditen steigen weiter. Für die Staaten wird die Finanzierung dadurch noch teurer – und das kann wiederum die Sorge vor noch größeren Emissions-Volumina verstärken

Banges Warten auf Daten zur US-Inflation

Der Aufwärtstrend bei den Renditen könnte noch anhalten, sagte Anlagestratege Michael Tang von der Commonwealth Bank of Australia der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der nächste wichtige Test sind nun die US-Inflationsdaten, die am Freitagnachmittag um 14:30 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht werden. „Ein niedrigerer US-Verbraucherpreisindex und eine Zinserhöhung der Fed sind wirklich die einzigen Unterbrecher, die ich derzeit sehe“, sagte. Andernfalls glaube er nicht, dass Anleger auf steigende Anleihekurse setzen wollen.

 Ökonomen erwarten für die US-Inflation im Schnitt 3,4 Prozent. Liegt der Wert darüber, dürften die Wetten auf eine Zinserhöhung zunehmen. Für den Bondmarkt wäre das ein weiterer Belastungsfaktor. Fällt die Zahl dagegen niedriger aus, könnte der Renditeanstieg zumindest vorübergehend an Dynamik verlieren.

Es wäre aber wohl auch dann nicht mehr als eine Verschnaufpause.

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Häufige Fragen zum Thema

Warum sind die Renditen auf Staatsanleihen so stark gestiegen?

Am sogenannten "langen Ende" der Zinskurve preist der Markt Inflationsrisiken und die Gefahr einer unvollständigen oder verzögerten Rückzahlung von Staatsschulden ein. Im Fall der USA ist es die Tatsache, dass der Schuldenberg im August über 40 Billionen US-Dollar angwstiegen ist und der Staat dafür in diesem Jahr weit mehr als eine Bilion Dollar Zinsen zahlen muss. Das schränkt ihn an anderen Stellen stark ein und ist auf Dauer aus Sicht der Märkte nicht tragfähig.


Warum beeinflussen Renditen auf Staatsanleihen die Aktienkurse?

Steigende Renditen auf Staatsanleihen führen oft zu sinkenden Aktienkursen, weil die vermeintlich sicheren Zinspapiere mit den risikoreicheren Aktien um das Geld der Anleger konkurrieren. Wenn die Renditen von Staatsanleihen, deren Ausfallwahrscheinlichkeit als sehr gering gilt, steigen, erhalten Investoren eine höhere, garantierte Verzinsung ohne nennenswertes Risiko. Viele Anleger schichten dann ihr Geld von Aktien in Anleihen um. 

Zweitens geht die Rendite auf Staatsanleihen als risikofreier Basiszinssatz in die Investitionsrechnung und Diskontierung künftiger Cashflows ein. Der Wert einer Aktie bemisst sich oft am Barwert ihrer zukünftigen Gewinne. Steigt der risikofreie Basiszinssatz, steigt der Diskontierungsfaktor. Dadurch werden Zahlungsströme, die weit in der Zukunft liegen, weniger Wert - und damit sinkt auch der heutige Wert der dazugehörigen Aktie.


Warum senkt die Notenbank den Leitzins nicht einfach?

Die Notenbank hat mit ihren Entscheidungen zum Leitzins keinen Einfluss auf das lange Ende der Zinskurve. Um die Zinsen dort zu beeinflussen, müsste sie glaubwürdig die Inflation bekämpfen, was eine Zinsanhebung zur Folge hätte. Diese wird jedoch vermieden, weil sich die US-Regierung in wachsendem Maße über Kurzläufer refinanziert. Eine Anhebung der kurzfristigen Zinsen würde zu zusätzlichen Zinszahlungen führen und das Haushalts-Budget vollends sprengen.