Die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen sind am Montag auf Mehrjahreshochs gestiegen – und 62 Prozent der globalen Fondsmanager rechnen mit einem weiteren Anstieg. Warum das auch für Aktionär eine beunruhigende Nachricht ist. 

30-jährige US-Anleihe: Rendite auf höchstem Stand seit 1999

Laut einer aktuellen Umfrage der Bank of America erwarten 62 Prozent der befragten globalen Fondsmanager, dass die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihen sogar die Marke von sechs Prozent erreichen wird. Das entspräche dem höchsten Stand seit Ende 1999 und einem Anstieg von rund 86 Basispunkten gegenüber dem aktuellen Niveau. Lediglich 20 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass die Rendite auf vier Prozent zurückfällt.

Auch die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe – der wichtigste Referenzwert für das amerikanische Staatsschuldenmanagement – hatte am Montag kurzzeitig den höchsten Stand seit 15 Monaten erreicht und notierte am Dienstagmorgen bei rund 4,61 Prozent. Die zweijährige Anleihe notierte bei 4,07 Prozent.

Der folgende Chart zeigt den Kurs 10-jähriget US-Staastanleihen. Sinkende Anleihenkurse bedeuten bei Anleihen umgekehrt steigende Renditen.

TREASURY 10Y RF ER USD (WKN: SL0B1P)

Energiepreise und Haushaltsdefizite treiben die Kurse

Die Stimmung am globalen Rentenmarkt wird von mehreren Faktoren belastet. Mohit Kumar, Chefökonom und Stratege bei Jefferies, sieht die Haupttreiber in den stark gestiegenen Energiekosten sowie in wachsenden Sorgen um die staatlichen Haushaltsdefizite. „Selbst wenn es einen Deal im Nahen Osten geben sollte – Öl wird nicht auf das Niveau vor dem Krieg zurückfallen. Wir gehen davon aus, dass der Preis in sechs Monaten rund 25 bis 30 Prozent höher liegen wird", sagte Kumar dem US-Börsensender CNBC. Ein Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent notierte am Dienstagvormittag etwas oberhalb von 110 Dollar.

Hinzu komme der fiskalische Druck, warnte Kumar. Jede Regierung wolle die Haushalte mit Subventionen für Energiekosten entlasten. „Das bedeutet mehr Staatsverschuldung und übt Druck auf das lange Ende der Zinskurve aus." Auch in Europa sind die Anleihen-Renditen zuletzt gestiegen: Die zehnjährige deutsche Bundesanleihe rentierte am Montag bei 3,15 Prozent, die 30-jährige britische Staatsanleihe sogar bei 5,77 Prozent.

Japan und China ziehen sich aus US-Anleihen zurück

Der Druck auf den US-Anleihemarkt kommt nicht nur von innen, auch ausländische Zentralbanken verkaufen. Wie aus aktuellen Daten des US-Finanzministeriums hervorgeht, haben die wichtigsten ausländischen Gläubiger der USA ihre Bestände an US-Staatsanleihen im März deutlich reduziert. China senkte seine Bestände auf 652,3 Milliarden Dollar – ein Rückgang um rund sechs Prozent gegenüber Februar und der niedrigste Stand seit September 2008. Japan, der größte ausländische Einzelhalter von US-Staatsanleihen, verkaufte rund 47 Milliarden Dollar und hält nun noch 1,191 Billionen Dollar. In der Summe sanken die gesamten ausländischen Bestände von 9,49 Billionen Dollar im Februar auf 9,25 Billionen Dollar im März. Allein durch den Kursverfall verbuchten ausländische Investoren im März Bewertungsverluste von 142,1 Milliarden Dollar auf ihre langfristigen US-Anleihepositionen. Gegen den Trend erhöhte Großbritannien seine Bestände um rund 29,6 Milliarden Dollar auf 926,9 Milliarden Dollar.

Der Haupttreiber für die Verkäufe war der Golf-Krieg: Der Ausbruch des Konflikts zwischen den USA und Iran ließ den japanischen Yen und andere asiatische Währungen abstürzen. Volkswirtschaften, die stark vom Öl aus dem Golf abhängig sind – allen voran Japan – sehen sich dem größten Energiepreisschock seit Jahrzehnten ausgesetzt. Um ihre Währungen zu stabilisieren, verkauften die Notenbanken Teile ihrer Dollar-Reserven. „Angesichts der gestiegenen finanziellen Volatilität und des Drucks auf die Wechselkurse, insbesondere in Asien, ist es kein Wunder, dass die US-Anleihebestände der Zentralbanken gesunken sind", sagte Frederic Neumann, Chefökonom Asien bei HSBC gegenüber CNBC. Die offiziellen Zahlen aus China bewerten Experene seit jeher mit Vorsicht: Sie unterschätzten regelmäßig den wahren Umfang der chinesischen US-Anleihebestände. Über sogenannte „Schattenpositionen" in Verwahrstellen wie Belgien und Luxemburg – die zusammen rund 893 Milliarden Dollar umfassen sollen – sind Chinas tatsächliche Engagements in Wahrheit deutlich höher als ausgewiesen. Analysten gehen allerdings davon aus, dass China seine Gesamtposition an US-Staatsanleihen vorerst weitgehend stabil hält. Die jüngsten Veränderungen seien vor allem auf kurzfristige Marktschwankungen zurückzuführen.

Was steigende Renditen für Aktionäre bedeuten

Auch für Aktionäre sind steigende Anleiherenditen ein ernstzunehmendes Warnsignal. Denn je höher die risikofreie Rendite von Staatsanleihen, desto unattraktiver werden Aktien im Vergleich – und desto stärker steigt der Druck auf die Bewertungen von Wachstumstiteln. Gleichzeitig warnt Jefferies-Stratege Kumar davor, die Reaktion der Notenbanken zu überschätzen: Obwohl der Markt bereits Zinserhöhungen einpreise, sei das angesichts einer Konjunkturabkühlung bei gleichzeitig steigender Inflation „nicht gerechtfertigt".

Stagflationssorgen, hohe Energiepreise und explodierende Staatsschulden ergeben für Anleger eine komplexe und gefährliche Gemengelage. Auch wenn die jüngsten Kursrekorde, insbesondere bei den Chipaktien, den Anschein erwecken lassen, es sei alles in Ordnung, so nimmt das Rückschlagpotenzial durch die Entwicklungen am Anleihenmarkt deutlich zu. Anleger sollten sich dessen bewusst sein.,

Wann reagiert Donald Trump?

Spannend dürfte auch sein, wie Donald Trump auf die steigenden Renditen reagiert. In der Vergangenheit hatte der Präsident meist einen Kurswechsel vollzogen, sobald sich die die Zehnjahres-Rendite der Schwele von fünf Prozent näherte.

Jetzt wäre es (eigentlich) wieder soweit.

Als Sparer das hohe Zinsniveau nutzen

Die steigenden Rendite am Anleihenmarkt haben bei einigen Banken zu einer Anhebung des Tagesgeldzinsen geführt. Bei welchen Banken Sie als Neukunde aktuell bis zu 3,4 Prozent Zinsen auf ihr Geld bekommen, erfahren Sie im Tagesgeld-Vergleich von BÖRSE ONLINE.

 

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Häufige Fragen zum Thema

Warum sind die Renditen auf Staatsanleihen für die Börse relevant?

Bewertet man eine Aktie fundamental, dann spiegelt ihr Kurs den heutigen Wert aller künftigen Erträge wider. Berechnet man diesen Wert anhand der Kapitalbarwertmethode, werden alle künftigen Erträge mit demselben Zinssatz abgezinst (Rechnungszins). Steigt der Rechnungszins, sinkt der heutige Kapitalbarwert - und damit auch der Wert der Aktie. Daher treffen steigende Zinsen vor allem Unternehmen, die den Großteil ihrer erwarteten Erträge erst sehr weit in der Zukunft erzielen sollen.


Warum sind insbesondere US-Staatsanleihen für die Kapitalmärkte so wichtig?

US-Staatsanleihen gelten - trotz Downgrades der USA durch einige Ratingagenturen - immer noch als ausfallsicher. Damit definiert ihre Zins- bzw. Rendite den sicheren Zins, der in allen Investitions- und Finanzierungsmodellen als Vergleichsmaßstab herangezogen wird. Steigt dieser Zins, werden manche Investitionen im Vergleich dazu unrentabel. Sie werden nicht mehr durchgeführt oder - bei Wertpapieren wie Aktien - verkauft. Auch abgezinste künftige Geldströme (Cashflows) auf den heutigen Tag, etwa im Rahmen einer Kapitalbarwertrechnung, sind weniger wert, wenn der Zins steigt.


Warum ist die Marke von fünf Prozent so wichtig?

Die Fünf-Prozent-Marke gilt als Kipppunkt für Staatshaushalte. Nach einer Faustformel steigen die Zinsen auf Staatsschulden ab diesem Wert schneller als der Staat Einnahmen generieren kann. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Volkswirtschaften langsamer wachsen als fünf Prozent. Eine Verschuldungsquote über 100 Prozent des BIP verschärft diesen Effekt.