Die Preise für Diesel und Benzin an deutschen Zapfsäulen markieren neue Rekorde. Doch hinter dem Preisschock steckt mehr als nur teures Rohöl: Vor allem ein Glied in der Wertschöpfungskette treibt den Dieselpreis nach oben.

Die Rekordjagd an den Tankstellen geht weiter. Superbenzin E10 kostete am Mittwoch im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,314 Euro je Liter. Der Liter Diesel kostete im Schnitt 2,453 Euro und ist damit so teuer wie nie zuvor in Deutschland. Das meldet der ADAC.

Gegenüber dem letzten Tag vor Ausbruch des Iran-Kriegs ist E10 damit um mehr als 52 Cent teurer geworden, Diesel sogar um fast 70 Cent. Die SPD wittert Abzocke und fordert eine Übergewinnsteuer für die Mineralölkonzerne. Doch wer kassiert hier eigentlich die größten Gewinne? Die Ölförderstaaten? Die Ölhändler? Die Raffinierien? Oder die Tankstellen?

Zwischen Bohrloch und Tankstelle entsteht der Engpass

Normalerweise ist der Rohölpreis der wichtigste Treiber der Spritpreise. Doch wenn man genau hinsieht, erklärt das den Anstieg diesmal nur teilweise. Tatsächlich gibt es in der Kette von der Rohöl-Förderung bis zur Tankstelle eine Gruppe, die derzeit dafür verantwortlich ist, dass die Dieselpreise hierzulande besonders stark steigen.

Donald Trump hat das diesmal als einer der Ersten erkannt: Er sagte am Wochenende, die Ukraine müsse aufhören, russische Dieselraffinerien auszuschalten. Es gebe genug andere Ziele. Nur den Diesel dürfe die Armee von Wolodymyr Selenskyj nicht treffen, denn das schade der ganzen Welt. Das merkt Trump sogar zu Hause in den USA: Erstmals in der Geschichte kostet die Gallone Diesel mehr als sechs Dollar.

Trumps Intervention entziehe Kiew die wirksamste Waffe gegen Putins Kriegskasse „und belohne Moskau dafür, dass es seine Dieselexporte gestoppt hat“, kommentiert die Zeitung „Welt“. Ökonomisch aber habe Trump begriffen: „Der Spritpreis entsteht derzeit in der Raffinerie. Das Bohrloch, also der reine Ölpreis, ist nur noch der kleinere Posten.“

Der "Diesel-Crack-Spread"

Die „Welt“ hat sich dazu den europäischen Diesel-Crack-Spread angesehen. Das ist die Marge, die die Raffinerie zwischen Rohstoffkosten und fertigem Produkt verdient. Dieser Spread lag zuletzt bei 91 US-Dollar je Barrel, das sind umgerechnet rund 50 Eurocent je Liter. Im Fünfjahresdurchschnitt betrug er bisher nur rund 15 Eurocent, hat sich also mehr als verdreifacht. Beim Benzin sind es 37 US-Dollar je Barrel oder rund 20 Eurocent je Liter. Anders gesagt: Diesel bringt den Raffinerien pro Liter rund 30 Cent mehr Marge als Benzin.

Dazu muss man noch wissen, dass die Anteile, nach denen beim Raffinerieprozess aus Rohöl Benzin und Diesel entstehen, immer gleich sind. Es ist also nicht möglich, gezielt mehr oder weniger Diesel zu produzieren, ohne gleichzeitig auch mehr Benzin herzustellen und umgekehrt.

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Russland macht den Diesel knapp

Tatsache ist: Diesel ist weltweit schon seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs knapp, weil Russland Dieselexporte verboten hat. Nun hat sich die Lage verschärft, weil ukrainische Drohnen laut S&P Global bis Ende August rund die Hälfte der russischen Raffineriekapazität lahmgelegt haben sollen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur kostet der weltweite Ausfall aus Stilllegungen und Kriegsschäden die Weltwirtschaft 4,5 Millionen Barrel Diesel pro Tag, das sind mehr als fünf Prozent der Kapazität.

Die restlichen Raffinerien auf der Welt laufen am Anschlag; in den USA liegt die Auslastung angeblich schon bei 98 Prozent. Das heißt auch: Steigt die Nachfrage, gibt es keine zusätzlichen Kapazitäten mehr. Das gilt auch für Heizöl, das mit dem Diesel eng verwandt ist.

Die Rechnung

Seit Janaur 2026 ist der Dieselpreis um rund einen Euro gestiegen auf aktuell 2,45 Euro je Liter. Von diesem Anstieg entfielen laut der „Welt“ etwa 22 Cent auf den Preisanstieg bei Rohöl, inklusive Mehrwertsteuer. Doppelt so viel, rund 45 Cent, resultieren dagegen aus dem Anstieg der Raffineriemarge. Von einem Euro Preisanstieg gehen also 22 Cent auf das Konto der Ölförderer, 45 Cent an die Raffinerien und rund 16 Cent entfallen auf die Tankstellen, wenn sie mittags um 12 Uhr die Preise anheben. Die verbleibenden 17 Cent gehen auf das Konto der höheren CO2-Preise, höherer Logistikkosten und der Erneuerbaren-Richtlinie. „Das Öl, über das alle reden, ist von den großen Posten der kleinste“, schreibt die Zeitung.

Diese Aktien profitieren

Grundsätzlich betreiben alle großen Ölkonzerne Raffinerien. Aus Anlegersicht interessant wird es, wenn der Anteil des Raffineriegeschäfts am Gesamtgewinn überproportional groß ist. Dies ist etwa bei der OMV aus Österreich der Fall. Einer der größten Betreiber von Raffinerien in den USA ist Valero Energy. Das Unternehmen, das vor allem an der US-Golfküste aktiv ist, gehört wegen starker Margen und eines großen Portfolios zu den favorisierten Werten bei Goldman Sachs. Auch Marathon Petroleum profitiert stark von steigenden Raffinerieerträgen durch Diesel-Engpässe. Wer sich in Asien umschauen möchte, könnte bei Thai Oil fündig werden.

Politik verspricht schnelle Hilfe

Die Bundesregierung steht angesichts der Rekorde unter Druck. Unionsfraktionschef Thorsten Frei forderte am Mittwoch Sofortmaßnahmen zum 1. Oktober: „Die Menschen brauchen jetzt nicht die Aussicht auf Entlastung, sondern sie brauchen Entlastung.“ Im Gespräch sind eine Senkung der Energiesteuer oder der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe. Die SPD fordert, auch mit Hinweis auf den gestiegenen Diesel-Crack-Spread, eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne und einen Spritpreisdeckel.

Ifo-Experte Florian Neumeier spricht sich gegen breite Maßnahmen wie einen erneuten Tankrabatt aus. „Wenn die Krise länger dauert, kann man darüber diskutieren, einkommensschwache Haushalte zu entlasten. Das sollte dann aber nicht mit der Gießkanne, sondern mit einem direkten Transfer passieren“, sagt er. „Davon profitieren dann auch Menschen, die kein Auto haben, aber unter teurem Heizöl oder Gas leiden.“ Zudem bleibe der wichtige Anreiz, wegen der hohen Preise Kraftstoff zu sparen, erhalten.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) möchte ebenfalls lieber bestimmte Bevölkerungsgruppen gezielt über Direktzahlungen entlasten. Laut Finanzministerium sei dies inzwischen machbar. Doch es gibt diverse Hürden: Zum einen liegen lediglich von 19 Prozent der Steuerpflichtigen die notwendigen Bankverbindungen vor. Um jedoch die Beträge nach Einkommen gestaffelt auszuzahlen, wie von Reiche vorgeschlagen, müsste der Bund außerdem noch Daten von den Finanzämtern abfragen, die er bisher nicht hat.

So sparen Sie bis zu 20 Cent je Liter

Bis sich die Politik entschieden hat, bleibt Autofahrern nur eine Lösung: Tanken, wenn es günstig ist. Klingt banal, kann aber 20 Cent pro Liter und mehr ausmachen. So hoch sind heutzutage die Schwankungen an den Zapfsäulen, seit die Bundesregierung zum 1. April 2026 die Verpflichtung einführte, dass Tankstellen nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr mittags, ihre Preise erhöhen dürfen. Wer gewohnt war, abends am günstigsten zu tanken, muss sich umstellen: Seit der Neuregelung ist die Tankfüllung am späten Vormittag am günstigsten.

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Häufige Fragen

Was ist der Diesel-Crack-Spread?

Der Diesel-Crack-Spread bezeichnet die Marge der Raffinerie zwischen Einkaufskosten für Öl und den Verkaufserlösen für den fertigen Diesel.

Warum ist die Gewinnmarge für die Raffinerien so stark gestiegen?

Der Crack Spread misst den Preisaufschlag von Benzin gegenüber Rohöl. In normalen Marktphasen liegt er meist unter 20 US-Dollar je Barrel. In Krisenzeiten kann er jedoch massiv steigen, wenn die Raffinerien auf Vollast laufen und im Markt kein weiteren Kapazitäten verfügbar sind, um eine zusätzliche Nachfrage zu decken. Nach dem Ende der Corona-Pandemie kletterte der Aufschlag zeitweise auf fast 60 Dollar, aktuell liegt er sogar über 90 Dollar je verarbeitetem Fass Rohöl.

Welchen Anteil am Dieselpreis macht der Diesel-Crack Spread aus?

Nach einer Beispiel-Rechnung der "Welt" stieg der Dieselpreis seit Januar 2026 um etwa einen Euro auf aktuell 2,45 Euro je Liter. Von diesem Anstieg entfielen etwa 22 Cent auf den gestiegenen Rohölpreis, inklusive Mehrwertsteuer. Doppelt so viel, rund 45 Cent, kommen aus dem Anstieg der Raffineriemarge. Von einem Euro Preisanstieg gehen also 22 Cent auf das Konto der Ölförderer, 45 Cent an die Raffinerien und rund 16 Cent entfallen auf die Tankstellen, wenn sie mittag sum 12 Uhr die Preise anheben (Mittagsaufschlag).