Bei BioNTech geht es aktuell drunter und drüber, die Fragezeichen mehren sich. Höhlen die verlassenden Gründer das Unternehmen aus? Was passiert im Hintergrund? Und warum sind noch immer keine Details bekannt? AKTIONÄR- und BÖRSE ONLINE-Herausgeber und BioNTech-Aktionär Bernd Förtsch kritisiert die Vorgänge scharf. 

Özlem Türeci und Uğur Şahin wollen BioNTech verlassen, um ein neues Unternehmen zu gründen. Die Details sind noch immer unklar, auch wenn der Stichtag (31. Dezember) immer näher rückt. 

Im Interview mit DER AKTIONÄR hat BioNTech-Aktionär Bernd Förtsch die Vorgänge nun scharf kritisiert. Der Aktionär gehört wie Börse Online zur Börsenmedien AG, deren Mehrheitsaktionär Bernd Förtsch ist.

DER AKTIONÄR: Herr Förtsch, im Fall BioNTech tappt die Börse nach wie vor im Dunkeln. Macht Sie die Angelegenheit fassungslos?

BERND FÖRTSCH: Ja, durchaus. Was derzeit passiert, wirkt eher wie Kindergarten als wie ein Vorgang bei einem Unternehmen dieser Größenordnung. BioNTech kommt auf eine Marktkapitalisierung von 21 Milliarden Euro und wäre damit ein DAX-Wert, wenn das Unternehmen sein primäres Listing in Deutschland hätte. Da erwartet man Professionalität – gerade von Gründern, die dank der mRNA-Technologie und des Börsenerfolgs zu Milliardären geworden sind.

Auf Ihre Fragen vor drei Monaten schickte das Unternehmen nur Allgemeinplätze.

Richtig, und danach kam nichts mehr. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass im Konzern selbst viele Fragen offen sind. Die beiden Gründer wollen ein eigenes Unternehmen aufbauen. Parallel werden bei BioNTech Standorte geschlossen und tausende Mitarbeiter entlassen. Einen klaren Plan erkenne ich nicht. 

Für mich sieht das alles nach einer Verschärfung der Lage aus. Während Moderna vorangekommen ist, hat man von BioNTech im operativen Bereich wenig gehört. Jetzt entsteht der Eindruck, dass die Gründer das gigantische mRNA-Potenzial von BioNTech für relativ wenig Geld übernehmen wollen. Es machen ja schon Worte wie Enteignung die Runde.

Was müsste getan werden?

Wenn feststeht, dass die Zusammenarbeit mit Türeci und Şahin nicht fortgesetzt wird, ist es ein ganz normaler Prozess, sich nach einem neuen Vorstand umzusehen. Dieser Schritt hätte längst erfolgen müssen. Ich verstehe nicht, warum man die bisherige Konstellation bis zum Jahresende weiterlaufen lässt. Das bringt eine immense Unruhe in das Unternehmen, die Mitarbeiter sind verunsichert. Nachvollziehbar, denn möglicherweise stehen ja ihre Jobs auf dem Spiel. Wer so blockiert ist, kann nicht mehr voller Elan forschen. Und das ist aus der Sicht der Börse ein unakzeptabler Zustand, zumal Moderna bei mRNA mit Siebenmeilenstiefeln vorankommt. Der Moderna-Aktienkurs hat sich seit Mitte August mehr als verdreifacht.

Wieso tut sich der Aufsichtsrat so schwer? Aufsichtsratschef Helmut Jeggle hat bekanntlich einen guten Draht zu den Großaktionären Andreas und Thomas Strüngmann. Warum kommt da nicht mehr Druck?

Offensichtlich will man keine Eskalation, schließlich haben Şahin und Türeci Außergewöhnliches geleistet. Ohne sie wäre der Aufstieg von BioNTech nicht gelungen. Trotzdem: Die aktuelle Situation ist nicht tragbar, es muss eine Lösung her – ganz schnell. Die Parteien können ja sagen: Wir finden keine gemeinsame Lösung, deshalb werden die Gründer von ihren Vorstandsaufgaben entbunden. Die Verträge können bis zum Jahresende erfüllt werden, aber sie müssen das Unternehmen verlassen. Auf der einen Seite steht BioNTech, auf der anderen Seite das neue Unternehmen Arife mit ähnlicher technologischer Ausrichtung. Das ist ein offensichtlicher Interessenkonflikt. Türeci und Şahin hätten wegen der Corporate Governance schon längst zurücktreten müssen. Beide Seiten zu vertreten ist ja grotesk – und das noch bei diesem brisanten Thema.

Macht in diesem Fall irgendjemand eine gute Figur?

Ich sehe eher Versagen auf allen Ebenen. Zudem läuft es bei BioNTech schon länger nicht rund. Da müssen Sie sich ja nur mal den Aktienkurs ansehen. Erst Crash, dann langer Seitwärtstrend. Positive News über irgendeinen nennenswerten Durchbruch? Fehlanzeige. Zudem hat BioNTech 16,6 Milliarden Euro Cash und offenbar keinen Plan, wie sie das Geld am besten investieren. Kurzlaufende US-Anleihen bringen übrigens mittlerweile über vier Prozent Rendite – also rund 700 Millionen Euro im Jahr, falls man die 16,6 Milliarden anlegen würde. Gleichzeitig schließen die CureVac-Werke. Dabei haben sie für die Übernahme von CureVac viel Geld bezahlt. Und dann kommt im März die Meldung, dass die beiden Gründer das Schiff verlassen. Die Gründer wollen sich auf mRNA konzentrieren, während das Unternehmen selbst in diesem Bereich keine klare Lösung präsentiert. Das soll mir mal einer erklären.

Laut Handelsblatt sollen Führungskräfte gefragt worden sein, ob sie in das neue Unternehmen wechseln wollen.

Wenn das so ist, darf man es nicht einfach laufen lassen. Warum sollte ein Unternehmen sein Know-how in eine andere Gesellschaft fließen lassen, zu der aktuell keine klare Verbindung besteht? Gerade bei einem börsennotierten Unternehmen muss man solche Baustellen vermeiden. 

BioNTech hätte eine interne Lösung wählen können: ein eigenes Unternehmen innerhalb des Konzerns, an dem BioNTech die Mehrheit hält. Die Gründer hätten dort weiterarbeiten und ihre Freiheiten bekommen können. Aber man kann doch nicht einfach Technologie, Mitarbeiter und gewachsene Erfahrung hergeben. Die Filetstücke verschwinden doch dann und geraten in die Hände von Ex-Mitarbeitern.

Was erwarten Sie von den Großaktionären, den Strüngmann-Brüdern?

Als Großaktionäre tragen sie Verantwortung. Der Aufsichtsratsvorsitzende und der Aufsichtsrat müssten jetzt gemeinsam mit ihnen für Klarheit sorgen. Es braucht ein hartes, eindeutiges Statement: Es wird nichts zu unangemessenen Bedingungen abgegeben und nichts überstürzt verkauft. Sie müssen im Sinne des Unternehmens und der Aktionäre handeln.

Wie sollte der Wert der mRNA-Aktivitäten von BioNTech ermittelt werden?

Auf keinen Fall in einem privaten Basar mit einer verwobenen Gegenseite. Wir haben es hier mit einem Related Party Deal zu tun und brauchen einen Drittvergleich und eine unabhängige Fairness Opinion – kein Höflichkeitsgutachten. Stichwort Arm’s Length. Ein Sonderausschuss des Aufsichtsrats sollte eine Investmentbank oder einen unabhängigen Berater beauftragen, bevor irgendeine verbindliche Vereinbarung geschlossen wird. Dabei darf man nicht nur auf Patente und Forschungsprogramme schauen. Auch die Mitarbeiter und das über Jahre aufgebaute Corporate Memory haben einen Wert. Ein unabhängiger Dritter würde dafür bezahlen. Deshalb muss geklärt werden, welche Programme, Technologien und Patente überhaupt übertragen werden sollen und wie die beteiligten Köpfe zu bewerten sind.

Wie viel von dem Dilemma ist im Aktienkurs eingepreist?

Da ist schon eine Menge Negatives eingepreist, würde ich sagen. Was Hoffnung macht: Bei einer Marktkapitalisierung von 21,8 Milliarden Euro und einem Cashbestand von 16,6 Milliarden Euro wird der übrige Teil von BioNTech nur mit 5,2 Milliarden Euro bewertet. Die Onkologie- und mRNA-Aktivitäten könnten aus meiner Sicht deutlich mehr wert sein. 

Herr Förtsch, bis zum Jahresende ist nicht mehr viel Zeit. Wie wahrscheinlich ist es, dass es eine vorzeitige Lösung im Fall BioNTech gibt?

Man kann nur hoffen, dass Vernunft einkehrt. Es darf nicht bis zum 31. Dezember gewartet werden, die Linien müssen vorher gezogen werden. Die Gründer haben gekündigt und wollen aus dem Unternehmen heraus ein eigenes Geschäft aufbauen. Der Aufsichtsrat muss jetzt eingreifen. 

Es geht um die Interessen des Unternehmens, der Mitarbeiter und der Aktionäre. Die Situation wirkt inzwischen destruktiv. Deshalb braucht BioNTech kein weiteres Abwarten, sondern eine klare Entscheidung, eine unabhängige Bewertung und ein belastbares Zukunftskonzept.

Halten Sie Ihre Aktien weiter?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Aufsichtsrat einer Abspaltung zustimmt. Kommt es so und die Gründer bleiben sogar an Bord, würde Sicherheit in den Aktienkurs zurückkehren.

Weiterführende Links

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: BioNTech.