Hinter den Kulissen zeichnet sich eine überraschende Wende der Bundesregierung im Übernahmepoker um die Commerzbank ab. Für Aktionäre könnte sich die neue Entwicklung noch kräftig auszahlen.
Nach dem Übernahmeangebot der UniCredit Anfang des Monats hält die italienische Bank nun mehr als 47 Prozent der Commerzbank-Anteile. Diese setzen sich aus bereits gehaltenen Anteilen, von Altaktionären im Rahmen des Übernahmeangebots angedienten Aktien sowie Derivaten zusammen. Da nicht alle Aktien stimmberechtigt sind, entspricht dies 49,7 Prozent der Stimmrechte. Damit rückt die Kontrollmehrheit in greifbare Nähe.
Eines der wesentlichen Hindernisse auf dem Weg zur Übernahme war bislang die Bundesregierung, die nach wie vor mit zwölf Prozent an der Frankfurter Großbank beteiligt ist. Aus Sorge vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und eines wichtigen Partners für den deutschen Mittelstand hat sie sich bisher mit aller Kraft gegen die Übernahme gestellt. Nun gibt es erste Anzeichen dafür, dass diese Blockadehaltung zumindest teilweise aufgegeben wird.
Bundesregierung will Übernahme der Commerzbank nicht mehr verhindern
Bei seiner Pressekonferenz am 15. Juli sagte Friedrich Merz: „Wir verhindern nicht diese Fusion oder Übernahme. Wir haben auch den Versuch nie unternommen.“ Er betonte zudem: „In der marktwirtschaftlichen Ordnung entscheiden die Eigentümer über die Struktur, die sie gerne haben möchten und nicht die Politik.“
Rein rechtlich hätte die Bundesregierung ohnehin kaum Möglichkeiten, eine Übernahme zu verhindern. Durchaus möglich und realistisch ist jedoch, dass die Regierung versucht, mithilfe ihres Stimmanteils einige Forderungen gegenüber der UniCredit durchzusetzen. Merz bestätigte am Mittwoch, dass Gespräche „aus der Bundesregierung heraus mit Herrn Orcel geführt“ werden.
Noch keine konkreten Forderungen bekannt
Am 17. Juli wollte der Regierungssprecher weder mögliche Bedingungen für einen Verkauf der Bundesbeteiligung nennen noch Medienberichte über einen Forderungskatalog bestätigen.
Friedrich Merz hatte jedoch bereits mehrfach auf die Bedeutung der Commerzbank für den deutschen Mittelstand hingewiesen. Berlin könnte deshalb verlangen, dass die Rolle der Commerzbank als Finanzierer der deutschen Wirtschaft langfristig gesichert wird. Weitere Forderungen könnten Beschäftigungsgarantien für die Angestellten sowie der Erhalt einer eigenständigen Börsennotierung sein.
Für Anleger besonders interessant: Medienberichten zufolge könnte die Bundesregierung auch einen höheren Angebotspreis fordern. Offizielle Aussagen von Regierungsseite gibt es dazu bislang jedoch nicht. Im Juni erklärte die Bundesfinanzagentur, dass das Tauschangebot abgelehnt worden sei, weil es keine angemessene Prämie enthalten habe. Einige Marktbeobachter werten dies als Botschaft, dass der Bund bei einem höheren Angebot durchaus bereit sein könnte, seine Anteile abzustoßen.
Fazit: Übernahme wird deutlich wahrscheinlicher
Nach den Aussagen von Friedrich Merz erscheint eine Übernahme der Commerzbank durch die UniCredit deutlich wahrscheinlicher. Die italienische Großbank verfügt nun über fast 50 Prozent der Stimmrechte und kann am Markt weitere Aktien erwerben.
Für einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag benötigt UniCredit jedoch grundsätzlich 75 Prozent des auf der Hauptversammlung vertretenen Grundkapitals. Ob sich die Bundesregierung zum bisherigen Angebotspreis von ihren Anteilen trennt, bleibt zudem fraglich. Ein neues oder nachgebessertes Angebot oberhalb von 40 Euro wäre deshalb keinesfalls ausgeschlossen.
Häufig gestellte Fragen:
Wird UniCredit die Commerzbank übernehmen?
Eine Übernahme ist deutlich wahrscheinlicher geworden, aber noch nicht beschlossen. Entscheidend sind weitere Aktienkäufe, regulatorische Genehmigungen und mögliche Gespräche mit der Bundesregierung.
Warum ist die Bundesregierung bei der Commerzbank-Übernahme so entscheidend?
Die Bundesregierung hält rund zwölf Prozent der Commerzbank. Sie kann die Übernahme zwar kaum verhindern, aber bei Bedingungen und einem möglichen Verkaufspreis Einfluss nehmen.
Könnten Aktionäre von der Übernahme der Commerzbank profitieren?
Ja. Sollte UniCredit weitere Aktien benötigen oder ein höheres Angebot vorlegen, könnte die Commerzbank-Aktie zusätzliches Kurspotenzial haben.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Commerzbank.