Gold und Silber haben in den vergangenen Tagen ihre tiefsten Stände seit mehr als sieben Monaten erreicht. Viele Edelmetallinvestoren sind dadurch stark verunsichert und fragen sich, ob wir nun den Boden erreicht haben.
Aus charttechnischer Sicht zeigt sich bei den beiden Edelmetallen ein unterschiedliches Bild: Beim Goldpreis lässt sich im Bereich von etwa 3.930 Dollar ein Boden ausmachen. Silber konnte zuletzt zwar einen ersten Stabilisierungsversuch im Bereich von 57 Dollar starten, dieser Mini-Boden wurde jedoch zeitweise sogar unterschritten.
Ein gemeinsamer Belastungsfaktor bleibt die technische Verfassung. Sowohl Gold als auch Silber notieren deutlich unter ihren 200-Tage-Durchschnittslinien. Besonders kritisch aus Sicht vieler Charttechniker ist, dass diese langfristig beachteten Trendindikatoren inzwischen nicht mehr nach oben zeigen. Damit hat sich das technische Bild gegenüber der ersten Jahreshälfte zweifellos eingetrübt.
Charttechniker sehen weiteres Abwärtspotenzial bei Gold und Silber
Aus Sicht chartorientierter Analysten ist deshalb noch nicht sicher, dass die jüngsten Tiefstände bereits den endgültigen Boden markiert haben. Besonders vorsichtig äußert sich Paul Ciana, technischer Stratege bei der Bank of America. Er sieht die Gefahr, dass der Goldpreis seine Korrektur noch ausweiten könnte. Entscheidend sei, ob wichtige Unterstützungen halten oder ob weitere Verkäufe zusätzlichen Druck erzeugen.
Auch RHB Retail Research beurteilt die kurzfristige Lage zurückhaltend. Die Analysten verweisen auf die angeschlagene Chartstruktur und sehen weiteres Rückschlagpotenzial, solange Gold keine wichtigen Widerstandsmarken zurückerobern kann. Aus dieser Perspektive könnte die aktuelle Schwächephase noch andauern, bevor sich ein nachhaltiger neuer Aufwärtstrend entwickelt.
Gerade bei Silber ist die technische Situation besonders anspruchsvoll. Das Industriemetall weist traditionell deutlich stärkere Schwankungen auf als Gold. Nach einer dynamischen Rally im Vorjahr folgte zuletzt eine kräftige Korrektur. Solange die langfristigen Trendindikatoren keine Stabilisierung anzeigen, bleibt das Risiko weiterer Ausschläge nach unten aus charttechnischer Sicht bestehen.
Fundamentale Analysten bleiben langfristig optimistisch
Anders fällt die Einschätzung von Analysten aus, die stärker auf fundamentale Faktoren achten. Sie sehen den jüngsten Rückgang vor allem als Korrektur innerhalb eines längerfristigen Aufwärtstrends und nicht als Beginn eines neuen Bärenmarktes.
Forex.com verweist bei Silber vor allem auf die strukturell hohe Nachfrage aus Zukunftsbranchen. Dazu zählen unter anderem Solarenergie, Elektrifizierung, Rechenzentren und Anwendungen rund um künstliche Intelligenz. Gleichzeitig sei das Angebot begrenzt, da neue Förderprojekte nur langsam umgesetzt werden können. Aus dieser Perspektive könnten die aktuellen Kurse langfristig wieder attraktiv werden.
Auch Rania Gule von XS.com betrachtet die jüngste Schwäche bei Gold eher als vorübergehende Marktbereinigung. Als wichtige Unterstützungsfaktoren nennt sie weiterhin die Käufe der Zentralbanken sowie die Funktion von Gold als Absicherung gegen geopolitische und wirtschaftliche Risiken.
Ole Hansen von der Saxo Bank sieht den Markt nach dem starken Verkaufsdruck inzwischen in einer Übergangsphase. Seiner Einschätzung nach könnte die Phase der Zwangsverkäufe und Gewinnmitnahmen allmählich in eine Konsolidierung übergehen. Eine nachhaltige Bodenbildung müsse sich allerdings erst noch bestätigen.
Auch UBS bleibt für Gold langfristig konstruktiv. Die Schweizer Großbank verweist unter anderem auf die Bedeutung der Zentralbanknachfrage, mögliche Veränderungen beim Dollar sowie eine perspektivisch weniger restriktive Geldpolitik als mögliche Kurstreiber. Die Experten halten deshalb eine erneute Annäherung an frühere Höchststände für möglich.
Fazit: Ob der Bereich um 3.930 Dollar bei Gold tatsächlich den Boden markiert und Silber im Bereich um 57 Dollar eine tragfähige Unterstützung findet, wird letztlich davon abhängen, wie sich die wichtigsten Einflussfaktoren künftig entwickeln: Zinserwartungen, Dollar, geopolitische Risiken sowie die Nachfrage von Zentralbanken und Industrie. Für Anleger bleibt damit entscheidend, zwischen kurzfristiger Charttechnik und langfristigen fundamentalen Trends zu unterscheiden.
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