Viele Wasserreservoirs Taiwans verfügen derzeit über weniger als 20 Prozent ihrer Kapazität. Bei einigen beträgt der Wasserstand weniger als zehn Prozent, darunter auch Reservoirs, die hauptsächlich die Wasserversorgung der Forschungsanlagen sicherstellen. Die Wasserknappheit wirkt sich auch auf die Stromerzeugung aus. Obwohl Wasserkraft nur zwei Prozent des taiwanesischen Energieerzeugungsmix ausmacht, ist sie am ehesten dafür geeignet, plötzliche Steigerungen des Energiebedarfs zu decken. Da die Wasser-Strom-Verknüpfung teilweise zu einer Rationierung geführt hat, kann die Wasserkraft nicht mehr den Überschussbedarf von gewerblichen und privaten Nutzern ausgleichen, was nun überall auf der Insel zu Stromausfällen führt.

Da Taiwan einer der regenreichsten Orte weltweit ist, war die Wasserversorgung bisher nie ein Problem - ein Vorteil für die Chiphersteller, da die moderne Halbleiterfertigung stark von einer stabilen Versorgung mit hochwertigem Süßwasser abhängt. Angesichts der historischen Dürre hat die taiwanesische Regierung beschlossen, die Bewässerung auf Zehntausenden Hektar Ackerland einzustellen, um die kostbare Wasserversorgung für die wichtigste Industrie des Landes, die Halbleiterindustrie, zu gewährleisten. In einigen Städten hat die Regierung sogar damit begonnen, den Wasserverbrauch zu rationieren, indem sie die Wasserversorgung für zwei Tage in der Woche aussetzt.

Nun haben auch die Top-Chiphersteller der Insel, darunter TSMC, United Microelectronics und Winbond, ihre Notfallpläne aktiviert, einschließlich der Mobilisierung von Wassertrucks. TSMC hat über 100 Wassertrucks für 30 Millionen US-Dollar bestellt, was nur der Anfang der steigenden Wasserkosten für das Unternehmen sein könnte. TSMCs weiterer Notfallplan setzt auf eine Abwasseraufbereitungsanlage, sodass industrielles Wasser für die Herstellung von Halbleitern wiederverwendet werden kann. Laut dem jüngsten Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens werden derzeit 156 000 Tonnen Wasser pro Tag verbraucht. Die Aufbereitungsanlage könnte bis 2024 67 000 Tonnen Wasser erzeugen, die in den Chipherstellungsprozess zurückfließen würden, also etwa 43 Prozent des Bedarfs.

Allerdings könnte der Wasserbedarf in Zukunft deutlich steigen und dies nur eine marginale Entlastung bringen. Eine 200-W-EUV- (Extreme Ultraviolet Lithography-)Anlage, die für die Herstellung von Chips mit einer Größe von sieben Nanometer (nm) oder darunter erforderlich ist, benötigt 1600 Liter Wasser pro Minute zur Kühlung. Eine herkömmliche DUV-Anlage, die weniger moderne Chips herstellt, benötigt hingegen nur 75 Liter pro Minute. Wenn sich also der Produktionsschwerpunkt auf modernere Chips (14 nm oder darunter) verlagert, wird auch der Wasserbedarf der Chiphersteller steigen, und zwar drastisch.

Obwohl TSMC bei der ESG-Berichterstattung sehr transparent ist, versäumt es jedoch, potenzielle Wasserversorgungsrisiken, die zu Betriebsunterbrechungen führen könnten, exakt zu bewerten. In seinem CDP-Fragebogen zur Wassersicherheit 2020 stellte das Unternehmen fest, dass "Dürre das größte potenzielle Wasserrisiko ist, obwohl die Wahrscheinlichkeit einer Dürre ‚unwahrscheinlich‘ ist". Und das, obwohl der WRI Aqueduct Water Risk Atlas zeigt, dass sich viele Produktionsstätten in Gebieten mit mittlerem bis hohem Wassermangel befinden. Auch andere Chiphersteller und Elektronikproduzenten in Taiwan könnten bald Betriebsunterbrechungen aufgrund von Wasserknappheit und anderen klimabedingten Ereignissen erfahren.

Dies ist nur eines der Beispiele, bei denen das Verständnis und die Analyse der ESG-bezogenen Angaben eines Unternehmens entscheidend sind, da sie ein erhebliches operatives Risiko aufdecken, auf das bei der Aktienauswahl geachtet werden muss.

 


Mu Huang

hat Wirtschaft in Los Angeles und Irvine studiert sowie an der Columbia Universität Nachhaltigkeitsmanagement. Nach verschiedenen Stationen, unter anderem bei Munich Re, arbeite er seit diesem Jahr bei JK Capital Management Ltd., einem Unternehmen der La-Française-Gruppe. JK Capital mit Sitz in Hongkong wurde 1997 gegründet und ist als Kapitalverwaltungsgesellschaft auf die Märkte in Asien spezialisiert.


Exklusiv in BÖRSE ONLINE schreiben renommierte Finanzexperten und Investmentprofis über Börse und Geldanlage. Weitere Gastkommentare finden Sie unter: www.boerse-online.de/meinungen-und-perspektiven