Mahboob, eine der ersten afghanischen Firmenchefinnen und vom "Time Magazine" 2013 zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt, gründete zusammen mit ihrer Schwester die gemeinnützige Stiftung "Digital Citizen Fund". In ihren Zentren in den Städten Herat und Kabul lernten Tausende von Mädchen und Frauen Computergrundkenntnisse. Zudem schrieben einige von ihnen Blogs und produzierten Videos, wofür sie bezahlt wurden. Am Anfang in bar, was sich jedoch schnell als Problem erwies. "Es war einfach unmöglich und überhaupt nicht sicher, jedem Bargeld zu schicken. Aber das mobile Bezahlen war noch nicht so weit verbreitet, und Möglichkeiten wie PayPal gab es damals nicht," erinnert sich die 34-Jährige in einem Gespräch mit der Thomson Reuters Foundation. "Dann hörten wir plötzlich von Bitcoin."

"Es war einfach zu benutzen, billiger und sicherer als andere Optionen," erzählt Mahboob. "Also brachten wir den Mädchen bei, wie man es benutzt, und begannen, unsere Mitarbeiterinnen damit zu bezahlen. Wir sagten ihnen, es sei eine Investition in die Zukunft." Etwa ein Drittel der fast 16.000 Mädchen und Frauen, die beim Digital Citizen Fund Informatikunterricht nahmen, lernten auch, wie man eine digitale Geldbörse einrichtet, ein Krypto-Wallet. Sie konnten außerdem lernen, wie man mit Bitcoin und Ethereum - eine andere wichtige Kryptowährung - handelt und in sie investiert. Mehrere dieser Frauen hätten das Land nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban am 15. August verlassen und ihr Krypto-Vermögen genutzt, um sich im Ausland ein neues Leben aufzubauen, erzählt Mahboob.

KRYPTOWÄHRUNGEN NUTZEN IN KONFLIKTGEBIETEN


Die relative Anonymität und Zugänglichkeit dieser Krypto-Wallets ermöglicht es nicht nur afghanischen Frauen, zu fliehen und sich mit ihren Familien in neuen Ländern niederzulassen. Bitcoin und andere Cyberwährungen werden Finanz- und Technologieexperten zufolge zunehmend von Menschen ohne Zugang zum offiziellen Bankensystem in Konfliktgebieten oder in Ländern mit schwachen Regierungsstrukturen genutzt. "In gescheiterten oder fragilen Staaten bieten Kryptowährungen den Menschen eine Möglichkeit, Familienmitglieder zu unterstützen", erläutert Keith Carter von der National University of Singapore School of Computing zur Thomson Reuters Foundation. "Kryptowährungen fördern die Entwicklung einer digitalen Infrastruktur dort, wo es keine gibt, indem sie die Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen erhöhen."

Der 22-jährige Farhan Hotak half seiner Familie, aus der südlichen afghanischen Provinz Zabul nach Pakistan zu fliehen. Später kehrte er zurück, um sich um das Familienhaus zu kümmern und Video-Blogs für seine mehr als 20.000 Instagram-Followers zu posten. Während des Corona-Lockdowns verbrachte er die meiste Zeit online und begann, in Kryptowährungen zu investieren. "Es ist eine gute Alternative für mich und für andere wie mich", sagt Hotak. Er postet oft über das Thema auf Instagram und konnte auch manche seiner Freunde dafür begeistern. "Ich würde gerne einen Krypto-Kurs für Afghanen einrichten, damit sie alles besser verstehen können und es ihnen richtig hilft," fügt er hinzu. "Solange werde ich in jeder Provinz, die ich besuche, über Krypto sprechen."

Bitcoin & Co haben immer noch den Ruf, zwielichtige Machenschaften zu finanzieren. Doch für Mahboob und ihre Schülerinnen stellen die Kryptowährungen trotz aller Probleme einen Rettungsanker dar. Die Unternehmerin bedauert im Nachhinein, dass sie vor der Taliban-Offensive das Thema Kryptowährungen nicht noch nachdrücklicher vorangetrieben hat. So könnten jetzt mehr Afghaninnen Krypto-Wallets haben und auf ihr Geld zugreifen. "Die Menschenhändler und Entführer werden immer einen Weg finden, ein System zu missbrauchen. Aber die Macht der Kryptowährungen ist größer. Sie nützt vor allem Frauen und denjenigen, die kein Bankkonto haben, und stärkt sie."

rtr