Der Goldpreis musste 2026 einen ungewöhnlich starken Gegenwind verkraften. Obwohl geopolitische Risiken und Sorgen über die Staatsfinanzen vieler Länder eigentlich für die Krisenwährung sprechen, belasteten vor allem kräftig gestiegene Realzinsen.
Doch deren Schrecken scheint allmählich nachzulassen. Entscheidend ist mittlerweile weniger, dass reale Renditen hoch sind, sondern ob sie überhaupt noch deutlich weiter steigen können. Genau daran wachsen die Zweifel. BCA Research und Jefferies halten einen Großteil der negativen Neubewertung inzwischen für vollzogen. Für Gold könnte damit einer der wichtigsten Belastungsfaktoren an Kraft verlieren.
Hohe Realzinsen haben den Goldpreis massiv belastet
Realzinsen beschreiben vereinfacht die Rendite einer Anlage nach Berücksichtigung der Inflation. Für Gold sind sie besonders wichtig: Je höher die reale Verzinsung sicherer Anleihen ausfällt, desto größer sind die Opportunitätskosten des Edelmetalls, das weder Zinsen noch Dividenden abwirft.
Wie stark sich das Umfeld verändert hat, zeigt der US-Anleihemarkt. Anfang 2026 rechneten Investoren noch mit ein oder zwei Zinssenkungen der US-Notenbank. Inzwischen werden stattdessen ein oder zwei Zinserhöhungen diskutiert. Nach Berechnungen von Jefferies ist die Realrendite zehnjähriger inflationsgeschützter US-Staatsanleihen (TIPS) von 1,94 Prozent zu Jahresbeginn auf rund 2,41 Prozent gestiegen. Diese abrupte Neubewertung trug dazu bei, dass Gold zeitweise rund ein Viertel unter sein Rekordhoch zurückfiel.
Bemerkenswert ist allerdings die Widerstandskraft des Edelmetalls. Trotz des erheblichen Zinsdrucks konnte sich Gold oberhalb der psychologisch wichtigen Marke von 4.000 Dollar behaupten. Im Juli bewegte sich der Preis per saldo kaum. Gleichzeitig verzeichneten europäische Gold-ETFs trotz des weiterhin hohen europäischen Zinsniveaus Zuflüsse.
Auch historische Vergleiche von Jefferies sprechen dafür, dass nicht unbedingt die absolute Höhe der Realzinsen entscheidend ist. Nach früheren Realzinsschocks entwickelte sich Gold vor allem dann wieder besser, wenn der weitere Aufwärtsdruck bei den Renditen nachließ. BCA Research kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: Für eine neue Goldrally seien keine Zinssenkungen notwendig. Es könnte bereits genügen, wenn Realzinsen und Dollar nicht weiter steigen.
Inflation könnte hohe Realzinsen wieder dahinschmelzen lassen
Hinzu kommt ein Aspekt, der bei der Diskussion über hohe Renditen häufig übersehen wird: Nominal hohe Zinsen bedeuten keineswegs automatisch hohe Realzinsen. Sollte die Inflation erneut deutlich anziehen, könnten die realen Renditen sogar kräftig sinken. Bei einer Anleiherendite von beispielsweise vier Prozent und einer Inflationsrate von zwei Prozent beträgt die vereinfachte Realrendite rund zwei Prozent. Steigt die Inflation bei unveränderter Nominalrendite auf vier Prozent, wäre dieser reale Ertrag praktisch aufgezehrt.
Laut World Gold Council gewinnt Inflation für Gold insbesondere oberhalb von vier Prozent an Bedeutung – vor allem dann, wenn gleichzeitig die Realzinsen fallen, der Dollar schwächer wird oder Rezessionsrisiken zunehmen.
Ohnehin sollte eine hohe Anleiherendite nicht mit Risikofreiheit verwechselt werden. Rendite und Risiko hängen grundsätzlich zusammen. Bei Staatsanleihen rücken deshalb die wachsenden Schuldenberge und hohen Haushaltsdefizite zunehmend in den Fokus. Müssen Staaten immer größere Beträge refinanzieren und neue Schulden aufnehmen, können Investoren höhere Renditen als Ausgleich verlangen. Der vermeintliche Vorteil höherer Zinsen kann somit zugleich Ausdruck gestiegener fiskalischer Risiken sein.
Gold behält langfristige Kaufargumente
Parallel zum möglichen Höhepunkt der Realzinsen bestehen die strukturellen Argumente für Gold fort. Zentralbanken kaufen weiterhin das Edelmetall, auch wenn das außergewöhnlich hohe Tempo der vergangenen Jahre nachgelassen hat. Hinzu kommen die Diversifikation von Währungsreserven weg vom Dollar, hohe Staatsschulden, geopolitische Unsicherheiten und Zweifel an der langfristigen Stabilität staatlicher Finanzsysteme. Nach Einschätzung von BCA dürften die Notenbankkäufe deshalb zumindest einen gewissen Boden unter den Goldmarkt ziehen.
Fazit: Das Chance-Risiko-Verhältnis für Gold verbessert sich nicht zwingend deshalb, weil plötzlich neue positive Faktoren entstanden wären. Vielmehr könnte der bislang stärkste Gegenwind seinen Höhepunkt überschritten haben. Sollten Realzinsen und Dollar tatsächlich nicht weiter steigen oder die Inflation die realen Renditen wieder drücken, könnte aus einer Belastung sogar Rückenwind entstehen.
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