Gold und Silber werden aufgrund ihrer starken Korrelation häufig als „Brüder“ bezeichnet. Für Anleger stellt sich dabei regelmäßig die Frage, welches der beiden Edelmetalle die besseren Chancen bietet. 

Nach der jüngsten Erholung des Goldpreises hat Michele Schneider, Chief Market Strategist bei MarketGauge, darauf eine überraschend klare Antwort. Sie bleibt zwar langfristig optimistisch für Gold, traut Silber unter bestimmten Voraussetzungen aber erheblich mehr zu. Vor allem ein erneutes Aufflammen der Inflation könnte dafür sorgen, dass der „kleine Bruder“ Gold deutlich hinter sich lässt.

Goldpreis profitiert von schwindendem Vertrauen

Schneider sieht die jüngste Goldrally nicht allein als Folge veränderter Inflations- und Zinserwartungen. Für sie steckt dahinter ein grundsätzliches Thema: Das Vertrauen der Investoren in Regierungen, Notenbanken und deren Fähigkeit, die Weltwirtschaft auf einem stabilen Kurs zu halten, nimmt ab. Aus technischer Sicht wertet sie positiv, dass Gold seinen gleitenden 50-Tage-Durchschnitt zurückerobert hat. Zuvor hatte sich der Preis rund zwei Monate um die Marke von 4.000 Dollar stabilisiert.

Auch fundamental hätten sich die Rahmenbedingungen für Gold kaum verschlechtert. Schneider verweist auf anhaltende Goldkäufe der Zentralbanken, darunter China und zuletzt Südkorea, sowie auf die weltweit wachsenden Schulden. Zusätzlichen Rückenwind lieferte die jüngste Entscheidung der US-Notenbank, die Leitzinsen unverändert zu lassen. Der dadurch geschwächte Dollar unterstützte den Goldpreis.

Den entscheidenden Impuls für den jüngsten Ausbruch sieht Schneider allerdings in der gemeinsamen Intervention der USA und Japans zugunsten des Yen. Die Bedeutung dieser Aktion gehe über die unmittelbare Schwächung des Dollars hinaus. Staatliche Eingriffe dieser Größenordnung könnten Zweifel daran verstärken, ob die Verantwortlichen die Situation an den Finanzmärkten noch vollständig unter Kontrolle haben. Sollte das Vertrauen in Institutionen weiter schwinden, könnten klassische Zusammenhänge zwischen Gold, Zinsen und Realrenditen zeitweise in den Hintergrund treten. In einem solchen Umfeld sieht Schneider Gold weiterhin als bevorzugten Zufluchtsort.

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Gold (ISIN: XC0009655157)

Silber könnte Gold deutlich übertreffen

Obwohl Schneider für Gold ausgesprochen optimistisch bleibt, sieht sie bei Silber das größere Kurspotenzial. Entscheidend dafür wäre ein erneutes Aufflammen des Inflationsdrucks. Als Indikatoren beobachtet sie eine von ihr als „Inflation Trifecta“ bezeichnete Kombination aus Gold-Silber-Ratio, Dollar und Zuckerpreis. Letzteren interpretiert sie als Frühindikator für Preiszuwächse bei Agrarrohstoffen und Lebensmitteln.

Besondere Bedeutung kommt dem Gold-Silber-Verhältnis zu. Fällt die Ratio unter 69, würde Silber gegenüber Gold wieder stärker werden. Schneider interpretiert dies als Inflationssignal und würde in diesem Fall einen erneuten Einstieg bei Silber in Betracht ziehen. Ihre Einschätzung fällt eindeutig aus: Sie ist zwar sehr positiv für Gold, bei Silber aber noch optimistischer.

Charttechnisch muss das Weißmetall zuvor allerdings eine wichtige Hürde überwinden. Anders als Gold hat Silber seinen gleitenden 50-Tage-Durchschnitt bislang noch nicht zurückerobert. Bei den September-Futures sieht Schneider die entscheidende Marke bei ungefähr 64 Dollar. Ein Ausbruch darüber würde aus ihrer Sicht eine bullishe Bodenformation abschließen.

Danach könnte es schnell gehen. Als erstes Kursziel nennt sie etwa 75 Dollar. Bei entsprechender Dynamik hält sie anschließend sogar einen Anstieg auf 80 Dollar für möglich. Vom genannten Ausbruchsniveau bei 64 Dollar entspräche dies einem Potenzial von bis zu 25 Prozent. Das Szenario ist allerdings an klare Bedingungen geknüpft: Silber müsste zunächst den technischen Widerstand überwinden und wieder relative Stärke gegenüber Gold entwickeln.

Silber (ISIN: AF0000SILVER)

Silber bietet mehr Chancen – aber auch höhere Risiken

Schneiders Einschätzung macht zugleich deutlich, warum sich Anleger nicht ausschließlich auf Zinsen und andere klassische makroökonomische Zusammenhänge konzentrieren sollten. Bei Edelmetallen spiele auch die Psychologie eine erhebliche Rolle. Steigende Marktvolatilität, politische Unsicherheit und Zweifel an der Stabilität des Wirtschaftswachstums können das Verhalten der Anleger schnell verändern. Besonders ein Vertrauensverlust könnte Gold und Silber unabhängig von klassischen Bewertungsmodellen zusätzlichen Rückenwind verleihen.

Fazit: Eines dürfte dabei relativ sicher sein. Sollte Silber tatsächlich durchstarten, werden seine Kursbewegungen höchstwahrscheinlich deutlich heftiger ausfallen als bei Gold. Dies zeigen die Volatilitätsindizes. Der CBOE-Goldvolatilitätsindex liegt aktuell bei rund 25,6 Prozent, während der entsprechende Silbervolatilitätsindex mit 46,3 Prozent fast doppelt so hoch notiert. Damit bietet Silber zwar das größere Potenzial für spektakuläre Kursgewinne, zugleich müssen Anleger aber auch mit erheblich stärkeren Rückschlägen rechnen.

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