Während das Luxussegment dem Hamburger Unternehmen noch Sorgenfalten beschert, bietet der Gesamtkonzern aktuell eine hervorragende Einstiegschance dank der fortwährenden Beliebtheit etablierter Marken wie Nivea und Eucerin
Die Beiersdorf-Aktie zeigt, wie stark sich die Stimmung an der Börse innerhalb kurzer Zeit verändern kann. Im vergangenen Jahr stieg das Papier der Hamburger Traditionsmarke auf ein neues 52-Wochen-Hoch bei knapp 113 Euro. Im defensiven Konsumgütersektor galt Beiersdorf damals als Outperformer, anschließend setzte jedoch ein deutlicher Abverkauf ein. In der Spitze fiel die Aktie bis auf 67 Euro. Vom Hochpunkt aus entspricht das einem Rückgang von rund 40 Prozent.
Für den Kursrutsch waren vor allem makroökonomische Faktoren verantwortlich. Dazu gehörten die anhaltende Konsumflaute im chinesischen Luxussegment, die schwache Entwicklung im asiatischen Travel-Retail-Geschäft sowie die Zurückhaltung institutioneller Investoren gegenüber defensiven Titeln. Steigende Zinsen hatten die Attraktivität solcher Werte zusätzlich belastet. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Die Aktie notiert derzeit im Bereich der 80-Euro-Marke und hat nach dem Abverkauf eine Bodenbildung vollzogen. Erste Anzeichen sprechen für eine mögliche Trendwende. Die operative Entwicklung des Konzerns ist dabei weiterhin solide. Der Markt hat in seiner jüngsten Reaktion offenbar nicht nur die Probleme im Luxusgeschäft, sondern auch die Ertragskraft des übrigen Konzerns eingepreist. Ein Blick auf die Kennzahlen und die einzelnen Geschäftsbereiche gibt eine klare Antwort darauf, wie sich die Bewertung von Beiersdorf aktuell einordnen lässt.
Günstiger als die Konkurrenz
Beiersdorf kommt auf dem aktuellen Kursniveau auf eine Marktkapitalisierung von rund 16,7 Milliarden Euro. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte der Konzern einen Umsatz von 9,85 Milliarden Euro — daraus ergibt sich ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 1,70. Noch deutlicher wird der Bewertungsabschlag beim Kurs-Gewinn-Verhältnis. Die Beiersdorf-Aktie wurde in den vergangenen fünf Jahren regelmäßig als Prämientitel gehandelt. Das KGV lag nicht selten über 30 oder sogar über 40. Im Jahr 2023 erreichte es rechnerisch 41,8.
Für das laufende Jahr erwarten die Analysten einen Gewinn je Aktie von rund 4,25 bis 4,30 Euro. Auf dieser Grundlage liegt das aktuelle KGV bei 18,1. Damit ist die Aktie deutlich günstiger bewertet als vergleichbare Unternehmen. L’Oréal wird an der Börse derzeit mit einem KGV von rund 25 gehandelt. Procter & Gamble kommt auf knapp 21. Gegenüber diesen Wettbewerbern ergibt sich für Beiersdorf ein Bewertungsabschlag von bis zu 28 Prozent. Operativ lässt sich diese Differenz nicht ohne Weiteres erklären. Sollte der Konzern das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen, besteht deshalb Spielraum für eine Ausweitung des Bewertungsmultiplikators.
Nivea und Derma tragen
Das Consumer-Geschäft bildet weiterhin den Kern des Konzerns. Die Marke Nivea zeigt sich dabei widerstandsfähig. Trotz des inflationären Umfelds verfügt sie über eine hohe Preissetzungsmacht. Beiersdorf konnte Preisanpassungen durchsetzen, ohne gleichzeitig sinkende Absatzmengen hinnehmen zu müssen. In Europa, Lateinamerika und Nordamerika gewinnt Nivea Marktanteile hinzu. Die Marke bleibt damit ein wichtiger Ertragsbringer und stabilisiert das Geschäftsmodell auch in einem schwierigen Konsumumfeld.
Eine besondere Rolle spielt zudem die Derma-Sparte mit den Marken Eucerin und Aquaphor. Das Geschäft profitiert vom weltweiten Trend zu medizinischer und funktionaler Hautpflege. Die Sparte wächst seit mehreren Quartalen verlässlich im zweistelligen Prozentbereich. Hinzu kommt die höhere Profitabilität der Derma-Produkte. Im Vergleich zum klassischen Massenmarkt erzielen sie deutlich höhere operative Margen. Dadurch verbessert das Geschäft nicht nur das Wachstum, sondern auch die Ertragsqualität des Gesamtkonzerns.
La Prairie bleibt Unsicherheitsfaktor
Die Belastung kommt derzeit vor allem aus dem Luxussegment. Die Schweizer Marke La Prairie leidet unter dem schwachen asiatischen Travel-Retail-Markt. Zusätzlich führten Lagerwertberichtigungen zuletzt zu einem vorübergehenden Ergebniseinbruch. Das Management hat darauf mit einer Bereinigung der Vertriebskanäle reagiert. Künftig soll das Geschäft stärker auf den direkten Kontakt zu den Konsumenten in Europa und den USA ausgerichtet werden. Ob diese Maßnahmen schnell Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten.
Sollte sich der chinesische Konsummarkt stabilisieren, könnte La Prairie jedoch wieder zu einem margenstarken Wachstumstreiber werden. Das Luxusgeschäft ist damit derzeit noch ein Risiko. Gleichzeitig bietet es bei einer operativen Erholung einen zusätzlichen Impuls für die Beiersdorf-Aktie.
Bilanz und Aktienrückkäufe
Ergänzung zum Originaltext: Nach den Quartalszahlen in dieser Woche belebte sich der Kurs deutlich. Das lag vor allem an Aussagen von Beiersdorf-CEO Vincent Warnery zu Nivea (Mehr dazu lesen Sie hier).
Neben der operativen Entwicklung spricht auch die Bilanz für den Konzern. Beiersdorf weist eine Eigenkapitalquote von rund 66 Prozent und nahezu keine Nettofinanzverbindlichkeiten auf. Damit ist das Unternehmen vergleichsweise unabhängig von steigenden Zinsen und konjunkturellen Schwankungen.
Die finanzielle Stärke ermöglicht es Beiersdorf, weiterhin in Forschung, Entwicklung und Marketing zu investieren. Gleichzeitig kann der Konzern Kapital an die Aktionäre zurückgeben. Ein wichtiger Kurstreiber ist das beschlossene Aktienrückkaufprogramm. Beiersdorf will bis zu 10 Millionen eigene Aktien über die Börse erwerben und damit bis 2027 Aktien im Wert von bis zu 750 Millionen Euro zurückkaufen. Das entspricht rund vier Prozent des Grundkapitals. Werden die zurückgekauften Aktien eingezogen, sinkt die Zahl der ausstehenden Anteile — bei konstantem Gewinn steigt dadurch der Gewinn je Aktie.
Die Dividende rundet das Bild ab. Die erwartete Ausschüttung liegt bei 1,02 Euro je Aktie. Daraus ergibt sich eine Dividendenrendite von etwa 1,3 Prozent. Die Zahlung ist durch den freien Cashflow gedeckt.
Fazit
Die Beiersdorf-Aktie hat seit ihrem Rekordhoch deutlich an Wert verloren. Der Kursrückgang wurde vor allem durch die Probleme im chinesischen Luxusgeschäft, das schwache Travel-Retail-Umfeld und die veränderte Präferenz der Anleger ausgelöst. Gleichzeitig bleiben Nivea und die Derma-Sparte wichtige Wachstumssäulen. Die Bilanz ist solide, die Verschuldung niedrig und das laufende Aktienrückkaufprogramm dürfte den Gewinn je Aktie unterstützen. Bei einem erwarteten KGV von 18,1 ist Beiersdorf zudem günstiger bewertet als Konkurrenten wie L’Oréal und Procter & Gamble.
Das wichtigste Risiko bleibt die weitere Entwicklung von La Prairie. Stabilisiert sich das Luxusgeschäft jedoch, könnte der Konzern wieder zu seiner früheren Bewertungsqualität zurückkehren. Auf dem aktuellen Kursniveau bietet die Aktie daher eine Turnaround-Chance bis zurück in die dreistelligen Kursbereiche — allerdings nicht ohne operatives Risiko.