BÖRSE ONLINE: Der Goldpreis hat mit einem Plus von etwa 185 Euro als sogenannter "sicherer Hafen" sehr von den Unsicherheiten im Corona-Jahr 2020 profitiert. In der Spitze legte der Goldpreis in diesem Jahr auf etwa 1.737 Euro zu. Wie geht es 2021 weiter?
Ronald-Peter Stöferle: Noch deutlicher wird der beachtliche Zugewinn in Gold, wenn man den prozentuellen Anstieg heranzieht. Auf Eurobasis hat Gold 2020 rund 13 Prozent zugelegt, in US-Dollar um über 20 Prozent. Die Börsen haben im Vergleich dazu deutlich schlechter abgeschnitten. Der Dax-Kursindex liegt 2020 noch leicht im Minus, das Plus des S&P 500 mit 13,6 Prozent ist ebenfalls noch immer deutlich unter dem Kursanstieg von Gold.
Zwischenzeitlich waren die Performance-Unterschiede zwischen Gold und den Börsen sogar noch ausgeprägter. Zunächst hatte Gold im Corona-Crash im Februar/März deutlich geringere Einbußen als die Börsen zu verzeichnen. Während der S&P 500 fast ein Drittel abgab, fiel der Goldpreis in der Spitze um 12,4 Prozent. Das Edelmetall erholte sich auch deutlich schneller wieder. Den Höchststand von vor dem Corona-Crash vom 6. März hat Gold bereits am 14. April wieder übertroffen. Der S&P 500 erreichte das zwischenzeitliche Hoch vom 19. Februar dagegen erst vier Monate später am 18. August. Zu diesem Zeitpunkt lag Gold bereits 27 Prozent über dem Niveau von Anfang Februar und hatte erst wenige Tage zuvor sein neues Allzeithoch von 2.063,01 US-Dollar beziehungsweise 1.737,28 Euro markiert.
2020 war für Gold also durchaus ein goldenes Jahr, trotz der Verluste seit Mitte August. Der Gold-Bullenmarkt wird sich 2021 fortsetzten - und zwar in allen Währungen. Anders ausgedrückt: die Papierwährungen verlieren fortlaufend an Wert gegenüber Gold. Eine Trendumkehr ist definitiv nicht in Sicht.

Verliert Gold als Geldanlage an Attraktivität, wenn weitere Corona-Impfstoffe zugelassen werden und sich die Lage wieder stabilisiert?
Auf den ersten Blick scheint die Rückkehr zur Normalität für Gold nachteilig zu sein, aber eben nur auf den ersten Blick. Denn eine Rückkehr zur Normalität bedeutet auch, dass sich viele Rückstaueffekte auflösen werden. So ist aktuell die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes markant gesunken. Die Sparquote in Deutschland etwa hat sich ungefähr verdoppelt. Die Bürger halten Geld zurück. Das liegt einerseits an der allgemeinen Ungewissheit, wie es weiter gehen wird, zum anderen daran, dass sie aufgrund der Geschäftsschließungen und der Einschränkungen im Tourismus das Geld gar nicht ausgeben können. Eine Normalisierung wird dieses zurückgehaltene Geld Schritt für Schritt in die Wirtschaft strömen lassen und den Inflationsdruck merkbar erhöhen. Anziehende Energiepreise und die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung, die die ausgewiesene Inflationsrate drückt, lassen ebenso vermuten, dass die Inflation anziehen wird. Und eine anziehende Inflation ist üblicherweise gut für Gold.
Dem Thema "Inflation" haben wir uns in einem In Gold We Trust-Special, das vor kurzem erschienen ist, eingehend gewidmet. Für Notenbanker und Ökonomen ist Inflation kein Thema mehr. Unserer Meinung nach ist das eine völlig falsche Interpretation der ökonomischen Realität.

An welchen Faktoren dürfte sich die Preisentwicklung 2021 orientieren?
Zu den Dauerbrennern, die den Goldpreis unterstützen, zählen die negativen Realzinsen, deren Ende nicht abzusehen ist. Die massiv angestiegene Staatsverschuldung im Zuge der Coronakrise macht Zinserhöhungen von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Die Zentralbanken sitzen also weiterhin in der Nullzinsfalle. Ebenso scheint sich das Selbstverständnis der Zentralbanken immer stärker dahingehend zu wandeln, dass sie sich als Anfacher der Inflation verstehen und nicht als Bekämpfer derselbigen.
Die zunehmende Verzahnung von Fiskal- und Geldpolitik macht es außerdem unwahrscheinlicher, dass die Zentralbanken im Fall der Fälle selbstbewusst auftreten und bei einem Anziehen der Inflation die Zinsen erhöhen, beziehungsweise die verschiedenen Formen der "unkonventionellen" Geldpolitik zurückfahren. Die Nominierung der ehemaligen Chefin der US-Notenbank Fed, Janet Yellen, zur Finanzministerin von Joe Biden verkörpert diese Verschmelzung von Geld- und Fiskalpolitik.
Ein weiterer Treiber des Goldpreises ist die zunehmende Schwäche des US-Dollars. So hat der US-Dollar-Index 2020 rund sieben Prozent verloren. Vom zwischenzeitlichen Hoch Ende März aus gerechnet beträgt das Minus sogar 11,7 Prozent. Dieser Trend dürfte sich 2021 fortsetzen.
Zudem sollte Gold 2021 davon profitieren, dass viele alternative Anlageformen weiter schwächeln werden. Die Verzinsung von Spareinlagen - falls die Verzinsung überhaupt positiv ist - wird auf niedrigem Niveau verbleiben. Dasselbe gilt für die Anleiherenditen.

Im Schnitt wird mehr Geld in Umlauf gebracht als Gold. Geht es für den Goldpreis auch dann weiter nach oben, wenn sich die wirtschaftliche Lage wieder stabilisiert und Anleger wieder vermehrt auf Aktien setzen?
Historisch betrachtet gab es viele Phasen, in denen Gold und Aktien positiv korreliert waren. So sollte eine Erholung der Wirtschaft dazu führen, dass sich auch die Schmucknachfrage wieder erholt. Diese ist in den vergangenen Quartalen markant eingebrochen. Für eine Erholung spricht etwa, dass die asiatischen Staaten von Covid-19 ökonomisch wesentlich weniger betroffen sind als etwa Europa. Der asiatische "Love-Trade" sollte die Coronadelle daher bald hinter sich lassen.
Wir dürfen jedoch keinesfalls vergessen, dass sich bereits vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie die Welt zügig Richtung Rezession bewegt hat. Das heißt, nachdem die Aufholeffekte abgeklungen sein werden, dürfte sich die Weltwirtschaft wieder auf den ursprünglichen Abkühlungspfad bewegen. Die strukturellen Probleme haben sich nicht in Luft aufgelöst. Außerdem werden der unvermeidliche Abbau der Staatsverschuldung und die bislang aufgeschobenen Konkurse ihren Tribut fordern. Die inflationäre Grundstimmung bei den Zentralbanken sowie in Politik und Gesellschaft dürfte angesichts dieser Herausforderung den inflationären Ausweg suchen. Das sollte den Goldpreis beflügeln.

Seit dem Höchststand im August 2020 gab der Goldpreis um mehr als 200 Euro je Feinunze nach. Kann Gold 2021 wieder solche Rekordwerte erreichen?
Ja, das Aufwärtsmomentum ist weiterhin mehr als intakt, und das nicht nur für das kommende Jahr 2021. Im In Gold We Trust-Report 2020 haben wir ein proprietäres Goldpreismodell entwickelt, das den künftigen Goldpreis anhand der beiden Parameter Geldmengenentwicklung und impliziter Golddeckungsgrad berechnet. Selbst bei einer konservativen Kalibrierung des Modells ergibt sich für den Goldpreis am Ende dieser Dekade ein Kursziel von 4.800 US-Dollar. Unterstellt man eine deutlich inflationärere Geldmengenentwicklung ähnlich jener der in den 1970er-Jahren, ergibt sich ein Kursziel von 8.900 US-Dollar.
Und in einem Bullenmarkt empfiehlt es sich, Gold in Korrekturphasen aufzustocken - "Buy the dips". Und solche Korrekturphasen wird es selbstverständlich immer wieder geben, auch wenn der breite Aufwärtstrend, wie gesagt, intakt bleiben wird.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie für das neue Jahr?
Der sich verstärkende Preisauftrieb wird einen Wechsel von finanziellen Vermögenswerten hin zu Sachwerten zur Folge haben. Neben Gold sollten daher auch Minenaktien, Silber, Bitcoin und Rohstoffe 2021 zu den Gewinnern zählen.
Unter Druck geraten könnte der Bond-Bullenmarkt. Die entscheidende Frage lautet: Was wird mit den negativ verzinsten Anleihen passieren, wenn Inflation zum Thema wird? Wir sprechen hier von einem Markt im Umfang von 18 Billionen US-Dollar, der sich nach Alternativen umschauen wird, sobald die Inflationsprämie spürbar ansteigt.

Gehört Gold auch 2021 ins Depot?
Selbstverständlich! Die Frage ist doch eher: Warum sollte man Gold nicht in seinem Depot haben? 2021 bleibt das ökonomische Umfeld für Gold mehr als günstig. Einem weiteren goldenen Jahr für Gold sollte daher nichts im Wege stehen.