Die Gaskrise führt ganz Deutschland vor Augen, wie dringend es ist, hierzulande für alternative Energiequellen zu sorgen. Kurzfristig will Wirtschaftsminister Robert Habeck Kohlekraftwerke zur Stromversorgung heranziehen, die bereits abgeschaltet sind oder kurz vor der Abschaltung stehen. Längerfristig aber soll die Energieversorgung von Industrie und Haushalten durch den Ausbau regenerativer Energiequellen gesichert werden. Ein wichtiger Pfeiler: die Windkraft.

Ziel der Berliner Ampelkoalition ist es, bis Ende des Jahrzehnts die installierte Kapazität statt wie bisher geplant auf 71 nun auf 115 Gigawatt hochzuschrauben. Ende vergangenen Jahres standen auf dem Boden der Republik Anlagen mit einer Stromerzeugungskapazität von 56 Gigawatt, es kamen jedoch lediglich knapp zwei Gigawatt an neuen Turbinen hinzu. Das Tempo muss also deutlich zulegen.

Um den Ausbau zu beschleunigen, hat Habeck bereits Anfang April mit seinem "Osterpaket" einen Gesetzentwurf vorgelegt, der neben den angehobenen Ausbauzielen für eine vereinfachte Umsetzung sorgen soll. Wichtiger Punkt dabei: der Abbau von bürokratischen Hürden bei der Ausweisung von für die Windkraft geeigneten Flächen.

Vor wenigen Tagen hat das Berliner Kabinett das sogenannte "Wind-an-Land-Gesetz" auf den Weg gebracht, das noch vor der Sommerpause verabschiedet werden soll. Der Kern: Jeder 50. Quadratmeter in Deutschland, also zwei Prozent der Fläche, soll laut dem Willen der Bundesregierung bis spätestens 2032 für die Erzeugung von Strom aus Windkraft genutzt werden.

Bislang konnte die Politik dieses Ziel nicht mal annähernd erreichen. Laut aktuellen Zahlen sind bis jetzt lediglich 0,8 Prozent der Landfläche für die Erzeugung von Windkraft ausgewiesen. Allerdings werden laut dem Bundesbauministerium wohl nur 0,5 Prozent tatsächlich genutzt.

Im Wind-an-Land-Gesetz sollen die Bundesländer verpflichtet werden, je nach Windhäufigkeit bis spätestens 2032 ganze 0,5 bis 2,2 Prozent ihrer Landfläche für die Windkraft zu nut- zen - Stadtstaaten bekommen Erleichterungen. Bislang versteckten sich einige Bundesländer hinter Abstandsregelungen, die bestimmen, wie weit eine Windkraftanlage vom nächsten Wohnhaus entfernt sein muss. In Bayern etwa gibt es die Zehn-H-Regel, die einen Mindestabstand der zehnfachen Höhe des Windrads zum nächsten Wohnhaus vorgibt. Der Windkraftausbau in Bayern kam dadurch praktisch vollständig zum Erliegen. Schafft es ein Bundesland in Zukunft nicht, das Flächenziel zu erreichen, so kann diese Abstandsregelung künftig wohl ausgehebelt werden.

Nachholbedarf ist groß

Durch das Gesetz könnte die Windkraftbranche in Deutschland einen massiven Schub erhalten. Dass es einen deutlichen Nachholbedarf an Planung und Realisierung von Windkraftanlagen gibt, liegt auf der Hand. Zudem förderte eine Studie interessante Ergebnisse zutage: Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik untersuchte mit dem Umweltplanungsbüro Bosch & Partner und dem Bundesverband Windenergie e. V. (BWE) die Flächenpotenziale in Deutschland. Das Ergebnis: "In den Flächenländern gibt es nachweislich mehr als genug Platz. Die Flächenpotenziale für den Ausbau der Windenergie und damit ausreichende Energieproduktion sind eindeutig vorhanden." Das kann beim Ziel des Koalitionsvertrags helfen: 2030 sollen 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen.

Vom politisch gewollten Ausbau profitieren Turbinenhersteller wie Vestas, Nordex oder Siemens Gamesa. Die Anlagenbauer aber haben zurzeit vielfach Probleme wegen hoher Material- und Logistikkosten sowie angespannter Lieferketten. Die jüngst schwachen Zahlen von Nordex, die soeben eine Kapitalerhöhung durchführte, und die mehrmaligen Gewinnwarnungen von Siemens Gamesa zeigen deutlich, dass die Branche unter großem Druck steht.

Anders ist die Lage bei den Projektierern und Betreibern von Windparks. Sie sind durch die in der Krise deutlich gestiegenen Strompreise begünstigt. Aufgrund der Besonderheiten der deutschen Einspeisevergütungen bei Windkraft stiegen die Erlöse hier stark an.

Auch der Ausbau der projektierbaren Flächen in Deutschland dürfte die Geschäfte künftig beflügeln. Denn bislang war der langsame Ausbau wegen der Bürokratie sowie langwieriger Verfahren etwa nach Klagen von Bürgerinitiativen eine der wesentlichen Beschränkungen. Die neue rechtliche Formel im Osterpaket, dass erneuerbare Energien zukünftig im überragenden öffentlichen Interesse stehen und der öffentlichen Sicherheit dienen, dürfte dazu führen, dass der Ausbau künftig einen Vorrang bei der gerichtlichen Beurteilung erhält. Bis 2025 soll der jährliche Ausbau der Windkapazitäten hierzulande auf zehn Gigawatt pro Jahr steigen und bis 2030 auf diesem Niveau bleiben.

Fokus auf Deutschland

Mit ihrem klaren Geschäftsschwerpunkt in Deutschland gehört die Bremer Energiekontor zu den Favoriten der Redaktion. Die Nordlichter errichten Wind- und Solarparks und verkaufen diese an institutionelle Investoren. Etwa die Hälfte der neuen Kapazitäten geht in den Eigenbestand über. Die Bremer erzeugen in ihren eigenen Parks Energie und verkaufen diese am Strommarkt zu den erheblich aufgewerteten Konditionen. Hierzulande betreibt das Unternehmen 29 Windparks mit einer Erzeugungskapazität von zuletzt rund 220 Megawatt, hinzu kommen Windparks in Großbritannien und Portugal.

Weiterer Spieler ist Encavis. Neben dem Betrieb von Onshore-Windparks in Deutschland und weiteren europäischen Ländern sind die Hamburger auch in der Solarenergie aktiv. Im ersten Quartal entfielen über 50 Millionen der 90 Millionen Euro Umsatz auf die Solarsparte. Windanlagen in Deutschland und Dänemark lieferten aber einen besonders hohen Wachstumsbeitrag.

Weniger stark auf Deutschland fokussiert und zudem breiter aufgestellt ist die Wiesbadener Abo Wind. Der Entwickler realisiert derzeit Projekte im Bereich erneuerbare Energien in 16 Ländern. Das Unternehmen plant und baut nicht nur Windparks und Solaranlagen, sondern ist auch bei Batterie- und Wasserstoffprojekten tätig.

INVESTOR-INFO

Energiekontor

Fokus auf Deutschland

Die Bremer errichten Wind- und Solarparks und verkaufen die Projekte. Daneben betreiben sie eigene Parks, die Cash für neue Projekte generieren. Schwerpunkt ist Deutschland. 2021 legte Energiekontor das beste Firmenergebnis der Geschichte vor. Dabei stieg der Umsatz von 146,6 Millionen Euro 2020 auf 156,5 Millionen Euro, der Nettogewinn legte von 20,4 Millionen Euro auf 36,2 Millionen Euro zu. Für 2022 sind zehn bis 20 Prozent Ergebnissteigerung geplant.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 100,00 Euro
Stoppkurs: 68,00 Euro

Encavis

Sonne satt

Der auf erneuerbare Energien konzentrierte Projektentwickler hat seinen Schwerpunkt in der Solarkraft, die 2021 noch über zwei Drittel des Umsatzes von 332 Millionen Euro beisteuerte. Wegen besserer Windausbeute im ersten Quartal und vor allem weitaus höherer Absatzpreise stieg der Windanteil zuletzt stark an. Analysten erwarten für 2022 ein Umsatzplus von 13 Prozent, der Gewinn soll leicht sinken. Die Aktie ist teuer.

Empfehlung: Beobachten
Kursziel: 21,50 Euro
Stoppkurs: 13,50 Euro

Abo Wind

Breit aufgestellt

Das Unternehmen ist breiter aufgestellt als Wettbewerber. Neben Solar und Wind sind die Hessen auch bei Batterie- und Wasserstoffprojekten aktiv. Abo Wind erzielte 2021 aus 127 Millionen Euro Umsatz 13,8 Millionen Euro Gewinn. Die Projektpipeline ist gut gefüllt, für 2022 werden sieben Prozent Gewinnplus erwartet. Spekulativ.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 67,00 Euro
Stoppkurs: 41,50 Euro