"Ich erwarte keine Blackouts". Im Interview mit BÖRSE ONLINE spricht Johannes Linden, Chef des Stromkabelverbindungspezialisten Pfisterer, über die Belastung der Netze und die starken Perspektiven der Schwaben mit ihrem neuen High-Tech-Testlabor.
Mit fast 175 Prozent Plus seit dem Börsengang im Mai hat Pfisterer, weltweit führender kabelherstellerunabhängiger Spezialist bei Verbindungselementen für Stromleitungen aller Art 2025 das erfolgreichste IPO in Deutschland geliefert. Lieferengpässe der Großer wie Prysmian, Nexans und NKT mit eigener Verbindungstechnik nutzen die Schwaben im neuen HVDC-Markt für hohen Spannungen (HV) und Gleichstrom (DC) über viele Allianzen mit großen Kabelkonzernen ohne Verbindungstechnik für eine Offensive: im Markt mit den höchsten Margen. Mit dem ab 2027 verfügbaren Pfisterer HVDC-Testzentrum startet dann die Massenfertigung
Börse Online: Herr Linden, Lastspitzen, die in den Netzen die Stabilität gefährden, sind für Betreiber in Europa fast schon Alltag. Welche Folgen könnte das haben?
Johannes Linden: Lastspitzen fordern die elektrische Infrastruktur heraus und gefährden den sicheren Stromtransport. Durch Maßnahmen und spezielle Technologien kann dieses Risiko abgefedert werden. Ich erwarte kurzfristig in Deutschland keine längeren Ausfälle, also Blackouts, etwa wegen der Überlastung durch den hohen Zubau an Erneuerbaren Energien. Auch die jüngsten Geschehnisse in Berlin, bedingt durch einen mutmaßlichen Anschlag, zeigen aber wie wichtig eine funktionierende und redundante Netzinfrastruktur ist.
Was macht die Netze in Europa so sicher? Die großen Puffer in allen Teilen der Versorgungskette. Die Zielgröße für die Auslastung in Deutschland liegt bei 60 bis 70 Prozent der Gesamtkapazität. Bei einigen Prozent mehr Auslastung, etwa durch Lastspitzen, gibt es so kaum längere negative Auswirkungen.
Also alles gut? Nicht ganz. Dieser große Puffer wird von mehreren Seiten aufgebraucht. Der erste Faktor ist der deutlich höhere Anteil von Strom aus Wind- und Solarparks. Zuletzt waren es in Deutschland knapp 60 Prozent. Die Netze, die früher selten aktiv gesteuert werden mussten, da der Fluss der Energie recht gleichmäßig erfolgte, werden heute aufgrund der schwankenden Einspeisung von Wind- und Solarenergie hochgradig volatil belastet. Diesen Schwankungen wird mit neuen Technologien und Maßnahmen begegnet. Das wird nun schrittweise umgesetzt. Der zweite Faktor für geringere Reserven ist der wachsende Stromverbrauch in der Industrie aber auch bei Haushalten, durch Elektroautos oder Wärmepumpen und in europäischen Firmen durch den Ersatz von Systemen mit fossiler Energie mit Strom. In Amerika wird vor allem der Bau von Rechenzentren den Stromverbrauch nach oben treiben.
Wie wirkt sich das auf Ihre Branche aus? Sehr positiv. Pfisterer wächst deutlich zweistellig und damit noch schneller als beispielsweise die großen Systemkabelhersteller mit eigener Verbindungstechnik. Pfisterer legte in den vergangen drei Jahren mehr als 12,8 Prozent pro Jahr zu. Aktuell sind es etwa 15 Prozent. Wir erwarten vor allem wegen der Breite unseres Portfolios hier auch für die nächsten Jahre ein hohes Tempo. Gegenwärtig haben wir in allen Regionen und allen Geschäftsbereichen deutliche Zuwächse
Wie werden Risiken nun minimiert? Inzwischen häufig mit Interkonnektoren, die Teile der Netze verbinden. Sie werden mehr und mehr mit hohen Spannungen (HV) und Gleichstrom (DC) betrieben. Mit der HVDC-Technologie werden große Mengen Energie im Vergleich zum konventionellen Wechselstrom mit deutlich geringeren Verlusten von Punkt zu Punkt transportiert.
War eine der Ursachen für den großen Blackout auf der Iberischen Halbinsel im vergangenen Jahr auch die unzureichende Netzinfrastruktur? Die Netzinfrastruktur war nicht die Ursache, gleichwohl konnte sie aber den Blackout nicht verhindern. Auf der Iberischen Halbinsel gibt es, anders als im restlichen Europa, bisher wenig Möglichkeiten, die Ausfälle von Stromerzeugern im Netz auszugleichen, etwa über benachbarte Netze, in diesem Fall wäre es Frankreich. Weil zwischen den Netzen Spaniens und Frankreichs Interkonnektoren zum Ausgleich fehlen, machten die Franzosen damals ihr Netz dicht, aus Sorge, die Beeinträchtigung im eigenen Netz nicht kontrollieren zu können. Auch deshalb kollabierte das Netz auf der Iberischen Halbinsel. Beim Ausbau der Interkonnektoren sind doch einige Länder in der EU im Verzug.
Warum? Über grenzüberschreitende Interkonnektoren kann elektrische Energie exportiert, aber auch importiert werden. Das muss auf beiden Seiten auch gewollt werden, was aber aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus nicht zwangsläufig der Fall ist. Zusätzlich sind die großen Kabelhersteller für die nächsten fünf bis sechs Jahre ausgebucht und können deshalb hier kurzfristig nicht liefern, sprich der Ausbau dauert auch lange. Das bietet anderen Kabelherstellern ohne eigene Verbindungstechnik nun die Chance, in diesen neuen Markt mit der HVDC-Technik einzusteigen – mit uns als Partner für ihre Verbindungstechnik. Für diese Kooperationen bauen wir an unserem Unternehmenssitz in Winterbach bei Stuttgart für 30 Millionen Euro unser neues HVDC-Testzentrum, das 2027 an den Start gehen soll.
Dann passt es ja, dass Pfisterer im vergangenen Mai mit rund 175 Prozent Plus seit dem Debüt der mit Abstand erfolgreichste Börsengang in Deutschland gelang… Ja, neben unserer sehr ordentlichen Innenfinanzierungskraft verfügen wir auch dank der Erlöse aus dem IPO über ausreichend finanzielle Mittel, um das große Wachstum und die Entwicklungsmöglichkeiten zu realisieren, die sich mit der weltweiten Erneuerung und dem Ausbau der Stromnetz-Infrastruktur ergeben. Dabei bleiben wir ein kabelherstellerunabhängiger Spezialist für Verbindungstechnik und sind somit idealer Ansprechpartner für Netzbetreiber, Kabelhersteller auch ohne eigene Garnituren und viele mehr.
Das Geld fließt also überwiegend in die Entwicklung eigener Produkte? Ja, die Emissionserlöse dienen primär der Wachstumsfinanzierung. Wir bauen Produktionskapazitäten in allen unserer fünf Werke sowohl in Deutschland als auch dem Ausland aus und investieren in neue Technologien und Produkte, vor allem, aber nicht nur, im Bereich HVDC.
Pfisterer hat seine Nettoschulden auf null gesenkt. Sind nun also größere Zukäufe eine Option, um noch schneller zu wachsen? Mit unserer aktuellen Aufstellung sehen wir uns bestens für eine organische Fortsetzung unseres Wachstumskurses gerüstet. Wir haben im vergangenen Jahr unseren langjährigen Partner Power CSL übernommen und damit unser Portfolio um Lösungen für Unterwasseranwendungen erweitert. Die Technologien und unsere Stellung im Markt bieten ausreichend Potenzial. Vorrang hat deshalb für uns aktuell der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten inklusive des Baus und Betriebs unseres HVDC-Testzentrums. Mit 30 Millionen Euro ist das für Pfisterer eine große und wichtige Investition. Der aktuelle Schwerpunkt unseres Handelns liegt damit eindeutig auf der Umsetzung unseres organischen Wachstums – hier sind wir als Management gut beschäftigt.
Zukäufe bleiben aber für die Zukunft eine Option, umso mehr, wenn sie helfen, unser internationales Wachstum weiter voranzutreiben
Wie groß könnte der Umsatzanteil des HVDC-Geschäfts werden? Es gibt Schätzungen dazu, aber es ist noch zu früh, um diese öffentlich zu machen. Derzeit bringen wir unsere Produkte mit Partnern, also Kabelherstellern ohne Anschlussgarnituren, in die lokalen Märkte. Das Labor wird dann im Laufe des nächsten Jahres verfügbar sein, um parallel zur Produktion die Qualität der Produkte zu prüfen. Damit kann die Serienproduktion starten. Bis 2030 wird der Markt auf 1 Milliarde Euro geschätzt. Da sind dann natürlich alle Anbieter drin.
Könnte ein finanzstärkerer Rivale Pfisterer als Neueinsteiger in diesem Markt zur Seite drängen? Ich wüsste nicht, wie einer der großen Hersteller uns ausbremsen könnte. Sie können selbst kurzfristig nicht zusätzliche Projekte bedienen und sie werden ihre Verbindungstechnik nicht anderen Kabelherstellern anbieten wollen. Der HVDC-Markt ist ein Markt, der relativ neu ist und auch noch Veränderungen erfährt. Wir positionieren uns mit unseren neuen Produkten für 320 kV und mehr frühzeitig und sind als weltweit erster kabelherstellerunabhängiger Anbieter der Türöffner für unsere Partner. Der Markt hat die höchsten Margen in der Kabelindustrie, da wollen die Hersteller deshalb rein. Wir haben Partnerschaften mit Unternehmen aus allen Regionen der Welt geschlossen
Pfisterer hat seine operative Rendite (Ebitda) zuletzt deutlich, auf fast 20 Prozent, gesteigert. Welcher Korridor wird hier angestrebt? Nach neun Monaten waren wir bereinigt bei 18,7 Prozent. Als Ziel wollen wir mittelfristig die Marge auf bis zu 19,9 Prozent, den hohen Zehner-Bereich, high teens, steigern. Da sind wir noch nicht. Es hat sich aber im Laufe des Jahres gezeigt, dass unsere Planung konservativ ist, da ist noch Spielraum für mehr. Derzeit liegen wir über der Planung.