Die globale Übernahmewelle erreichte zum Halbjahr ein neues Rekordhoch. In Deutschland standen unter anderem Commerzbank und Delivery Hero im Fokus. Dürr, Gerresheimer, Lanxess, Siltronic und Zalando könnten die nächsten Ziele sein.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 07. Oktober in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 42/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Steht uns eine Konsolidierung der europäischen Chemie ins Haus? Ja!“, erklärte Evonik-Chef Christian Kullmann Mitte Mai dieses Jahres. Vier Monate später gerät der zweitgrößte deutsche Chemiekonzern selbst ins Visier des globalen Branchenprimus BASF. Die erste Offerte wurde zurückgewiesen. Wie der Übernahmepoker ausgeht, ist offen. Das Volumen des geplanten Deals von über zehn Milliarden Euro zeigt jedoch einmal mehr, dass weder Unternehmen noch Finanzinvestoren vor Megaübernahmen in zweistelliger Milliardenhöhe zurückschrecken.
Im Gegenteil. Einer Studie von JP Morgen zufolge wurden weltweit allein im ersten Halbjahr 48 Deals mit einem Volumen von jeweils über zehn Milliarden US-Dollar angekündigt. Insgesamt wurden Transaktionen mit einem Gesamtwert von 3,2 Billionen Dollar in den ersten sechs Monaten des Jahres gemeldet. Ein neuer Rekord. Besonders viel Bewegung gab es in Großbritannien, den USA und Deutschland. So investierten deutsche Firmen bei grenzüberschreitenden Zukäufen über 42 Milliarden Dollar. Mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Umgekehrt boten ausländische Firmen und Investoren über 103 Milliarden Dollar für die Übernahme deutscher Konzerne.
Im Fokus standen unter anderem Commerzbank, Delivery Hero und Nagarro. „In den Führungsetagen herrscht eine deutliche Tendenz zum Handeln, da Unternehmen erkennen, dass auch Stillstand Risiken birgt, und die strategische Notwendigkeit des Handelns zunehmend schwerer wiegt als die Ungewissheit“, schreibt Charlie Bouckaert, M&A-Experte bei JP Morgan, in seiner jüngsten Studie. Bouckaert erwartet, dass sich dieser Trend fortsetzt. Mit Zukäufen können Unternehmen ihr Wachstum beschleunigen. Das regulatorische Umfeld ist zudem günstig und Finanzinvestoren verfügen über reichlich Liquidität. Delivery Hero war und Hugo Boss ist im Solactive German Mergers & Acquisitions Index enthalten. Delivery Hero wurde im September ausgetauscht.
Das Aktienbarometer enthält 20 Aktien, die aufgrund verschiedener qualitativer Kriterien eine vergleichsweise hohe Wahrscheinlichkeit aufweisen, Ziel einer Übernahme oder Fusion zu werden. Der Index hat sich seit Auflage im Jahr 2012 mehr als verfünffacht. Aktuell zählen unter anderem die Aktien von Lanxess und Siltronic sowie die beiden Neueinsteiger Dürr und Zalando dazu. Gerresheimer ist ein heißer Anwärter für die Aufnahme in den Index.
Auftragsbücher füllen sich
Die Aktie von Dürr notiert auf dem tiefsten Stand seit 2020. Für diesen Rückgang gibt es zahlreiche Gründe. Die Sparte Industrieautomatisierung verbuchte im ersten Halbjahr einen leichten Umsatzrückgang und die Ebit-Marge sackte in den roten Bereich ab. Hinzu kam die Schwächephase in der europäischen Automobil- sowie der Möbelindustrie. Dank einer strengen Kostendisziplin hielt sich in der Automotive- und Woodworking-Sparte der Ebit-Rückgang im ersten Halbjahr jedoch in Grenzen. Die Mehrzahl der Analysten zeigt sich mittelfristig positiv für die Aktie gestimmt. Kommendes Jahr wird mit einer Ertragswende gerechnet. Der Optimismus ist berechtigt. In der Automatisierungssparte wurden die nötigen Abschreibungen und ein Großteil der Rückstellungen für die Restrukturierung bereits verbucht. Im zweiten Halbjahr dürften die Belastungen somit geringer ausfallen.
In der Holzverarbeitungssparte rund um Homag zeigte sich zuletzt durch die eingeleiteten Kostensenkungsmaßnahmen eine deutliche Margenverbesserung. Derweil stieg der Auftragseingang im zweiten Quartal zweistellig gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Einige große Aufträge aus den USA, China, Brasilien sowie von Volvo Cars in der Slowakei sorgten dafür, dass der Auftragseingang der größte Sparte, Automotive, ebenfalls kräftig stieg. Dürr zählt zu den Technologieführern bei Anlagen zur Beschichtung von Batterieelektroden für die E-Mobilität und bietet über Homag Maschinen für nachhaltigen Holzbau. Gelingt die Ertragswende, ist die Aktie extrem günstig. Knapp 29,7 Prozent der Anteile hält die Gründerfamilie. Sind die Erben verkaufsbereit, könnten Finanzinvestoren Interesse zeigen.
Verkauf weckt Fantasie
Der Verpackungsspezialist Gerresheimer hat turbulente Monate hinter sich. Operativ brach das Geschäft 2025 mächtig ein. In der Konsequenz mussten hohe dreistellige Millionenbeträge abgeschrieben werden, die zu einem drastischen Verlust führten. Im Sommer dieses Jahres wurden alle bilanziellen Anpassungen vorgenommen. Gleichzeitig wurden die Prognosen für das Gesamtjahr gesenkt. Anfang des Monats gelang ein großer Befreiungsschlag zum Schuldenabbau. So fließen mit dem Verkauf der US-Tochter Centor und der Sparte Primary Packaging Plastics 1,5 Milliarden Euro an Gerresheimer. Damit kann der Schuldenberg von rund zwei Milliarden Euro drastisch gesenkt werden. Vorläufigen Zahlen zum ersten Halbjahr zufolge legten Umsatz und Ebitda der größten verbleibenden Sparte Containment & Delivery Systems mit Verabreichungssystemen stark zu. Die beiden anderen Sparten Moulded Glasses und Primary Injectable Solutions präsentierten sich jedoch weiterhin schwach. Um die Rentabilität der Moulded-Glasses-Sparte zu steigern, werden die Produktionskapazitäten deutlich reduziert. Größere Restrukturierungen sind auch bei Primary Injectable Solutions eingeleitet.
2025 war Gerresheimer bereits mit Private-Equity-Gesellschaften bezüglich einer Übernahme in Verhandlungen. Damals gab es keine Einigung. Die starke Finanzlage, die günstige Bewertung und das Wachstumspotenzial im „Containment & Delivery Systems“-Bereich mit Spritzen, wie sie für Abnehmpräparate genutzt werden, könnte allerdings erneut Interesse wecken. Active Ownership Capital ist bereits seit 2025 Großaktionär. Der Stoppkurs wird erhöht.
Unter Buchwert
Überkapazitäten, hohe Energiepreise und massiver Importdruck aus Asien setzen dem Chemiesektor seit Jahren zu. Ende September unterbreitete BASF der Führung von Evonik ein Übernahmeangebot. Auf dem Radar von Chemieriesen oder Private-Equity-Firmen könnte auch Lanxess stehen. Das KBV liegt bei 0,3. Das bedeutet, ein Käufer erhält die realen Vermögenswerte wie Fabriken und Patente an der Börse mit einem hohen Abschlag auf den Buchwert. Anleger greifen dennoch nicht zu. Ein Grund ist die hohe Verschuldung. Gleichwohl verfügt Lanxess neben den drei Kernsparten über Joint-Ventures wie Envalior. Der Verkauf des Anteils könnte über eine Milliarde Euro einspielen.
Ein Finanzinvestor könnte gar noch einen Schritt weitergehen und das Portfolio zerlegen und damit den Konglomeratsabschlag auflösen. Die umsatzstärkste Sparte Speciality Additives mit Schmierstoffzusätzen für die Automobil- und Luftfahrtindustrie und Flammenschutzmittel konnte im ersten Halbjahr steigende Kosten über den Preis an den Kunden weitergeben. Experten schätzen den Wert dieser Sparte auf 1,2 bis 1,6 Milliarden Euro. Das übersteigt den aktuellen Börsenwert. Die beiden Speciality Additives und Advanced Intermediates schwächelten zuletzt zwar, gemessen am Ebitda waren sie in der ersten Jahreshälfte dennoch positiv und könnten je nach Schätzung gemeinsam 3,5 bis vier Milliarden Euro wert sein.
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Der zweite Anlauf
Anfang 2022 bot die taiwanesische Globalwafers 145 Euro pro Aktie für Siltronic. Damals scheiterte die Übernahme am Veto der Bundesregierung. Zuletzt hat Großaktionär Wacker Chemie den Anteil an dem Waferhersteller deutlich reduziert. Inzwischen ist die niederländische HAL Trust größter Aktionär. 2026 war der Wafer-Markt noch stark vom Lagerabbau geprägt. Analysten der UBS erwarten, dass die Wafer-Nachfrage wieder zunimmt und prognostizieren eine stark steigende weltweite Kapazitätsauslastung in den Fabriken auf über 90 Prozent im Jahr 2027.
Infolge des massiven Ausbaus der KI-Infrastruktur wird für das Jahr 2027 mit einem Preisanstieg für 300-mm-Wafer von bis zu 40 Prozent gerechnet. Der Halbleitermarkt boomt. Ohne Wafer kann kein einziger Mikrochip, Prozessor oder Speicherbaustein hergestellt werden. In den zurückliegenden Jahren investierte Siltronic stark in den Ausbau der Kapazitäten. Ab 2027 sollen sie sich auszahlen und die Ertragswende bringen. Die neuen Anteilsverhältnisse könnten frisches Investoreninteresse wecken. Kursziel und Stoppkurs werden erhöht.
Starke Position
Die Aktie des Onlinehändlers Zalando zieht Anleger derzeit nicht an. Nach Bekanntgabe der Zahlen zum ersten Halbjahr sackte das Papier gar zweistellig ab. Sowohl der gemeldete Bruttowarenwert als auch das Ebit lagen unter den Erwartungen der Marktteilnehmer. Das Management grenzte daraufhin die Jahresprognose für den Bruttowarenwert auf das untere Ende der anfänglichen Prognose ein. Der größte Einzelaktionär, der dänische Bestseller-Chef Anders Holch Povlsen, nutzte den Rücksetzer und sammelte rund 600.000 Aktien ein. Sein Anteil ist damit auf knapp 11,5 Prozent gestiegen. Eine weitere Aufstockung oder gar Komplettübernahme ist mittelfristig durchaus denkbar.
Mit der Übernahme von AboutYou hat Zalando über 50 Millionen aktive Kunden und damit eine starke Position im europäischen Mode-Onlinebereich. Mit dem Einsatz von KI konnten nach eigenen Angaben die größenbedingten Retouren deutlich gesenkt und die Warenkörbe erhöht werden. Neben dem eigenen Onlinehandel stellt Zalando externen Marken und Einzelhändlern seine logistische und technologische Plattform zur Verfügung. Im zweiten Quartal legte der Umsatz in diesem Segment um 27,6 Prozent zu und steuerte eine Ebit-Marge von 12,2 Prozent bei. Asiatische Techkonzerne streben aggressiv auf den auf rund 130 Milliarden Dollar geschätzten europäischen E-Commerce-Markt für Bekleidung. Ein Gebot von Konzernen wie Alibaba oder Shein dürfte ein Bietergefecht mit Großaktionär Povlsen oder westlichen Private-Equity-Unternehmen entfachen. Mit einem KGV von 12,8 ist die Aktie außerordentlich günstig.
Fazit
Das Übernahmekarussell dreht sich auch in Deutschland. Um Dürr, Gerresheimer, Lanxess, Siltronic und Zalando gab es in der Vergangenheit immer wieder Übernahmespekulationen.