Das Kaufinteresse von BASF platzt in die Neusortierung des Konzerns aus Essen. Die hohen Energiekosten forcieren nun die Konsolidierungen in Europas Chemiebranche. Warum BASF deutlich mehr bieten könnte
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 21. Oktober in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 44/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Es wird dauern, und es ist viel wirtschafts- und sozialpolitisches Fingerspitzengefühl notwendig: In der Zentrale von BASF in Ludwigshafen dürfte vom ersten Schritt an klar gewesen sein, dass Evonik Industries zu übernehmen ein Marathon wird.
Die Stiftung der ehemaligen Ruhrkohle AG (RAG) hatte Ende 2025 knapp 46 Prozent der Evonik-Anteile. Ohne ihr Okay dürfte eine Übernahme kaum durchsetzbar sein. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) ist im Kuratorium der Stiftung. BASF erwartet den Abschluss einer möglichen Übernahme für Ende 2028. Gleichzeitig signalisiert der Konzern, dass ein höheres Gebot möglich ist. Der Vorstand von BASF ist um klare Worte, vor allem in Bezug auf die Risiken für die Branche in Europa, nie verlegen.
Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) machte man nun aber auch klar, dass in der Debatte um einen Zusammenschluss auch „sehr viel Unsinn“ verbreitet werde, etwa dass BASF dem Ruhrgebiet die Lebensader abschneiden wolle. Weder die Evonik-Standorte Wesseling und Marl noch die Zentrale in Essen werden bei einer Übernahme geschlossen, stellten die Ludwigshafener klar. Die Chemieparks in Marl und Wesseling wolle man nicht verkaufen. Bei Evonik ist deren Verkauf Teil des laufenden Umbaus. „Wir geben nicht Milliarden für ein Unternehmen aus, um wichtige und gut funktionierende Teile zu schlachten“, ließ sich BASF in der „FAZ“ zitieren.
Bis zu 25 Euro pro Aktie möglich
Kenner der Branche erwarten, dass der DAX-Konzern sein Vorhaben beharrlich durchzieht. Nicht nur die Analysten der Berenberg Bank halten Offerten für Evonik, die 25 Euro pro Aktie entsprechen, für möglich. Dass der energieintensiven Chemiebranche in Europa, vor allem wegen der hohen Gaspreise, eine Konsolidierung bevorsteht, ist allen klar. Allerdings senkt eine Fusion der Konzerne, die jeweils 40 bis 50 Prozent ihres Umsatzes in Europa einfahren, ihre Gasrechnung nicht automatisch. Ein Zusammenschluss kann wettbewerbsfähige Standortbedingungen nicht ersetzen. Ein größeres Unternehmen aus BASF und Evonik müsste europäische Forschung und wertvolle Produktion erhalten und dafür global wettbewerbsfähige Lieferketten entwickeln.
„Eine Kombination von BASF und einem anderen starken Spieler aus der Spezialchemie ergibt sehr viel Sinn“, wirbt BASF-Chef Markus Kamieth. Evoniks Interims-Chef Claus Rettig, der den Konzernlenker Christian Kullmann nach einer schweren, ungeplanten Operation seit dem 1. September vertritt, sieht Evoniks Eigenständigkeit, wie Kullmann, als Fortsetzung des Umbaus. Man nutze die Polykrise, um alte Strukturen zu ändern und sich besser aufzustellen, sagt Rettig. Evoniks strategischer Wert für BASF sind Produkte, die schwer durch einen austauschbaren Standardstoff zu ersetzen sind, meint Sunanda Desai, Vice President Chemicals and Materials beim US-Beraterkonzern Kline & Company, und nennt Technologien in der Fermentation, bei Oberflächenmodifikation, funktionellen Partikeln, Spezialpolymeren, Membranen und Systemen zur Wirkstoffabgabe in Medikamenten.
Wie Evonik mehr rausholen kann
Die Sparten, denen diese Technologien zugeordnet sind, Custom Solutions und Advanced Technologies, sind mit operativen Margen (Ebitda) für 2025 von 16,6 und 15,8 Prozent deutlich profitabler als bei BASF Industrial Solutions mit 14,0 Prozent, Nutrition & Care mit 10,0 und Surface Technologies mit 8,9 Prozent Rendite. Gute Argumente für ein höheres Gebot bei einer Übernahme, vor allem wenn Evonik insgesamt durch den aktuellen Umbau profitabler geworden ist. Ein stark verkürzter und vereinfachter Blick auf einiges, was BASF „lockt“. In der Fermentation bauen Mikroorganismen aus Zucker und anderen Nährstoffen biologisch abbaubare Tenside, die Stoffe, die in Spülmitteln, Shampoos, Duschgels oder Waschmitteln Fett und Schmutz von Oberflächen lösen. Evonik ist das erste Unternehmen, das diese Rhamnolipide im industriellen Maßstab herstellt.
Verfahren zur Oberflächenmodifikation machen Oberflächen wasserabweisend, haftfähig, korrosionsgeschützt, antistatisch oder besser verarbeitbar. Funktionelle Partikel sind feine Teilchen, die etwa in Kakao-, Milch-, Gewürz- oder Pharmapulver Partikel umhüllen, um zu verhindern, dass sie aneinander haften. Spezialpolymere sind Kunststoffe, die Hitze, Chemikalien, Druck oder Verschleiß aushalten, etwa in Kraftstoff- und Bremsleitungen oder in medizinischen Geräten. Membranen sind „molekulare Siebe“, die einige Moleküle schneller „durchlassen“ als andere, etwa bei der Elektrolyse zur Herstellung von Wasserstoff. Systeme zur Wirkstoffabgabe in Arzneien, wie magensaftresistente Beschichtung auf Tabletten, sorgen dafür, dass die Wirkstoffe erst im Darm freigesetzt werden. Fermentation, funktionelle Partikel und Spezialpolymere kann BASF leicht integrieren. Membranen wären ein eigenständiger Bereich, Technologien für Wirkstoffabgaben könnten die Basis für eine Healthcare-Plattform sein.
Fazit
Das Interesse von BASF sichert den Kurs ab, Evonik ordnet sich neu. Als profitableres Unternehmen könnte der Konzern besser pokern und BASF vielleicht mehr als 25 Euro pro Aktie bieten. Scheitert das, wäre Evonik auch allein besser aufgestellt.
Hinweis auf Interessenkonflikte:
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: BASF.