Was erwartet die Märkte unter dem neuen US-Notenbank-Chef Kevin Warsh? Welche Wünsche von Donald Trump wird er umsetzen? Antworten von Karin Kunrath, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management.
€uro Magazin: Ist Kevin Warsh ein geldpolitischer Falke oder eine Taube?
Karin Kunrath: Historisch war Warsh als Falke einzuordnen, und das gilt zum Beispiel beim Thema Umfang der Bilanz der Notenbank wohl noch immer. Er hat aber auch eine starke Meinung zum Thema Künstliche Intelligenz, wo er starken Disinflationsdruck durch hohe Produktivitätsgewinne erwartet, was seiner Meinung nach zum Teil deutliche Zinssenkungen nötig machen würde. Und das wird ihm als taubenhaft ausgelegt.
US-Präsident Trump will niedrige Zinsen. Kann sich Warsh dem erwarteten politischen Druck aus dem Weißen Haus entziehen?
Im Gremium der US-Notenbank, dem Offenmarktausschuss, hat Warsh genau eine Stimme wie alle anderen. Er kann zwar die Leitlinie vorgeben, aber wenn er keine guten Argumente für Zinssenkungen hat, wird er sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen schwertun, eine Mehrheit zu finden, – und das weiß er natürlich auch. Zinssenkungen rein auf Zuruf aus dem Weißen Haus wird es damit nicht geben. Für den Präsidenten wird das wohl eine Enttäuschung geben.
Vita
Karin Kuhnert ist seit Novemebr 2023 Investmentchefin (Chief Investment Officer) bei der österreichischen Fondsgesellschaft Raiffeisen Capital Management mit Sitz in Wien.
Warsh will die Bilanz der Fed abbauen. Ergeben sich dadurch Spielräume für Zinssenkungen?
Die Größe der Bilanz der Fed spielt hinsichtlich der Möglichkeit, Zinssenkungen vornehmen zu können, eigentlich eine untergeordnete Rolle. Relevant ist die Fed-Bilanz aber für das regulatorische Umfeld des Finanzsektors. Das müsste sich deutlich ändern, um mit einer kleineren Fed-Bilanz agieren zu können, ohne größere Verwerfungen in der Finanzwirtschaft auszulösen. Ob mit einer geänderten Regulatorik ein niedrigeres Zinsniveau einhergehen kann, ist aktuell daher nicht absehbar. Vor allem ist so eine Änderung kurzfristig nur schwer umsetzbar und braucht Zeit. Zudem sind viele seiner Kolleginnen und Kollegen bei der Fed mit dem aktuellen geldpolitischen Rahmenwerk und der größeren Bilanz sehr zufrieden.
"Ein niedrigeres Zinsniveau ist aktuell nicht absehbar"
KI wirke langfristig deflationär. Teilen Sie die Einschätzung von Warsh?
Historisch haben alle großen technischen Neuerungen in unterschiedlichem Ausmaß Preisdruck nach unten gebracht, weil sich damit die Produktivität verbesserte und Ineffizienzen bestehender Technologien überwunden wurden. Das Alte wurde adaptiert oder musste ganz weichen, mit all den Konsequenzen für Produkt- und Arbeitsmärkte. Wohl auch diesmal wird es so sein. Wobei die Umsetzung von technologischen Revolutionen oftmals länger dauert als anfangs erwartet oder befürchtet. Das Ausmaß der nachfolgenden Transformation ist aber zumeist umfassender als gedacht.
Im April ist die US-Inflationsrate im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 3,8 Prozent gestiegen. Erwarten Sie noch höhere Teuerungsraten in den kommenden Monaten?
Das zyklische Inflationshoch ist noch nicht erreicht. Der Preisdruck entsteht aktuell vor allem durch die Krise am Persischen Golf, während sich die inflationäre Zollthematik bereits im Abebben befindet. Abhängig von der weiteren Entwicklung der Energiepreise sollte das Inflationshoch bis zum Sommer erreicht sein, wobei Werte bis 4,5 Prozent im Jahresvergleich wahrscheinlich sind. Vom Arbeitsmarkt kommt aktuell wenig Inflationsdruck, und mit einer etwas schwächeren Konjunktur im 2. Halbjahr 2026 dürfte dann eine ganz leichte Entspannung einsetzen, die sich 2027 deutlich verstärkt fortsetzt.
Das Interview führte Jörg Billina vom Magazin „€uro“. „€uro“ gehört wie BÖRSE ONLINE zur Börsenmedien AG
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