Noch steht der Konzern unter Druck. Eine neue Chefin, ein Spar­programm und die Aufstockung durch die Carl Zeiss AG könnten die Aktie ins Laufen bringen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 22. Juli in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 31/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Der Jenaer Medizintechnikkonzern steckt in einer der schwierigsten Phasen seiner jüngeren Geschichte: einbrechende Margen, Probleme im wichtigsten Markt China, ein Vorstandsproblem und ein Aktienkurs, der seit dem Hoch mehr als 80 Prozent verloren hat. 

Und dennoch handelt es sich bei Carl Zeiss Meditec um weit mehr als um eine Krisengeschichte. Mit einem ambitionierten Restrukturierungsprogramm, einer soliden Bilanz und einer neuen Vorstandschefin könnte der Konzern vor einem Comeback stehen. Ende 2025 musste Vorstandschef Maximilian Foerst wegen eines Verstoßes gegen den internen Verhaltenskodex überraschend gehen. Ein Interessenkonflikt im Arbeitsumfeld soll der Grund gewesen sein. Der Vorfall lag Jahre zurück, trat aber erst jetzt zutage, was das Vertrauen ohnehin nervöser Investoren weiter belastete. Bis die neue Chefin übernimmt, leitet Zeiss-Chef Andreas Pecher kommissarisch.

Die Nachfolge ist geregelt: Bronwyn Brophy O’Connor, bislang Chefin der schwedischen Vitrolife Group, wurde berufen. Mit 25 Jahren Erfahrung bei Medtronic, Johnson & Johnson und Thermo Fisher Scientific bringt sie mit, was Zeiss Meditec jetzt braucht: internationale Führungsstärke in einem hochregulierten Markt. Wann sie antritt, ist noch offen: Vitrolife will sie noch bis zu zwölf Monate halten.

Die eigentliche Wurzel der Krise aber liegt in China. Über das VBP-Programm („Volume-Based Procurement“, staatlicher Masseneinkauf) drückt der Staat dort die Gesundheitskosten: Er bündelt die Nachfrage der Krankenhäuser, schreibt zentral aus und erteilt den Zuschlag den günstigsten Anbietern. Für westliche Hersteller heißt dies, dass sie die Preise senken müssen oder letztlich deutlich weniger Produkte verkaufen.

Bei speziellen Kunstlinsen fürs Auge für Kataraktoperationen (Grauer Star) — einem seiner wichtigsten Produkte — bot der Konzern gar nicht erst mit: Die Preisvorstellungen des Staates waren mit dem eigenen Qualitäts- und Margenanspruch nicht vereinbar. Wohl eine vernünftige Entscheidung, aber auch eine, die ihren Preis hat: Ein deutlicher Umsatzrückgang in der Region, die rund ein Viertel des Konzernumsatzes ausmacht. Erschwerend haben chinesische Hersteller aufgeholt und produzieren günstigere Alternativen. All das hat die Marge halbiert: Die bereinigte Ebita-Marge sank von 10,7 Prozent im ersten Halbjahr 2024/25 auf 6,1 Prozent im ersten Halbjahr 2025/26. Der Aktienkurs, der vor rund fünf Jahren noch bei 200 Euro notierte, sackte regelrecht ab und notiert aktuell unter der Marke von 30 Euro.

Starkes Fundament

Doch es besteht Hoffnung, dass die Gewinne künftig wieder anziehen: Carl Zeiss Meditec produziert Laser zur refraktiven Chirurgie, OP-Mikroskope, Diagnostik­geräte und künstliche Linsen zur Behandlung von Augenerkrankungen. Der Markt wird vom unaufhaltsamen demografischen Wandel getragen. Weltweit wächst die Zahl älterer Menschen rasant — und damit die Häufigkeit von Grauem und Grünem Star sowie Makuladegeneration, einer chronischen Erkrankung der Netzhaut. In vielen Segmenten hat Zeiss Meditec hier eine starke Stellung. Hinzu kommt die Smile-Technologie — ein patentgeschütztes, minimal-invasives Laserverfahren zur Korrektur von Kurzsichtigkeit, das zunehmend die klassische Lasik-Methode verdrängt und von immer mehr Augenkliniken weltweit eingesetzt wird.

Dennoch ist die Bilanz weiterhin solide: Die Eigenkapitalquote liegt bei 63,1 Prozent, die Netto-Finanzverschuldung ist mit rund 274 Millionen Euro überschaubar. Der operative Cashflow verbesserte sich im ersten Halbjahr 2025/26 markant auf 98,9 Millionen Euro — nach mageren 8,5 Millionen Euro im Vorjahr. Der Umsatz lag im ersten Halbjahr mit 991 Millionen Euro knapp sechs Prozent unter dem Vorjahr. Das bereinigte operative Ergebnis brach um fast die Hälfte auf 60,5 Millionen Euro ein. Unterm Strich blieben lediglich 13,3 Millionen Euro Gewinn hängen. Für das Gesamtjahr erwartet das Management eine operative Marge von acht bis zehn Prozent und einen Umsatz zwischen 2,15 und 2,20 Milliarden Euro — nach 2,23 Milliarden Euro im Vorjahr.

Sparprogramm soll antreiben 

Mit dem Programm „ProfitUp“ will Carl Zeiss gegensteuern, die Kosten drücken und den Gewinn steigern. Bis 2028/29 sollen Ergebnisverbesserungen von mehr als 200 Millionen Euro erzielt werden. So sollen etwa Teile der Produktion in kostengünstigere Länder verlagert werden. Das Unternehmen fertigt bereits in Suzhou und Guangzhou und will diese Präsenz ausbauen. Zudem prüfen die Ostdeutschen, F & E-Bereiche nach Asien zu verlagern, Lieferketten zu straffen und weniger profitable Produkte zu streichen. Bis zu 1.000 Stellen könnten weltweit betroffen sein. Die Börse honoriert die Anstrengungen: Trotz gesenkter Prognose im Mai dieses Jahres, legte der Aktienkurs um fast acht Prozent zu. Dies zeigt, dass Investoren Schlimmeres befürchtet hatten. Der Ausblick lag zwar unter den Erwartungen, das Sparprogramm kommt aber gut an.

Ein Rückzug aus China kommt ausdrücklich nicht infrage. Man müsse in China eher noch präsenter sein, betonte Finanzvorstand Justus Felix Wehmer im Februar. Das Ziel: Bis 2028/29 soll die bereinigte operative Marge auf mindestens 15 Prozent klettern, langfristig sogar auf 16 bis 20 Prozent. Gelingt es, die Kosten dauerhaft zu senken und zugleich in Wachstumsfelder wie Diagnostik, Smile-Laserchirurgie und neurochirurgische Mikroskopie zu investieren, kann der Konzern die Marge wieder kräftig ausbauen. 

Ein Signal sollte Anleger aufhorchen lassen: Die Großaktionärin Carl Zeiss AG will Aktien von Carl Zeiss Meditec im Wert von bis zu 200 Millionen Euro über die Börse zurückkaufen. Zugleich wurde betont, dass mit der Aufstockung keine über die Erhöhung der Beteiligungsposition hinausgehenden Ziele verfolgt würden.

Fazit

Anleger finden hier ein starkes Unternehmen in einem wachsenden Markt, das aktuell unter den Möglichkeiten bleibt. Mutige Anleger mit einem längeren Anlagehorizont nutzen die Schwächephase. Die Bewertung ist moderat, der Cashflow zieht an, der Governance-Schaden heilt mit Brophy O’Connor. Voraussetzung ist, dass es keine weiteren Überraschungen aus China gibt, die neue Chefin bald ihr Amt antritt und erfolgreich ist.

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