Mit dem Oktober beginnt für den DAX die historisch betrachtet beste Zeit des Jahres. Was dieses Mal für eine Rally spricht, wo die Gefahren lauern, welche Kursziele Aktienmarktstrategen ausrufen.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 30. September in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 41/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Der Oktober ist ein merkwürdiger Monat. Zumindest aus Sicht der Aktienmärkte. Fünf der zehn größten Tagesverluste des DAX fallen in den Oktober. Trotzdem hat der Monat auf lange Sicht Kursgewinne gebracht: zurückgerechnet bis 1959 im Schnitt 0,64 Prozent. Auf das Jahr wären das rund acht Prozent.
Mit dem Oktober beginnt zugleich die ergiebigste Zeit für den DAX: Das letzte Quartal ist historisch betrachtet das Beste. Im Schnitt hat der Index auf der Zielgeraden des Kalenderjahres rund drei Prozent an Wert gewonnen. Klappt das auch dieses Mal? Die Redaktion hat sich unter Aktienmarktstrategen aus Deutschland umgehört und überwiegend positive Prognosen erhalten. Das mag dem in der Finanzbranche verbreiteten Optimismus geschuldet sein.
Es gibt aber auch harte Fakten, die für eine Jahresendrally sprechen. Grundlage für steigende Aktienkurse ist eine wachsende Realwirtschaft. Deutschland scheint die Talsohle durchschritten zu haben. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das deutsche Bruttoinlandsprodukt deutlich angehoben: Für das laufende Jahr erwarten sie ein Wachstum von 1,3 Prozent. Das wäre die größte Dynamik seit 2022. Der von vielen befürchtete Energiepreisschock ist nicht so stark ausgefallen wie befürchtet. Die Exporte ziehen, die staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung zeigen Wirkung und auch deutsche Unternehmen profitieren vom KI-Boom.
Wie immer gibt es Risiken. Die Wirtschaftsinstitute verweisen auf die weiter hohen Energiepreise und Strukturprobleme der deutschen Wirtschaft. Was fehlt, ist aber auch eine Aufbruchstimmung, die den privaten Konsum sowie Investitionen von Unternehmen ankurbeln könnte. Die Stimmung sei schlechter als die Lage, urteilen die Wirtschaftsforscher, die aber auch Reformen anmahnen.
20 Prozent Deutschland
Die meisten der großen deutschen Konzerne sind global aufgestellt, aber trotzdem im Heimatmarkt verankert. Rund 20 Prozent der Umsätze der DAX-Mitglieder, so die Schätzung der Privatbank M.M. Warburg, werden in Deutschland erzielt. Da die europäischen Nachbarn die wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik sind, dürfte der reale Impuls größer sein. Dennoch sollte es im kommenden Jahr für ein BIP-Wachstum von 1,1 Prozent reichen.
Für die Aktienmärkte die wichtigste Größe sind die Unternehmensgewinne. Und da an der Börse die Zukunft gehandelt wird, orientieren sich die Märkte an den Gewinnerwartungen. Für die Jahre 2026 und 2027 wird für die DAX-Konzerne ein Gewinnwachstum von jeweils rund 15 Prozent erwartet. Die Gewinnerwartungen für die kommenden zwölf Monate liegen inzwischen zwölf Prozent über dem Vorjahreswert. Höhere Zuwächse gab es nach Einschätzung von Warburg in der Vergangenheit nur, wenn die Unternehmen eine Rezession hinter sich hatten.
Die DekaBank geht davon aus, dass der Trend anhält: „Kurzfristig ist nicht damit zu rechnen, dass sich die Gewinndynamik spürbar verlangsamt. Im Gegenteil, wir erwarten, dass die Unternehmen Gewinne berichten, die über den Prognosen der Analysten liegen.“
Das Schlussquartal ist für die Aktienmärkte besonders ereignisreich. Eine Auswertung der Unternehmensberatung EY zeigt, dass rund ein Drittel der Gewinnwarnungen eines Jahres in die letzten drei Monate fallen. Die Zahl der Prognosesenkungen zieht bereits im dritten Quartal deutlich an. Die Gründe liegen auf der Hand. Wenn Unternehmen mit der Bilanzpressekonferenz im Frühjahr ihre Jahresprognosen abgeben, gibt es viele Unsicherheiten. Je länger sich die Geschäfte schlechter entwickeln, desto größer wird der Druck, sich der Realität zu stellen. Die insgesamt positive Kursentwicklung des DAX in allen drei Monaten des Schlussquartals zeigt, dass die Aktienmärkte dadurch nicht aus der Bahn geworfen werden. Schlechte Nachrichten dürften zumindest teilweise bereits in den Kursen verarbeitet sein. Zugleich gibt es auch Unternehmen, die ihre Prognosen anheben.
Wir sind auf Kurs für ein weiteres erfolgreiches Geschäftsjahr.
Wichtiger Termin im November
Was kann schiefgehen? Der Iran-Krieg mit seinen Auswirkungen auf die Energiepreise und den Warenverkehr durch die Straße von Hormus bleibt einer der großen und schwer zu kalkulierenden Unsicherheitsfaktoren. Börsianer setzen offenbar darauf, dass US-Präsident Trump entgegen seiner mitunter martialischen Rhetorik einen schnellen Ausweg sucht, im Idealfall noch vor den Zwischenwahlen in den USA Anfang November.
Sinkende Energiepreise würden die Aussichten der Präsidentenpartei verbessern. Einige an der Wall Street sehen auch den Wahltermin als potenzielle Kursbremse.
Die Demokraten haben laut Umfragen realistische Chancen, in beiden Kammern des Kongresses die Mehrheit zu erobern. Laut Prognoseplattform Kalshi liegt die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios bei 61 Prozent. Dieses könnte zu einer stärkeren Regulierung der Technologiekonzerne führen und deren Pläne zum Ausbau der KI-Infrastruktur bremsen. Für die Aktien von Big Tech wäre das ein klarer Belastungsfaktor. Kursverwerfungen an den US-Börsen schlagen erfahrungsgemäß auf Europa über. Ein anderes Problem könnte von der Zinsseite kommen. Vor allem hoch bewertete Wachstumswerte können unter deutlich steigenden Zinsen leiden.
Welche Aktien sind jetzt spannend?
Höhere Finanzierungskosten würden zudem Unternehmen bei Investitionen und Gewinnen belasten. Die Commerzbank sieht in der aktuellen Konstellation mit einem EZB-Einlagensatz von 2,50 Prozent und einer Obergrenze des US-Leitzinskorridors von 4,00 Prozent aber noch keine Gefahr. Aktienmärkte hätten in der Vergangenheit moderat steigende Leitzinsen regelmäßig verkraftet, solange Wirtschaft und Unternehmensgewinne weiter gewachsen seien. Unser Basisszenario bleibt positiv: Die Wirtschaft wächst — jetzt auch wieder in Deutschland. Das schafft Raum für positive Überraschungen bei den Unternehmensgewinnen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des DAX ist mit rund 15 nicht extrem. Seit dem Jahr 2003 bewegte sich die Kennziffer zwischen acht und 30.
Geht man davon aus, dass die Gewinne der DAX-Konzerne im kommenden Jahr wie vom Konsens kalkuliert rund 1.815 Indexpunkten entsprechen, würde das auf aktuellem KGV-Niveau auf ein realistisches Kursniveau von 27.225 Punkten hinauslaufen. Die Ziele der in unserer Blitzumfrage befragten Strategen bewegen sich in diesem Rahmen. Sie reichen von 25.500 bis 27.500 Punkten. Was heißt das für einzelne Aktien aus dem DAX?
Die höchste Dynamik im operativen Geschäft haben jene Unternehmen, die dank KI von einer Sonderkonjunktur profitieren, also vor allem Infineon, Siemens Energy und auch Hochtief. Diese drei Aktien sind inzwischen deutlich unter ihre Rekordstände gefallen. Börsianer könnten sich bei den Titeln im Vorfeld der amerikanischen Kongresswahlen weiter zurückhalten. Wir sehen längerfristig weiter Potenzial, es fehlt bislang aber noch eine klare Bodenbildung.
Spannende Aktie: Siemens
So etwas wie ein DAX-Ersatz mit Hebel ist Siemens. Nicht nur, weil der Industrie- und Technologiekonzern mit aktuell rund elfeinhalb Prozent Anteil das Schwergewicht ist. Seit vielen Jahren bewegt sich die Aktie in einem ähnlichen Rhythmus wie der DAX, hat sich dabei aber oft besser entwickelt als der Index. Durch Abspaltungen und die wachsende Bedeutung des Digitalgeschäfts verschiebt sich der Schwerpunkt zu margenstärkeren Bereichen, was wiederum höhere Bewertungskennziffern rechtfertigt. Die Sparte Digital Industries automatisiert Fabriken, Smart Infrastructure vernetzt Gebäude und Energiesysteme.
Die Bahnsparte hat gerade aus Österreich einen Auftrag über 1,3 Milliarden Euro für die Digitalisierung von Stellwerken erhalten. Mit einem Auftragsbestand von 132 Milliarden Euro könne man „sehr optimistisch“ ins nächste Geschäftsjahr blicken, betonte Konzernchef Roland Busch zuletzt. Die Aktie steckt, ähnlich wie der DAX, in einem Seitwärtstrend. Eigene Impulse kann Siemens mit den für den 12. November angekündigten Geschäftszahlen zum vierten Quartal und dem Ausblick auf das neue Jahr setzen. Unser Kursziel von 300 Euro ist konservativ. Wir liegen zehn Euro unter dem Analystenkonsens und 55 Euro unter dem höchsten Kursziel. Wer auf eine Jahresendrally setzen, also in einem relativ kurzen Zeitraum Kursgewinne erzielen will, für den ist das Momentum oft ein guter Wegweiser.
Spannende Aktie: Qiagen
Die Aktie von Qiagen weist gegenwärtig eine überdurchschnittliche Relative Stärke und auch ein positives Chartbild auf. Das Unternehmen verkauft Laborgeräte, Testkits, Verbrauchsmaterialien und Analyse-Software, mit denen biologische Proben wie Blut oder Gewebe untersucht werden. Die Kunden kommen vor allem aus Krankenhäusern, Forschungseinrichtungen, Pharmaunternehmen und Biotech-Firmen. Besonders attraktiv ist das Geschäftsmodell durch wiederkehrende Erlöse aus Verbrauchsmaterialien. Die Branche hat es noch immer schwer, die letzten Quartalsergebnisse haben aber leicht positiv überrascht.
Auch Übernahmegerüchte sind ein potenzieller Kurstreiber. Bei Qiagen liegen wir mit unserem Kursziel am oberen Rand der Analystenspanne, was angesichts der Übernahmefantasie gerechtfertigt ist. Wir ziehen den Stoppkurs nach. Als Dividendenwert noch unterschätzt sein dürfte Continental. Der Automobilzulieferer will sich nach dem Konzernumbau auf seine lukrativste Sparte konzentrieren, das Reifengeschäft. Wachstum verspricht dort der Bereich Ultra-High-Performance-Reifen. Wichtiger als die Bestückung von Neuwagen ist das Ersatzgeschäft. Dadurch kann sich Continental von den Zyklen der Automobilindustrie abkoppeln. Im vergangenen Quartal hatten die Niedersachsen ihre operative Marge im Reifengeschäft um mehr als drei Prozentpunkte auf 15,3 Prozent verbessert. Ein Handicap ist derzeit der hohe Ölpreis, der die Kosten vieler für das Reifengeschäft wichtiger Rohstoffe treibt. 40 bis 60 Prozent des Konzerngewinns sollen künftig als Dividende an die Aktionäre gehen. Zuletzt zahlte der Konzern 2,70 Euro je Aktie. Der Analystenkonsens erwartet eine kontinuierlich steigende Ausschüttung und für das Geschäftsjahr 2028 eine Dividende von 3,75 Euro je Aktie, was bei aktuellem Kurs auf eine Dividendenrendite von fast fünfeinhalb Prozent hinauslaufen würde.
Fazit
Viele Faktoren sprechen auch in diesem Jahr für eine Jahresendrally im vierten Quartal. Trotz des Iran-Kriegs mit seinen ökonomischen Begleiterscheinungen trauen wir dem DAX zu, das Rekordhoch zu knacken.