Die Renditen europäischer Staatsanleihen steigen so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Gleichzeitig steigen die Ölpreise, die Inflation und die Nervosität; ähnlich wie im Herbst 2008. Das führt nicht automatisch zum Crash – aber Profis werden hellhörig.

Der Anleihenmarkt gilt als wichtiger Seismograph an den Börsen. Während die Aktienmärkte immer schon die nächste Gewinner-Story spielen –jetzt schon das vierte Jahr in Folge den KI-Boom –und vor allem das Positive sehen, preisen die Anleger am Bondmarkt ganz nüchtern die Risiken ein. Und das hat Folgen.

Schon oft hat der Anleihemarkt monatelang Warnsignale gesendet, bevor die Krise auch in der Realwirtschaft ankam – und damit in den Aktienkursen. Jetzt springen wieder die roten Lampen an – gleich mehrfach.

Lange nicht mehr gesehene Renditeniveaus

Die Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen aus Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Portugal sind über Wochen kontinuierlich gestiegen: Für Anleihen aus Frankreich, auf knapp 4,16 Prozent, die deutschen auf 3,36 Prozent, Italien liegt bei 4,15 Prozent, Spanien bei 3,76 und Portugal bei 3,66 Prozent. 

Japan steht bei fast drei Prozent, so hoch wie seit 1996 nicht mehr, und Großbritannien hat mit 5,08 Prozent sogar die Fünf-Prozent-Grenze durchbrochen. Das ist ein Niveau, auf dem Zinsen auf Staatsschulden plötzlich zu einer ernsten Last werden. 

Solche Werte erreichten Anleihen in der Eurozone zuletzt im Oktober 2008, kurz nach Ausbruch der Finanzkrise. Wenn auch damals in anderer Reihenfolge. Damals stand vor allem die Peripherie unter Druck, die sogenannten „PIGS“: Portugal, Italien (Irland), Griechenland und Spanien. Diesmal führt mit Frankreich ein Kernland der Eurozone die Liste an. Das ist besorgniserregend.

Deutschland scheint bislang mit seinem AAA-Rating noch am besten dazustehen. Wirklich? „Wir müssen hart daran arbeiten, das Triple-A-Rating zu erhalten“, sagte Deutschlands oberster Notenbanker, Bundesbank-Präsident Joachim Nagel, am Dienstag. Er warnt zwar nicht offen vor einer akuten Gefahr für Deutschlands Kreditwürdigkeit, aber seine Botschaft war unmissverständlich: Die Finanzierung Deutschlands sei zwar noch solide, doch höhere Schuldenstände, ein wachsendes Defizit und teurere Posten für Infrastruktur und Verteidigung verändern die Lage.

Der folgende Chart von Commerzbank Research zeigt den Renditeanstieg (in %) bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen seit Mitte August:

Rendite 10-jähriger Bundesanleihen
Foto: Commerzbank Research
Rendite 10-jähriger Bundesanleihen

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Energiepreise als Brandbeschleuniger

Damals, im Herbst 2008, kam zu den bereits wackligen Bankbilanzen ein zweiter Brandbeschleuniger hinzu: Der Ölpreis war auf über 100 Dollar geklettert und heizte die Inflation so stark an, dass sich die US-Notenbank gezwungen sah, die Leitzinsen zu erhöhen., Da brach das Schulden-Kartenhaus zusammen.

Auch jetzt steigen die Energiepreise wieder. Damals lag vor allem an der hohen Nachfrage aus China und Indien und einer Verknappung durch die OPEC. Diesmal sorgt der Iran-Konflikt bei anhaltend hoher Nachfrage dafür, dass weniger Öl verfügbar ist als die Weltwirtschaft braucht. Hinzu kommt die Knappheit bei Gas, ausgelöst durch den Ukraine-Konflikt und den Boykott von Gas aus Russland.

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Muss Deutschland (wieder) Europa retten?

Ein wichtiger Unterschied zur Eurokrise: 2011 galt Deutschland wegen seiner stabilen Wirtschaft und niedriger Staatsschulden als sicherer Hafen, während die Budgets in Italien, Spanien und Portugal aus dem Ruder liefen. Seitdem haben diverse Rettungsmechanismen dazu geführt, dass der Kapitalmarkt die Eurozone geneinsam bewertet. Deshalb haben sich die Renditen angenähert und verlaufen häufig synchron.

Gleichzeitig schieben Deutschland und vor allem Frankreich viel höhere Schuldenberge vor sich her als damals. Und das könnte sich jetzt rächen. Zumal der Abstand in den Renditen französischer zu deutschen Anleihen deutlich größer geworden ist. Ein Zeichen, dass das Vertrauen in die Schuldentragfähigkeit der Grande Nation schwindet. Doch wenn Frankreich eigene Probleme bekommt, kann es auch der Eurozone nicht mehr helfen. Dann bleibt nur noch Deutschland.

Doch da zugleich auch die Renditen der Kernländer insgesamt nach oben laufen, ist das ein Zeichen, dass der Markt jetzt nicht mehr nur einzelne Länderrisiken einpreist, sondern das gesamte europäische Zinsniveau neu justiert.

Die Parallelen zu 2008

2008 trieb ein Energiepreisschock die Inflation hoch, die Notenbanken schauten zunächst nur auf die Preisentwicklung statt auf die sich verschärfende Finanzlage im Bankensektor. Und als dann Lehman fiel, kippte der Markt abrupt – und die Liquidität versiegte.

Das Muster könnte sich jetzt wiederholen: Energie ist wieder sehr teuer, die Inflationsrate steigt und nun auch die Kreditkosten. Gleichzeitig haben die Aktienmärkte gerade erst neue Allzeithochs markiert. Alle vier Ereignisse gleichzeitig sind eigentlich nicht möglich. Zumindest nicht lange. 

Logisch wäre, wenn die höheren Renditen und steigende Zinsen die Konjunktur bremsen, Haushalte und Unternehmen unter Druck setzen und irgendwann nicht mehr die Inflation, sondern Wachstumsschwäche in den Vordergrund rückt.

Anleger sollten unterscheiden

Aber ist es schon so weit? „This time is different“ ist der vielleicht teuerste Satz der Börsengeschichte – und er wurde oft widerlegt. Anleger sollten trotzdem noch nicht auf die Crash-Rhetorik anspringen. Ja, die Lage ist ernst. Ja, die Kombination aus Energiepreisen, hohen Renditen und wachsender politischer Unsicherheit erinnert an eine gefährliche Vorphase. Aber das ist noch kein Beleg für einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch. Gerade weil viele Marktteilnehmer die Geschichte kennen und schon darauf warten, sind sie nervös – und haben sich vorbereitet.

Richtig ist, dass der Markt gerade ein schlechteres Umfeld für Staatsfinanzen, Zinsen und Konjunktur einpreist. Das könnte für Rücksetzer sorgen, vor allem bei den hoch bewerteten Technologiewerten aus den USA.

Doch wie so oft gibt es in einem solchen Umfeld auch Chancen: JPMorgan sieht in den steigenden Renditen ein Zeichen von Wachstum statt von Inflation, US-Finanzminister Scott Bessent nennt die Inflationserwartungen „flach bis fallend“. Auch Fed-Chef Kevin Warsh nannte in seiner Rede in Jackson Hole die Inflationserwartungen ein wichtiges Kriterium für die Fed.

Vorteile für Europa?

Wenn Anleger aus den USA umschichten, können europäische Valueaktien profitieren, auch deutsche. Viele Unternehmen hierzulande haben angesichts der hohen Energiepreise und Produktionskosten ihre Hausaufgaben gemacht. Projekte, die manche US-Konkurrenten vermutlich erst vor sich haben.

Gut möglich, dass der Kapitalmarkt die Chancen und Risiken in Europa dann neu bewertet. Und wenn dann auch noch deutsche Staatsanleihen gefragt sein sollten, sinken sogar hierzulande die Zinsen. Wäre das möglich?

Tatsache ist: Aus solchen Neubewertungen entstehen oft spannende Kursbewegungen an den Märkten. Das Team von BÖRSE ONLINE kann Ihnen heute auch noch nicht sagen, wie das Ganze ausgeht – aber wir halten Sie dazu – und zu den sich daraus ergebenden Investmentchancen – täglich auf dem Laufenden.

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Häufige Fragen zum Thema

Warum beeinflussen Renditen auf Staatsanleihen die Aktienkurse?

Steigende Renditen auf Staatsanleihen führen oft zu sinkenden Aktienkursen, weil die vermeintlich sicheren Zinspapiere mit den risikoreicheren Aktien um das Geld der Anleger konkurrieren. Wenn die Renditen von Staatsanleihen, deren Ausfallwahrscheinlichkeit als sehr gering gilt, steigen, erhalten Investoren eine höhere, garantierte Verzinsung ohne nennenswertes Risiko. Viele Anleger schichten dann ihr Geld von Aktien in Anleihen um. 

Zweitens geht die Rendite auf Staatsanleihen als risikofreier Basiszinssatz in die Investitionsrechnung und Diskontierung künftiger Cashflows ein. Der Wert einer Aktie bemisst sich oft am Barwert ihrer zukünftigen Gewinne. Steigt der risikofreie Basiszinssatz, steigt der Diskontierungsfaktor. Dadurch werden Zahlungsströme, die weit in der Zukunft liegen, weniger Wert - und damit sinkt auch der heutige Wert der dazugehörigen Aktie.

Warum sind die Renditen auf Staatsanleihen so stark gestiegen?

Am sogenannten "langen Ende" der Zinskurve preist der Markt Inflationsrisiken und die Gefahr einer unvollständigen oder verzögerten Rückzahlunng von Staatsschulden ein. Im Fall der USA ist es die Tatsache, dass der Schuldenberg im August über 40 Billionen US-Dollar angwstiegen ist und der Staat dafür in diesem Jahr weit mehr als eine Bilion Dollar Zinsen zahlen muss. Das schränkt ihn an anderen Stellen stark ein und ist auf Dauer aus Sicht der Märkte nicht tragfähig.

Warum senkt die Notenbank den Leitzins nicht einfach?

Die Notenbank hat mit ihren Entscheidungen zum Leitzins keinen Einfluss auf das lange Ende der Zinskurve. Um die Zinsen dort zu beeinflussen, müsste sie glaubwürdig die Inflation bekämpfen, was eine Zinsanhebung zur Folge hätte. Diese wird jedoch vermieden, weil sich die US-Regierung in wachsendem Maße über Kurzläufer refinanziert. Eine Anhebung der kurzfristigen Zinsen würde zu zusätzlichen Zinszahlungen führen und das Haushlats-Budget vollends sprengen.