Steigende Zinsen gelten traditionell als Gegenwind für Gold. Dennoch beweist der Goldpreis bislang ein bemerkenswert hohes Maß an relativer Stärke. Und das, obwohl die Geldpolitik in der Eurozone, den USA und Japan zuletzt restriktiver geworden ist.
Eine besonders interessante Erklärung dafür liefert Suki Cooper, Leiterin der Rohstoffanalyse bei Standard Chartered. Sie sieht Anzeichen dafür, dass klassische Einflussfaktoren für den Goldpreis an Bedeutung verlieren.
Goldpreis trotzt der Zinswende
Wie ungewöhnlich die aktuelle Situation ist, zeigt ein Vergleich mit dem Jahresbeginn. Anfang 2026 rechneten die Finanzmärkte noch mit zwei Zinssenkungen der US-Notenbank. Gold kostete damals rund 4.500 Dollar. Inzwischen hat sich das geldpolitische Bild grundlegend verändert: Die Fed hat ihre Leitzinsen erhöht, und eine weitere Anhebung wird erwartet. Trotzdem notiert Gold nur moderat unter dem damaligen Niveau. Zudem hat das Edelmetall den jüngsten Zinsschritt um 25 Basispunkte ausgesprochen gut verkraftet.
Für Cooper ist dies ein Hinweis darauf, dass die traditionelle Abhängigkeit des Goldpreises von den US-Renditen schwächer wird. Normalerweise belasten steigende reale Zinsen das Edelmetall, weil Gold selbst keine laufenden Erträge abwirft. Doch die Korrelation hat zuletzt deutlich nachgelassen. Gegenüber zehn- und 30-jährigen US-Renditen nähert sie sich laut Standard Chartered inzwischen neutralem Terrain. Auch die negative Korrelation zu zwei- und fünfjährigen Realrenditen hat sich innerhalb eines Monats merklich abgeschwächt.
Dazu passt, dass Gold-ETFs trotz hoher Anleiherenditen wieder kräftige Zuflüsse verzeichnen. Im August flossen den Produkten laut Cooper 121 Tonnen Gold zu – so viel wie seit September 2025 nicht mehr. Die Nachfrage blieb selbst bestehen, als die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen über fünf Prozent stieg.
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Strukturelle Faktoren stützen Gold
Cooper sieht den Grund dafür in einer Verschiebung der Wahrnehmung. Kurzfristige Zinserwartungen verlieren gegenüber längerfristigen Themen an Gewicht. Dazu gehören die Abkehr vom Dollar in Teilen des internationalen Finanzsystems, Sorgen über eine schleichende Geldentwertung sowie das Risiko staatlicher Eingriffe in die Finanzmärkte. Hinzu kommt die weiterhin starke Goldnachfrage des offiziellen Sektors, insbesondere der Zentralbanken. Diese Faktoren könnten nach Einschätzung von Standard Chartered einen „soliden Boden“ für Gold bilden.
Interessant ist außerdem die Positionierung am Terminmarkt. Vor der jüngsten Fed-Sitzung hatten taktisch orientierte Anleger ihre Engagements reduziert und Gewinne mitgenommen. Eine spekulative Überhitzung sieht Standard Chartered dennoch nicht. Dies könnte das Risiko einer größeren Verkaufswelle begrenzen, falls neue Belastungsfaktoren auftreten.
Mit einer schnellen Rückkehr sinkender Zinsen rechnet die Bank allerdings nicht. Die Volkswirte von Standard Chartered erwarten eine weitere Fed-Zinserhöhung im Dezember und anschließend unveränderte Leitzinsen während des gesamten Jahres 2027. Trotzdem prognostiziert die Bank für das vierte Quartal 2026 einen durchschnittlichen Goldpreis von rund 4.650 Dollar und für das dritte Quartal 4.350 Dollar.
Starker Dollar bleibt Risiko für den Goldpreis
Ganz immun gegen die Geldpolitik sei Gold allerdings nicht. Als wichtigstes kurzfristiges Risiko betrachtet Cooper inzwischen weniger steigende Realzinsen als vielmehr einen stärkeren Dollar. Die inverse Korrelation zwischen Gold und Dollar liegt auf Dreimonatssicht weiterhin bei rund 54 Prozent und ist damit wesentlich ausgeprägter als die aktuelle Beziehung zu den Realrenditen. Weitere Zinserhöhungen könnten den Renditevorteil des Dollars stärken und damit den Goldpreis belasten.
Fazit: Standard Chartered erwartet bei Gold keinen geradlinigen Anstieg. Kurzfristig dürften Zinsen und Dollar für Schwankungen sorgen. Grundsätzlich sieht Cooper aufgrund von Zentralbanknachfrage, ETF-Zuflüssen sowie Sorgen um Währungen und Finanzsystem aber weiterhin einen soliden Boden unter dem Goldpreis. Das könnte erklären, warum selbst eine Zinsentwicklung, die Anfang 2026 kaum ein Anleger erwartet hatte, die langfristige Goldstory bislang nicht aus der Bahn geworfen hat.
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