Der Anleihemarkt schlug zuerst Alarm; dann brachen die Kurse von Coreweave, Iren und Nebius ein. Die Marktforscher von Gartner prognostizieren: Der KI-Boom könnte für viele spezialisierte Neocloud-Anbieter zum Milliardengrab werden.

Der KI-Goldrausch erlebt dieser Tage wieder mal einen harten Dämpfer. Coreweave hat binnen fünf Handelstagen rund 15 Prozent verloren, am Freitag ging es erneut um 9,5 Prozent abwärts. Auch die Aktien von Nebius und Iren gerieten unter Druck – und mit ihnen der gesamte Sektor der sogenannten Neocloud-Anbieter. Die Anleger sorgen sich, dass ihre Cashflows nicht stark genug sein werden, um die meist auf Pump finanzierten Milliarden-Investments in KI-Rechenleistung dauerhaft zu stemmen – und die Kredite zurückzuzahlen.

„Wenn Sie neun Prozent Zinsen zahlen und fünf Prozent Rendite machen, dann ist das eine einfache Rechnung – und sie geht nicht auf“, schrieb eine Kapitalmarktexpertin auf X.

Der Kursrutsch der Aktien ist das Spiegelbild des Vertrauensverlusts der Investoren in die Finanzierungsmodelle der Neoclouds. Anders als Hyperscaler wie Amazon, Microsoft, Alphabet oder Meta verfügen Coreweave, Nebius und Co. nicht über riesige, breit diversifizierte Cashflows. Sie sind wesentlich stärker darauf angewiesen, ihre teure Infrastruktur auf Kredit auszubauen und dann schnell und dauerhaft zu hohen Preisen auszulasten.

CoreWeave Inc. (WKN: A413X6)

Der Anleihemarkt schlägt Alarm

Vor allem Sorgen um die finanzielle Tragfähigkeit von Coreweave lösten den Dominoeffekt aus. Die Rendite der ausstehenden Unternehmensanleihen des Neocloud-Anbieters stieg zeitweise bis auf 16 Prozent. Verglichen mit der Rendite von 5,2 Prozent bei US-Staatsanleihen zeigt sich, welch hoher Risikoaufschlag von Gläubigern für neues Kapital verlangt wird. S&P Global bewertet Coreweave nur noch mit der Kreditnote „B“. Das liegt weit unter dem Investment Grade (BBB-) und steht für eine hochspekulative Schuldnerqualität, weil die Verschuldung im Verhältnis zum Ergebnis sehr hoch ist.

BNP-Paribas-Analyst Daniel Wang bleibt zwar positiv für Coreweave und nennt ein Kursziel von 169 US-Dollar. Doch er nennt dazu einen entscheidenden Vorbehalt: Coreweave müsse beweisen, dass es aus eigener Kraft genügend Cashflow für alle finanziellen Verpflichtungen erwirtschaften kann. Auf dem aktuellen Zinsniveau wird eine klassische Fremdfinanzierung jedoch zunehmend unwirtschaftlich. Im nächsten Schritt bliebe Coreweave noch die Ausgabe von Wandelanleihen oder neuen Aktien – beides Maßnahmen, die die bestehenden Aktionäre erheblich verwässern würden.

Auftragsbestand allein reicht nicht mehr

Coreweave verweist darauf, dass sein Umsatzauftragsbestand sämtliche Schuldverpflichtungen decken kann, sogar ohne dass Kunden Verträge verlängern oder neue Mieter für die Rechenzentren gefunden werden müssten. Entscheidend bleibt aber, ob die Kunden am Ende wirklich zahlen (können) und wann diese Umsätze fließen: 2027 oder erst 2030?

Auch Nvidia-Chef Jensen Huang, dessen Unternehmen sich vergangenes Jahr an Coreweave beteiligt hat, versuchte am Donnerstag, die Wogen zu glätten. Nvidia müsse Coreweave nicht absichern, weil sich dessen Finanzkraft verbessere. Und Cathie Wood kaufte mit ihren Fonds von ARK Invest demonstrativ an zwei Tagen in Folge zusammen 381.231 Coreweave-Aktien. Beide Maßnahmen sollten wohl das Sentiment für die Aktie stützen – doch der Freitag zeigt, dass diese Maßnahmen verpufften.

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Gartners düstere Prognose

Hinzu kommt eine düstere Prognose der Marktforscher von Gartner. Sie glauben, dass die Betreiber von KI-Rechenzentren bis 2030 kumuliert rund 8,5 Billionen US-Dollar Umsatz erzielen müssten, um ihre angekündigten Investitionen samt Finanzierungskosten bei einer angenommenen Kapitalrendite von zwölf Prozent zu decken. Das Problem: Gartner erwartet aus dem KI-Geschäft mit Unternehmen und Endkunden im selben Zeitraum nur bis zu 3,6 Billionen US-Dollar Umsatz.

Die Folge: Laut Gartner könnte es sein, dass bis 2030 80 Prozent der Neoclouds ihren Betrieb einstellen, übernommen werden oder ihr Geschäftsmodell grundlegend ändern müssen. Statt purer GPU-Kapazität und Auftragsvolumen rücken nun Kapitalrendite, Abschreibungen und Finanzierungskosten in den Fokus.

Nebius (WKN: A1JGSL)

Wachsender Abschreibungs-Druck auf alte GPUs

Das Geschäftsmodell steht noch aus einem anderen Grund unter Zeitdruck: GPUs altern schnell, sobald neue, schnellere Generationen auf den Markt kommen. Anders gesagt: Ein leeres KI-Rechenzentrum verliert täglich an Wert. Werden die Anlagen zu langsam abgeschrieben oder sinken Mietpreise und Auslastung, drohen hohe Wertberichtigungen. Gartner sieht bis 2030 ein Risiko von rund 3,5 Billionen US-Dollar für Wertminderungen bei KI-Infrastrukturanlagen; bis 2032 könnte es auf vier Billionen US-Dollar steigen.

Die Neoclouds halten dagegen, dass der Markt für KI-optimierte Infrastructure-as-a-Service-Angebote rasant wächst. Erst zum 1. Oktober hatten die Unternehmen ihre Nutzerpreise pro Token kräftig angehoben. So erhöhte Nebius etwa die On-Demand-Mietpreise für einige Nvidia-GPUs um etwa 20 Prozent. Das zeigt die robuste Nachfrage und spricht dafür, dass selbst ältere H100-Chips weiterhin wirtschaftlichen Wert haben.

Auch Gartner rechnet dieses Wachstum mit ein: Die Marktforscher rechnen mit einem Anstieg der Umsätze von 66 Milliarden US-Dollar im Jahr 2027 auf 174 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030. Doch das reicht aus Sicht der Analysten dennoch nicht, um die geplanten Investitionen zu rechtfertigen.

Nur wenige werden gewinnen

Die Party ist deshalb noch nicht ganz vorbei. Aber die Stimmung kippt. Ein großer Teil der Erlöse vieler Neoclouds stammt aus mehrjährigen Verträgen mit separaten Preisvereinbarungen. Entscheidend sind nun nicht mehr Schlagzeilen über neue Kapazitäten oder prominente Investoren, sondern handfeste Zahlen zur Auslastung, zu den gezahlten Mieten, zur Höhe der Abschreibungen und zum freien Cashflow, aus dem die Kredite bedient werden müssen.

Die Aktien von Coreweave, Iren, Nebius und Co. bleiben damit chancenreiche, aber hochspekulative KI-Wetten. Es ist schwer zu sagen, wer von ihnen am Ende gewinnt und damit heute das richtige Investment wäre. Denn es wird in diesem Sektor auch viele Verlierer geben.

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Häufige Fragen zum Thema Neocloud-Aktien

Warum sind die Aktien von Coreweave, Iren und Nebius in dieser Woche so stark gefallen?

Die Aktien von CoreWeave, Iren, Nebius und anderen Neocloud-Anbietern sind in dieser Woche stark gefallen, weil die Investoren sich große Sorgen um ihre fiannzielle Stabilität machen. Das Signal ging vom Anleiehnmarkt aus. Der Grund dafür ist, dass die Neocloud-Anbieter ihre Infrastruktur über Kredite und Anleihen finanzeiren, deren Finanzierungskosten sich durch den Anstieg der Renditen auf US-Staatsanleihen massiv verteuert haben.

Was versteht man unter Neocloud-Anbietern?

Als Neocloud-Anbieter bezeichnet man junge, spezialisierte Cloud-Infrastruktur-Provider, deren Kerngeschäft auf den Betrieb und die Vermietung extrem leistunhgsfähiger Hardware für Anwednungen rund um die Künstliche Intelligenz (KI), Machine Learning und High-Performance Computing (HPC) ausgelegt ist. Im Gegensatz zu klassischen Hyperscalern wie Amazon AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud , die auch eigene KI-Modelle betreiben, konzentrieren sich Neoclouds fast ausschließlich auf die Bereitstellung von Grafikprozessoren (GPUs) der neuesten Generation für Anwednungen ihrer Kunden (GPU-as-a-Service).

Welche Verbindung hat Nvidia zu Coreweave und Nebius?

Nvidia hat sich an beiden Unternehmen mit jeweils rund zwei Milliarden US-Dollar beetlíligt. An Nebius hält Nvidia damit sogar rund 9,3 Prozent. Im Gegenzug kaufen beide Unternehmen einen großen Teil ihrer KI-Chips bei Nvidia ein, auch mit dem Geld, das sie im Zuge der Beteiligung von Nvidia erhalten haben. Diese Kreisbeziehung wird von Investoren wie Michael Burry immer wieder kritisiert.

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: CoreWeave Inc., Nebius.

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Autor hält unmittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Nebius.