Der Nutzfahrzeugkonzern profitiert von einer konsequenten Modularisierungsstrategie, steigenden Margen und wachsender Preismacht. Während der Mutterkonzern Volkswagen mit strukturellen Problemen kämpft, liefert die Münchner Tochter operative Stärke – und bleibt dennoch deutlich unter dem Bewertungsniveau der internationalen Konkurrenz. Eine attraktive Chance für Anleger
Die Aktie des Nutzfahrzeuggiganten Traton hat an der Börse deutlich an Fahrt aufgenommen. Auf Jahressicht liegt das Kursplus bei knapp 30 Prozent, die Notierung bewegt sich inzwischen im Bereich von 41 Euro. Damit befindet sich das Papier auf einem historischen Höchststand.
Der Anstieg ist operativ gut begründet. Während sich der Mutterkonzern Volkswagen mit der Transformation im Pkw-Geschäft, hohen Kostenstrukturen und dem stärker werdenden Wettbewerb aus Fernost auseinandersetzen muss, arbeitet die Münchner Nutzfahrzeugholding ihre Aufgaben zunehmend ab. Trotz der Kursrally ist die Aktie im Branchenvergleich weiterhin niedrig bewertet. Traton kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 20 Milliarden Euro und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von mehr als 44 Milliarden Euro. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt damit unter 0,5. Auch andere Kennzahlen sprechen dafür, dass der Markt die operative Entwicklung noch nicht vollständig eingepreist hat.
Der modulare Baukasten
Traton galt lange als schwerfälliger Zusammenschluss eigenständiger Marken. Der Konzern profitierte zwar von hohen Stückzahlen, doch die erwarteten Skaleneffekte stellten sich nur langsam ein. Unterschiedliche Entwicklungsansätze und doppelte Strukturen belasteten die Profitabilität. Diese Phase ist weitgehend abgeschlossen. Der entscheidende Hebel heißt hierbei Modularisierung. Im Rahmen der „Traton Modular System“-Architektur verwenden die einzelnen Marken zunehmend gemeinsame Kernkomponenten. Ein Beispiel ist der gemeinsam entwickelte 13-Liter-Dieselmotor, die sogenannte Common Base Engine. Die gemeinsame technische Basis senkt Entwicklungs- und Produktionskosten. Gleichzeitig bleiben die Marken gegenüber den Kunden eigenständig positioniert.
Scania liefert traditionell operative Margen im zweistelligen Bereich und übernimmt innerhalb des Konzerns eine wichtige technologische Rolle. MAN hat nach einem Sanierungskurs mit Stellenabbau und Standortoptimierungen wieder ein solides Renditeniveau erreicht. Nun soll der modulare Ansatz auch bei Navistar umfassend zum Tragen kommen. Der nordamerikanische Nutzfahrzeugmarkt ist hierbei besonders attraktiv. Durch die operative Integration von Navistar kann Traton seine Position in den USA stärken und den Abstand zum Wettbewerber Daimler Truck verringern.
„Im zweiten Quartal haben wir einen klaren Aufwärtstrend verzeichnet.“
Höhere Margen
Die Fortschritte zeigen sich in den Finanzkennzahlen. Der Konzernumsatz bleibt trotz der weltweiten Konjunkturabkühlung auf hohem Niveau. Gleichzeitig nähert sich die operative Rendite schrittweise der vom Vorstand angestrebten Zielspanne von neun bis zehn Prozent. Traton hat zudem gezeigt, dass sich höhere Material-, Energie- und Personalkosten zumindest teilweise an die Kunden weitergeben lassen. Die Preiserhöhungen gingen bislang nicht mit nennenswerten Absatzeinbußen einher. Das spricht für eine gewisse Preismacht im Flottengeschäft.
Auch der operative Cashflow entwickelt sich positiv. Er schafft den finanziellen Spielraum für Investitionen in die Dekarbonisierung des Portfolios. Dazu zählen vor allem batterieelektrische Lkw und Brennstoffzellenantriebe. Daneben ermöglicht der gute Mittelzufluss eine attraktive Ausschüttung. Bei einer erwarteten Dividende von 1,31 Euro je Aktie für das laufende Geschäftsjahr ergibt sich auf dem aktuellen Kursniveau eine Dividendenrendite von mehr als 3,1 Prozent. Steigende Gewinne könnten in den Folgejahren zu höheren Ausschüttungen führen.
Abschlag zu den Wettbewerbern
Volkswagen hält knapp 90 Prozent der Traton-Anteile, der Streubesitz liegt bei rund zehn Prozent. Das begrenzt die Liquidität im täglichen Handel und macht die Aktie für einige institutionelle Investoren weniger attraktiv. Hinzu kommt das historische Image eines zyklischen Nutzfahrzeugherstellers. Dieses Bild greift jedoch nur teilweise, denn neben dem Verkauf neuer Fahrzeuge gewinnt das Service-, Reparatur- und Ersatzteilgeschäft an Bedeutung. Wiederkehrende Erlöse können die Abhängigkeit vom Neufahrzeuggeschäft verringern. Vollständig unabhängig vom Konjunkturzyklus ist Traton dennoch nicht.
Auf Basis der Schätzungen für das laufende Geschäftsjahr liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Aktie bei etwa 9,1. Für die folgenden Jahre sinkt es nach den Konsensprognosen auf nur mehr 7,1. Zum Vergleich: Der US-Konkurrent Paccar wird an der Wall Street mit einem KGV von mehr als 23 bewertet. Auch Volvo und Daimler Truck weisen höhere Bewertungsmultiplikatoren auf. Würde der Markt Traton auch nur annähernd mit dem Bewertungsniveau des US-Peer ansetzen, läge der Aktienkurs des MDAX-Konzerns rechnerisch um 50 bis 70 Prozent höher.
Fazit
Traton hat den operativen Turnaround eindrucksvoll vollendet. Eine Neubewertung der Aktie in Richtung der 60-Euro-Marke ist auf dieser Basis absolut in Reichweite.