Erst vergangene Woche markierte der S&P 500-Index wieder ein neues Allzeithoch. Doch die Rally könnte jäh enden, wenn ein anderes Börsensegment richtig liegt: Der Bondmarkt sendet ein ernstzunehmendes Alarmsignal aus.

Wird der Anleihemarkt jetzt zum Störfaktor für die Börsen-Hausse? Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe kletterte am Montag zeitweise auf 5,33 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten. Zehnjährige Staatsanleihen stiegen über 4,7 Prozent; ein Wert, bei dem die US-Regierung unter Donald Trump in der Vergangenheit immer nervös wurde und den Börsen etwas Luft verschaffte.

Der Grund: Für Aktien sind hohe Anleiherenditen normalerweise Gift. Sie machen sichere Anleihen im Vergleich zu volatilen Aktien attraktiver – und wenn die Cashflows der Unternehmen mit höheren Zinsen diskontiert werden, sinkt ihr Kapitalbarwert und damit der faire Wert einer Aktie.

Tech-Titel leiden zuerst

Das drückt vor allem auf die Kurse wachstumsstarker Titel. Hinzu kommt: Steigende Zinsen verteuern auch die Kapitalbeschaffung über Anleihen. Diesen Geldstrom benötigen die Hyperscaler aber dringend, um ihre ambitionierten KI-Ausbauprogramme zu finanzieren. Folgerichtig stürzte der Nasdaq Composite am Dienstag um 1,4 Prozent ab. Am Indexende notierten Teradyne, Marvell Technology, Lumentum oder Sandisk zwischen acht und neun Prozent im Minus. Micron verlor fast sieben Prozent, auch Nvidia gab 2,4 Prozent ab (Stand 18 Uhr).

Braut sich da also ein perfekter Sturm zusammen? Und warum springen die Renditen überhaupt so stark an?

Nasdaq (ISIN: US6311011026)

Diesmal steigen die Renditen nicht nur in den USA

Der Markt preist damit nicht nur hartnäckige Inflation ein, sondern auch die wacklige US-Fiskallage und geopolitische Risiken aus dem Nahen Osten. Experten befürchten, dass es diesmal nicht mit einem kurzen Renditezucken getan ist, sondern der Markt nun einen Regimewechsel bei den langfristigen Zinsen erlebt, vor dem Pessimisten schon lange warnen.

Die 30-jährige Treasury-Rendite kam zwar am Dienstag im Tagesverlauf leicht auf 5,305 Prozent zurück, doch der Schaden ist angerichtet. Vor allem die 10-jährige Rendite notiert mit 4,72 Prozent nun auf einem Niveau, das Kreditnehmern, Immobilienfinanzierern und Unternehmen richtig wehtut.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Bewegung diesmal nicht isoliert auf die USA beschränkt bleibt. In Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien stiegen die langfristigen Renditen ebenfalls auf Mehrjahreshochs. Das heißt: Der Renditedruck erfolgt jetzt global, er trifft alle Märkte.

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40 Billionen Dollar US-Schulden

Der Hauptauslöser ist bekannt: Das US-Haushaltsdefizit ist im Juli auf 432,3 Milliarden US-Dollar gesprungen, den höchsten Monatswert seit März 2021. Seit Jahresbeginn summiert sich das Haushaltsloch der Trump-Regierung schon auf fast 1,8 Billionen US-Dollar. Das bedeutet, dass der US-Schuldenberg nun auf fast 40 Billionen US-Dollar angewachsen ist – worauf der Staat in diesem Jahr rund 1,2 Billionen US-Dollar Zinsen bezahlen muss.

Das ist für Anleihegläubiger keine Kleinigkeit, zumal auch die Inflation weiterhin deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed rangiert. Das wiederum liegt vor allem am Ölpreis.

Der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI stieg am Dienstag erneut über 85 US-Dollar, weil die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran festgefahren sind.

Börsen haben die Signale lange ignoriert

Wochenlang haben viele Anleger diese Entwicklungen ignoriert. Der KI-Trend und der Boom bei den Chipwerten schienen alle Mahner Lügen zu strafen. Doch die Abhängigkeit der KI-Giganten auch vom Bondmarkt steigt. Denn auf der Suche nach weiteren zig Milliarden für den Ausbau ihrer KI-Rechenzentren müssen Alphabet, Microsoft oder Amazon nun selbst den Anleihenmarkt anzapfen – und hängen damit an dessen Finanzierungskonditionen.

Das ist die eigentliche Gefahr: Wenn die Zinsen am langen Ende weiter steigen, wird aus einem theoretischen Bewertungsproblem schnell ein echtes Gewinnproblem. Die Diskontierung drückt die Barwerte, die Refinanzierung wird teurer und die Attraktivität risikoreicher Anlagen nimmt ab.

Was Anleger jetzt beachten müssen

Anleger sollten dieses Warnsignal genau im Auge behalten: Steigende Renditen auf Staatsanleihen zeigen, dass Anleger dem Staat deutlich mehr für langlaufendes Kapital abverlangen. Dass der Anstieg diesmal auch in der Breite erfolgt, also über viele Länder hinweg, weist zudem darauf hin, dass das Thema diesmal nicht mit einer einzelnen Maßnahme der US-Regierung erledigt sein könnte.

Die Nervosität im Markt nimmt zu. Viel wird jetzt davon abhängen, ob Donald Trump und sein Finanzminister Scott Bessent auch diesmal die richtigen Worte finden, um den Markt wieder zu beruhigen. Dazu müssten sie wohl auch ernsthafte Maßnahmen ankündigen, um das Defizit einzudämmen.

An der Zinsfront steigt derweil die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung in den USA noch im September immer weiter an. Die Volkswirte der Commerzbank beziffern die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt nach oben anhand der Futures mittlerweile auf 32 Prozent. Alle Augen seien nun auf die Fed-Minutes gerichtet, die in dieser Woche veröffentlicht würden, schreibt der Zinsstratege der Commerzbank, Erik Liem. „Die Märkte dürften daher die Details der Argumente innerhalb des FOMC genau verfolgen, insbesondere die der drei Abweichler.“ Denn schon in zwei Wochen steht mit dem Notenbank-Treffen in Jackson Hole (27. bis 29. August) das nächste Highlight an.

Häufige Fragen zum Thema

Warum steigen die Renditen gerade jetzt so stark? 

Der Anleihenmarkt preist nicht nur eine höhere Inflation, sondern auch die schwache US-Fiskallage und geopolitische Risiken ein. Dazu kommt, dass die wachsende Staatsverschuldung, vor allem der USA, das Vertrauen in langlaufende US-Anleihen belastet. Das treibt die Renditen zusätzlich nach oben.

Welche Aktien trifft das besonders?

Vor allem wachstumsstarke Tech-Werte leiden, weil ihre künftigen Gewinne bei höheren Zinsen stärker abgezinst werden. Auch Firmen, die viel Kapital für den KI-Ausbau brauchen, spüren den Druck. Deshalb geraten Nasdaq-Titel oft besonders schnell unter Verkaufsdruck.

Was sollten Anleger jetzt beachten?

Steigende Renditen sind ein Warnsignal, das man nicht ignorieren sollte. Wenn sie, so wie diesmal, sogar global anziehen, wird es für Aktienanleger insgesamt ungemütlicher. Investoren sollten deshalb stärker auf Bewertung, Zinsrisiko und Verschuldung achten.

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