Den Einlagesatz, zu dem Banken bei der EZB kurzfristig Geld parken können, senkte die EZB auf minus 0,2 von minus 0,1 Prozent. Der Satz, den die Institute bezahlen müssen, wenn sie Geld kurzfristig bei ihr ausleihen, kappten die Währungshüter auf 0,3 von 0,4 Prozent.

Der Schritt war nur von einer Minderheit der Ökonomen erwartet worden. Entsprechend deutlich fiel die Reaktion am Finanzmarkt aus. Der Kurs des Euro fiel auf deutlich unter 1,31 Dollar, so tief wie seit mehr als 14 Monaten nicht mehr. Am Anleihenmarkt zogen die Renditen an, ebenfalls bergauf ging es am Frankfurter Aktienmarkt für den deutschen Leitindex Dax. Carsten Brzeski, Ökonom bei der niederländischen Großbank ING, zeigte sich völlig überrascht: "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen?"

Nach Informationen von Reuters könnte Draghi am Donnerstag noch weitere Maßnahmen bekanntgeben, mit denen die Notenbank die schleppende Konjunktur ankurbeln und ein Abgleiten in eine deflationäre Abwärtsspirale verhindern will. Auf dem Tisch des EZB-Rats lag bei seiner Sitzung am Vormittag nach Darstellung von Insidern ein bis zu 500 Milliarden Euro schwerer Plan zum Aufkauf von Kreditverbriefungen und Pfandbriefen. Kritiker bezweifeln die Wirkung einer solchen Aktion und warnen vor großen Risiken.

Draghi hatte vor der Entscheidung der EZB selbst die Erwartung an den Finanzmärkten auf den Einsatz neuer geldpolitischer Instrumente geschürt. Beim jährlichen Zentralbanker-Treffen in Jackson Hole in den USA hatte er Mitte August erklärt, die EZB werde "alle verfügbaren Instrumente" einsetzen, um zu verhindern, dass die Euro-Länder in eine Spirale fallender Preise, sinkender Löhne und nachlassender Investitionen gerät. Da beim Leitzins kaum noch Spielraum bestand und Draghi zuletzt angedeutet hatte, dort sei für die EZB der Tiefpunkt erreicht, hatte kaum jemand mit einer neuerlichen Zinssenkung gerechnet.

Kritik an der Entscheidung kam von den deutschen Privatbanken. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes BdB, erklärte: "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

Reuters