Gold und Silber haben zuletzt kräftige Kursverluste hinnehmen müssen. Doch welches der beiden Edelmetalle ist derzeit besonders gefährdet? Eine aktuelle Analyse des britischen Researchhauses Metals Focus liefert überraschende Hinweise und zeigt, warum sich die Perspektiven zunehmend unterscheiden.
Die Analysten von Metals Focus rechnen damit, dass Silber gegenüber Gold zunächst weiter an Wert verlieren könnte. Sie weisen darauf hin, dass sich das Marktumfeld für das Weißmetall in den vergangenen Monaten spürbar verschlechtert hat. Besonders deutlich wird dies am Gold-Silber-Ratio, das mittlerweile auf über 76 gestiegen ist und damit den höchsten Stand seit Dezember 2025 erreicht hat.
Die Kennzahl beschreibt, wie viele Feinunzen Silber benötigt werden, um eine Feinunze Gold zu kaufen. Steigt das Ratio, entwickelt sich Gold relativ besser als Silber. Zwischen 2020 und 2025 lag der langfristige Durchschnitt bei ungefähr 82. Eine weitere Annäherung an diesen Wert würde bedeuten, dass Silber gegenüber Gold nochmals an Boden verliert.
Nach Einschätzung von Metals Focus ist die jüngste Schwäche nicht allein auf die restriktive Geldpolitik der US-Notenbank zurückzuführen. Vielmehr haben sich auch die fundamentalen Angebots- und Nachfrageverhältnisse am Silbermarkt verändert.
Silbermarkt: Lagerbestände steigen, Investmentnachfrage schwächelt
Ein wesentlicher Belastungsfaktor ist die Entspannung am physischen Silbermarkt. Die erheblichen Liquiditätsengpässe, die zuvor für kräftige Preisanstiege gesorgt hatten, sind weitgehend verschwunden. In London erreichten die Silberbestände zuletzt rund 932 Millionen Feinunzen und damit den höchsten Stand seit fast vier Jahren. Die frei verfügbaren Bestände beliefen sich auf etwa 267 Millionen Feinunzen, nahezu doppelt so viel wie im Oktober 2025.
Gleichzeitig lässt das Interesse der Investoren nach. Seit Jahresbeginn sind die Bestände silbergedeckter börsengehandelter Produkte um rund 60 Millionen Feinunzen gesunken. Auch spekulative Marktteilnehmer agieren vorsichtiger: Ihre Netto-Long-Positionen (optimistische Markterwartung) fielen auf etwa 17 Millionen Feinunzen und damit auf den niedrigsten Stand seit Februar 2024.
Hinzu kommt eine schwächere Nachfrage nach physischem Silber. Der Absatz von Anlagemünzen führender Prägeanstalten brach im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um mehr als 80 Prozent ein und erreichte den niedrigsten Quartalswert seit Beginn der Umfrage 2010. Im dritten Quartal erholte er sich leicht, lag aber noch 22 Prozent unter dem Vorjahr. Hohe Preise belasten außerdem die Nachfrage nach Schmuck und Silberwaren.
Auch aus der Industrie kommen weniger positive Impulse. Insbesondere Hersteller von Photovoltaikmodulen reduzieren den Silberverbrauch, indem sie geringere Mengen des Edelmetalls einsetzen oder alternative Materialien verwenden.
Die Folge: Metals Focus erwartet, dass sich das weltweite Silberdefizit 2026 weiter verringert. Für 2027 erwarten die Analysten sogar einen Angebotsüberschuss. Damit könnte ein bislang wichtiger Unterstützungsfaktor für den Silberpreis wegfallen.
Goldpreis profitiert von stabilerer Nachfrage
Gold befindet sich dagegen in einer vergleichsweise günstigeren Ausgangslage. Das Edelmetall profitiert stärker von der Nachfrage der Zentralbanken und von Anlegern, die sich gegen geopolitische sowie makroökonomische Unsicherheit absichern. Außerdem gilt Gold eher als monetärer Wertspeicher. Silber ist dagegen stärker von Industrienachfrage und spekulativen Anlegerströmen abhängig.
Hinzu kommt, dass steigende Anleiherenditen und die Aussicht auf weitere US-Zinserhöhungen beide Edelmetalle belasten.
Trotz dieser Risiken erwartet Metals Focus nicht, dass die Underperformance des Silbers gegenüber Gold unbegrenzt anhält. Vielmehr dürfte sich Silber in den kommenden zwölf Monaten weiterhin stark an der Goldpreisentwicklung orientieren.
Fazit: Eine weitere relative Schwäche gegenüber Gold erscheint daher durchaus möglich. Für Privatanleger bedeutet dies, dass beide Edelmetalle weiterhin von der Geldpolitik abhängig sind. Die zusätzlichen Belastungen am physischen Silbermarkt sprechen derzeit jedoch für größere Risiken beim Silberpreis.
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