An den internationalen Anleihemärkten steigen die Renditen kräftig. Normalerweise gilt: Höhere Zinsen sind Gift für Gold, weil das Edelmetall keine laufenden Erträge abwirft. Doch diese alte Börsenregel funktioniert derzeit nur eingeschränkt.
Besonders deutlich zeigt sich das in den USA: Die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen kletterte zu Wochenbeginn auf 5,31 Prozent – den höchsten Stand seit 2007. Der Ausverkauf am Bondmarkt ist aber kein rein amerikanisches Phänomen: In Kanada erreichten 30-jährige Renditen das höchste Niveau seit 2010, in Deutschland Werte wie zuletzt 2011.
Warum die Renditen stark gestiegen sind
Hinter dem Anstieg stehen mehrere Faktoren: eine hartnäckig über dem Zielwert der Notenbanken liegende Inflation, die höhere Risikoaufschläge erzwingt, sowie ein wachsendes Angebot an Schuldpapieren. In den USA treiben Haushaltsdefizite von fast zwei Billionen Dollar jährlich den Finanzierungsbedarf des Staates, während Unternehmen zusätzlich Kapital für KI-Investitionen aufnehmen. Diesem steigenden Angebot steht eine nachlassende Nachfrage traditioneller Käufer langfristiger Anleihen gegenüber – Emittenten müssen also höhere Renditen bieten.
Hohe Zinsen und Schulden als Argument für Gold
Normalerweise belastet ein Renditeanstieg den Goldpreis: Steigen vor allem die inflationsbereinigten Realzinsen, nehmen auch die Opportunitätskosten der Goldanlage zu, da Staatsanleihen laufende Zinsen bieten, Gold aber nicht. Kapital sollte demnach eigentlich aus Gold in verzinsliche Anlagen fließen.
Diese Logik gilt jedoch nur, solange steigende Renditen vor allem höhere reale Erträge widerspiegeln und die Bonität des Schuldners nicht infrage steht. Denn Rendite und Risiko hängen zusammen: Je höher die verlangte Verzinsung, desto höher können auch wahrgenommene Inflations-, Laufzeit- oder Bonitätsrisiken sein.
Genau hier liegt das aktuelle Spannungsfeld: Hohe Staatsschulden treffen auf steigende Finanzierungskosten. Müssen Staaten immer mehr Einnahmen für Zinszahlungen aufwenden, verschärft das bei unveränderter Finanzpolitik die Haushaltsprobleme – neue Defizite erhöhen wiederum den Schuldenstand und damit den künftigen Finanzierungsbedarf. Aus hohen Schulden und hohen Zinsen kann so ein problematischer Mix entstehen.
Für Gold ändert das die Rechnung: Ein Teil des Renditeanstiegs erzeugt zwar weiterhin Gegenwind. Werden höhere langfristige Zinsen aber zunehmend als Ausdruck fiskalischer, inflationärer oder geldpolitischer Unsicherheit gelesen, gewinnt gleichzeitig die Funktion von Gold als sicherer Hafen an Gewicht. Anders als eine Staatsanleihe – letztlich eine Forderung gegenüber einem Schuldner – trägt physisches Gold kein Kontrahentenrisiko. Sein Wert hängt nicht davon ab, ob Staat, Bank oder Unternehmen ihre Verpflichtungen erfüllen. Genau diese Eigenschaft hat Gold über Generationen seinen Ruf als Reserve- und Krisenwährung gesichert.
Entwickelt Gold eine Immunität gegen hohe Zinsen?
Dass Gold trotz stark gestiegener Renditen vergleichsweise widerstandsfähig bleibt, deutet darauf hin, dass Anleger stärker zwischen der Höhe der Zinsen und ihren Ursachen unterscheiden. Über fünf Prozent Rendite bei langlaufenden US-Staatsanleihen sind grundsätzlich Konkurrenz für Gold. Entsteht diese Rendite aber durch hohe Haushaltsdefizite, Inflationsrisiken und Zweifel an der Schuldentragfähigkeit, liefert derselbe Anstieg zugleich Argumente für eine Beimischung des Edelmetalls.
Fazit: Von vollständiger Immunität des Goldpreises gegenüber steigenden Zinsen zu sprechen, wäre übertrieben. Vor allem weiter steigende Realzinsen und ein starker Dollar könnten den Goldpreis temporär erneut belasten. Auffällig bleibt aber, dass der klassische Zinsmechanismus derzeit erheblich an Durchschlagskraft verloren hat: Je stärker steigende Anleiherenditen als Risikoprämie für Inflation und Staatsverschuldung statt als Zeichen attraktiver risikofreier Erträge verstanden werden, desto weniger müssen sie Gold zwangsläufig schaden.
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