Steigende Realzinsen und höhere Leitzinsen – eigentlich müsste Gold derzeit kräftig unter Druck stehen. Doch genau das passiert nicht. Selbst die ETF-Nachfrage zieht wieder an. Was steckt hinter dieser ungewöhnlichen Entwicklung?

Eine interessante Erklärung liefert Ole Hansen, Leiter der Rohstoffstrategie bei der Saxo Bank. Für ihn sprechen die jüngsten Marktdaten dafür, dass sich eine lange Zeit gültige Beziehung zunehmend verändert: Der Goldpreis – und mittlerweile auch die Nachfrage nach Gold-ETFs – entkoppelt sich von den steigenden Realrenditen. Besonders die wachsenden Sorgen über Staatsverschuldung und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen könnten dafür verantwortlich sein.

Goldpreis entkoppelt sich von steigenden Realrenditen

Normalerweise sind hohe Realzinsen schlecht für Gold. Schließlich wirft das Edelmetall weder Zinsen noch Dividenden ab, während Anleihen mit steigenden Renditen attraktiver werden. Wie stark dieser Mechanismus wirken kann, zeigte sich 2022 und 2023. Damals führten kräftige Zinserhöhungen und steigende Realrenditen zu erheblichen Abflüssen aus Gold-ETFs. Der Goldpreis hielt sich dennoch vergleichsweise gut, weil unter anderem die starke Nachfrage der Zentralbanken für Unterstützung sorgte.

Heute stellt sich die Situation anders dar. Nicht nur der Goldpreis, sondern zunehmend auch die ETF-Nachfrage scheint sich von den hohen Realrenditen abzukoppeln. Die Zahlen des World Gold Council (WGC) unterstreichen diesen Wandel eindrucksvoll. Von 2021 bis 2024 summierten sich die weltweiten Abflüsse aus Gold-ETFs auf rund 542 Tonnen. Allein 2023 wurden 242 Tonnen abgezogen, 2022 waren es 108,3 Tonnen und 2021 belief sich das Minus 188,6 Tonnen. 2024 war ein Abfluss von lediglich 3,1 Tonnen registriert worden.

Im vergangenen Jahr erfolgte dann die Trendwende: 2025 flossen weltweit 803,3 Tonnen in Gold-ETFs. Auch 2026 hält das Interesse an. Bislang summieren sich die Zuflüsse auf 223 Tonnen. Auffällig ist dabei die jüngste Beschleunigung: Nach 23,5 Tonnen im Juli kamen im August weitere 120,4 Tonnen hinzu.

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Gold (ISIN: XC0009655157)

Hohe Anleiherenditen werden zum Warnsignal

Hansen liefert für diese ungewöhnliche Entwicklung eine interessante Erklärung. Anleger könnten hohe langfristige Renditen zunehmend nicht mehr ausschließlich als Konkurrenz für Gold betrachten. Steigende Renditen können schließlich auch Ausdruck wachsender Sorgen über hohe Staatsschulden, zunehmende Zinskosten und die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen sein. Damit verändert sich ihre Wirkung auf den Goldpreis.

Gerade dieser Perspektivwechsel könnte erklären, warum die jüngste Zinserhöhung der US-Notenbank keinen stärkeren Ausverkauf bei Gold ausgelöst hat. Hansen geht davon aus, dass die restriktivere Geldpolitik der Fed bereits weitgehend eingepreist war. Gleichzeitig haben die Bestände goldgedeckter ETFs trotz der jüngsten Preisschwäche ein Siebenmonatshoch erreicht.

Hinzu kommt, dass sich die Käuferbasis verbreitert hat. Neben der weiterhin hohen Zentralbanknachfrage kehren westliche ETF-Anleger zurück, während die Investmentnachfrage aus Asien robust bleibt. Damit ist Gold weniger stark von einer einzelnen Anlegergruppe abhängig als noch vor einigen Jahren.

ETF-Zuflüsse sprechen für einen robusten Goldmarkt

Eine Garantie für weiter steigende Goldpreise liefern diese Daten allerdings nicht. Hohe Realzinsen bleiben grundsätzlich ein Belastungsfaktor, und kurzfristige Rückschläge sind jederzeit möglich. Bemerkenswert ist jedoch, dass ein früher ausgesprochen zuverlässiger Gegenwind derzeit deutlich an Wirkung verliert.

Fazit: Zinserhöhungen können die Goldrally bremsen, müssen sie aber nicht beenden. Die Kombination aus wieder steigenden ETF-Beständen, Zentralbankkäufen und wachsenden Sorgen über die Staatsfinanzen sorgt laut Hansen für eine robuste fundamentale Nachfrage. Die ETF-Daten der vergangenen Monate liefern hierfür ein starkes Indiz.

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