Ein namentlich nicht genannter Großkunde hat den Entwickler Crusoe Energy angewiesen, den Bau eines Rechenzentrums in Wyoming zu pausieren. Gleichzeitig brodelt es vor Ort: Der KI-Boom verwandelt Wyoming in eine Großbaustelle – und die Bewohner laufen Sturm.
Ein Entwickler von KI-Rechenzentren in den USA hat am Dienstagabend mit einer kleinen Nachricht die Märkte verunsichert: Man habe die Bauarbeiten an einem 1,8-Gigawatt-Campus in Cheyenne, Wyoming, auf Bitten eines ungenannten Kunden pausiert, teilte das Unternehmen Crusoe Energy Systems mit. Crusoe hatte das Projekt gemeinsam mit dem Energieunternehmen Tallgrass entwickelt, das von Blackstone unterstützt wird, meldet der Börsendienst Bloomberg.
Wer hinter dem Großkunden steckt, der den Stopp veranlasst hat, ist nicht bekannt. Allerdings weiß man, dass der Hyperscaler Oracle regelmäßig und intensiv mit Crusoe zusammenarbeitet. Deshalb ist das Timing brisant: Oracle veröffentlicht am Mittwochabend seine mit Spannung erwarteten Quartalszahlen. Am Markt kamen prompt Spekulationen auf: das Rechenzentrum stehe in Zusammenhang mit dem von der US-Regierung geförderten Stargate-Projekt.
Crusoe ist gut ausgelastet
Für Crusoe selbst dürfte der Baustopp kein Problem bedeuten: Das in Denver ansässige Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über Verträge für knapp fünf Gigawatt Rechenkapazität. Dazu zählt auch das Vorzeigeprojekt des KI-Konsortiums Stargate in Abilene, Texas, das auf einer gemeinsamen Initiative von OpenAI und Oracle beruht. Dort sind die ersten zwei Gebäude bereits in Betrieb, sechs weitere befinden sich im Bau; insgesamt sollen es 1,2 Gigawatt werden.
Ein Gigawatt KI-Rechenkapazität entspricht laut „Wall Street Journal“ nach Berechnungen von Experten in etwa einer Strommenge, die 750.000 US-amerikanische Haushalte gleichzeitig versorgen könnte. Auf einem Nebengrundstück des Stargate-Geländes baut Microsoft einen weiteren Campus mit 900 Megawatt Kapazität. Auch hier ist der Spatenstich bereits erfolgt.
Crusoe ist einer der zentralen Dienstleister für den KI-Boom. Der Gesamtumfang der Projektpipeline – inklusive Verträgen, Standorten in Verhandlung und solchen in fortgeschrittener Entwicklung – übersteigt nach Unternehmensangaben bereits 40 Gigawatt. Neben dem Stargate-Projekt hat das Unternehmen Verträge für zwei weitere große Campusse in Texas sowie einen in Missouri abgeschlossen. Einer der Texas-Standorte liegt nahe Amarillo. Dort wird laut lokale Medienberichten Google einziehen. Crusoe nennt grundsätzlich nicht die Namen der Mieter für seine Projekte, auch nicht für den nun pausierten Standort in Wyoming.
Wyomings Prärie wird zur Großbaustelle
Der Bundesstaat im Mittleren Westen der USA ist zum Hotspot der KI-Branche geworden. In Wyomings Hauptstadt Cheyenne, die nur rund 66.000 Einwohner hat, sind nach Recherchen des „Wall Street Journal“ bereits zehn Rechenzentren in Betrieb, fünf weitere im Bau und neun angekündigt. Meta Platforms errichtet dort einen riesigen Datencampus, Microsoft hat angekündigt, seinen bestehenden Komplex zu verdreifachen. Das Projekt „Jade“, das eines der größten Rechenzentren der USA werden könnte, hat gerade erst begonnen. So verwandelt sich die einst verschlafene Prärie in atemberaubendem Tempo in ein Infrastrukturzentrum des globalen KI-Booms.
Doch das löst auch Widerstand aus. Schon allein der Arbeitskräftebedarf dieser Projekte bedeute eine enorme Herausforderung für die Region. Da Wyoming mit knapp 580.000 Einwohnern der am dünnsten besiedelte Bundesstaat der USA ist, müssen Tausende von Fachkräften von außerhalb eingeflogen werden – und irgendwo untergebracht werden. So entsteht in der Nähe von Cheyenne derzeit ein temporärer Wohnkomplex für bis zu 5.600 Arbeiter und Handwerker. Das Vorhaben sei größer als 84 der rund 100 eingetragenen Städte und Gemeinden im Bundesstaat, schreibt das „WSJ“. Bürger laufen Sturm gegen das Projekt: In lokalen Facebook-Gruppen warnen Anwohner vor Kriminalität, Lärm und dem Verlust ihres ruhigen Lebensrhythmus. Dass nun eines der Großprojekte pausiert wird, dürfte ihnen gerade recht sein.
Was der Baustopp für Anleger bedeutet
Investoren in der KI-Branche beschäftigt derweil eine andere Frage: Wie belastbar und stabil sind die Ausbaupläne der großen Hyperscaler tatsächlich, wenn ein kurzer Kundenwunsch offenbar dazu führen kann, dass ein Milliardenprojekt über Nacht auf Eis gelegt wird – ohne weitere öffentliche Begründung. Crusoe betont, die Gesamtpipeline sei intakt und die vertraglich gesicherten Kapazitäten würden „weitgehend planmäßig“ voranschreiten. Doch es ist nicht das erste Mal, dass Verzögerungen beim KI-Ausbau bekannt werden. Hält die Nachfrage oder halten die KI-Umsätze womöglich doch nicht mit den Investitionsplänen Schritt? Kürzlich war bekannt geworden, dass einige Kunden ihre Ausgaben für KI-Token, also für die eingesetzte Rechenkapazität, zurückgeschraubt haben.
Kritischer Moment für Oracle
Die ungeklärte Identität des Kunden sorgt nun für zusätzliche Nervosität. Ist es wirklich Oracle, dessen finanzielle Basis viele Kritiker aufgrund einer hohen Verschuldung ohnehin als angegriffen einstufen? Klarheit darüber dürften hoffentlich die Quartalszahlen von Oracle Mittwochabend nach Börsenschluss sowie die folgende Analystenkonferenz bringen. BÖRSE ONLINE berichtet wie gewohnt direkt nach Bekanntgabe der Zahlen auf diesem Portal. Aufgrund des sehr krummen Geschäftsjahres von Oracle, das am 31. Mai endete, meldet das Unternehmen mit seinen Quartalszahlen zugleich Jahreszahlen. Das bedeutet: Es müssen auch Bilanzbewertungen wie Impairment-Tests auf immaterielle Vermögenswerte vorgenommen werden – und Oracle wird einen Ausblick auf die kommenden zwölf Monat geben. Im Fokus der Analysten dürfte zudem der Abbauplan für die hohen Schulden stehen, die Oracle für den KI-Ausbau aufgenommen hat.
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Häufige Fragen
Was macht Crusoe Energy Systems?
Crusoe Energy Systems LLC baut und betreibt nachhaltige Rechenzentren für künstliche Intelligenz (KI). Das Unternehmen nutzt ungenutzte oder verschwendete Energiequellen – wie abgefckeltes Erdgas an Ölquellen sowie überschüssige erneuerbare Energien –, um damit direkt vor Ort Hochleistungsrechner für KI-Workloads zu betreiben.
Warum ist Wyoming zu einem Zentrum des KI-Booms geworden?
der US-Bundesstaat Wyoming hat sich aufgrund seiner extrem günstigen Energieverfügbarkeit, den vergleichsweise kühlen klimatischen Bedingungen und eines äußerst investorenfreundlichen regulatorischen Umfelds zu einem Zentrum für KI-Rechenzentren entwickelt. In dem dünn besiedelten Flächenstaat sind die Grundstückspreise zudem relativ niedrig.
Welche KI-Strategie verfolgt Oracle?
Oracles KI-Strategie basiert auf der vollständigen Integration von Künstlicher Intelligenz in den gesamten eigenen Technologie-Stack. Dabei will das Unternehmen seine führende Rolle bei Unternehemnssoftware (ERP) nutzen, um vor allem Geschäftskunden für seine KI-Anwednungen zu gewinnen. Das geschäftsmodell reicht von Infrastruktur über die Datenbanken bis hin zu den Unternehmensanwendungen.
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