Die Stada-Aktionäre stellen bei der Hauptversammlung (HV) mit der Abstimmung über den Aufsichtsrat gerade die Weichen für die Zukunft des Pharmakonzerns aus Bad Vilbel. Vorstandschef Matthias Wiedenfels blickt im Gespräch mit BÖRSE ONLINE über den schicksalsträchtigen Tag hinaus. Auf dem Aktionärstreffen an diesem Freitag (26. August) wird mit harten Bandagen um die Führung gekämpft: Großaktionär AOC will, unterstützt vom Aktionärsberater ISS, die komplette Aufsichtsratsriege der Kapitalseite auswechseln lassen. Auch Wiedenfels steht unter Beschuss.

Börse Online: Seit Monaten nimmt der aktivistische Aktionär AOC Stada in die Zange. Wie turbulent ist die HV für Sie?


Matthias Wiedenfels:

Wir werden unseren Aktionärinnen und Aktionären wie immer Rede und Antwort stehen. Sollte es bei der einen oder anderen Frage etwas kontroverser zugehen, ist das in Ordnung, solange es sachlich und konstruktiv bleibt. Denn wir verfolgen ja das gleiche Ziel wie die meisten unserer Investoren: Stada kontinuierlich zu verbessern und in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Wenn man sich über den Weg dahin streitet, kann das ja durchaus produktiv sein.

Auch an Ihnen lässt AOC kein gutes Haar, bemängelt fehlende Expertise und fordert die Neubesetzung Ihres Postens. Wie haben Sie sich für die HV gerüstet?


Aus dieser Richtung kamen in letzter Zeit tatsächlich zuweilen etwas lautere Töne. Aber ich lasse mich davon nicht beeindrucken, sondern konzentriere mich auf meine Aufgabe als Vorstandsvorsitzender. Und da gibt es einiges zu tun. Durch meine langjährige Tätigkeit bei Stada kenne ich unser Unternehmen sehr gut und weiß, wo die Effizienz- und Wachstumspotenziale liegen. Die haben wir rasch und konsequent adressiert: Mit unserer weiterentwickelten Strategie und den damit verbundenen Maßnahmen werden wir unser Geschäft künftig noch erfolgreicher machen.

Wird Stada nach der HV ein anderes Unternehmen sein?


Wenn Sie auf die Aufhebung der Aktienvinkulierung anspielen, die wir übrigens unterstützen, dann sehe ich da keine größeren Veränderungen auf uns zukommen. Zwar wird im angelsächsischen Raum eine Vinkulierung als Schutz gegen Übernahmen gesehen, und unsere Satzung erlaubt es dem Vorstand auch, die Eintragung eines neuen Aktionärs zu verweigern. Aber das haben wir in der Vergangenheit schon nicht gemacht und würden es auch künftig nicht machen. Stellen Sie sich einmal vor, was uns der Kapitalmarkt - zu Recht übrigens - erzählen würde, wenn wir als MDAX-Unternehmen tatsächlich die Eintragung eines Aktionärs verweigerten …

Die Vorstandsvergütung Ihres Vorgängers war scharf kritisiert worden. Wird sich daran etwas ändern?


Das Vergütungssystem für den Vorstand ist zunächst einmal Sache des Aufsichtsrats - insofern kann ich mich dazu nur begrenzt äußern. Was aber richtig ist: Der Stada-Aufsichtsrat hat schon 2015 das Vergütungssystem mithilfe externer Experten angepasst, und er hat es in diesem Jahr noch einmal von externen Sachverständigen überprüfen lassen. Diese Experten haben die Vergütung als angemessen und branchenüblich bewertet. Dennoch wurden weitere Anpassungen vorgenommen und etwa die langfristige Anreizwirkung der variablen Vergütungskomponente weiter verstärkt. Außerdem erhöht sich die Transparenz in diesem Bereich für unsere Investoren, indem wir die Zielvorgaben für die variable Vergütung des Vorstands künftig veröffentlichen.

Welche weiteren Baustellen sehen Sie?


Es gibt noch eine Menge unerschlossener Wachstumspotenziale bei Stada. Wir wissen das und haben uns deswegen bis 2019 viel vorgenommen: So wollen wir etwa den bereinigten Konzernumsatz um 22 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro und den bereinigten Konzerngewinn um 51 Prozent auf 250 Millionen Euro steigern. Um das zu erreichen, werden wir das Generikageschäft weiter internationalisieren, den Markenproduktbereich mit attraktiven Produktinnovationen deutlich ausbauen und neue Wachstumsmärkte, wie etwa den Bereich Biosimilars, erschließen. Außerdem werden wir unsere Kosten weiter konsequent senken, das Unternehmen effizienter aufstellen und, wo notwendig, weiter verschlanken.



US-Investor Guy Wyser-Pratte fordert einen Zusammenschluss mit einem internationalen Wettbewerber oder eine Dachlösung mittels eines Investors wie CVC Capital Partners. Werden Sie Stada aufspalten, zumindest in Teilen verkaufen oder fusionieren?


Eine Aufspaltung würde mit Blick auf den nachhaltigen Erfolg von Stada und die langfristige Wertsteigerung keinen Sinn ergeben. Unsere beiden Kernsegmente Generika und Markenprodukte ergänzen sich hervorragend: Schauen Sie sich die signifikanten Synergien zwischen beiden Bereichen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bei Beschaffung, Produktion und Vertrieb an. Insbesondere in unseren Märkten in Osteuropa werden Generika über die gleichen Vertriebskanäle verkauft wie Markenprodukte - da haben wir mit unserer Aufstellung deutliche Vorteile. Wollte man Generika und Markenprodukte trennen, müsste man kostspielige Doppelstrukturen aufbauen und würde damit schlicht Geld verbrennen. Warum sollten wir derart Wert für unsere Aktionärinnen und Aktionäre vernichten wollen?

Was müsste passieren, damit Sie es doch tun?


Wir wollen Werte für unsere Aktionärinnen und Aktionäre schaffen, und wir wollen das Beste für Stada, unsere Kunden und Mitarbeiter erreichen. Wenn jemand einen attraktiven Preis bietet, entscheiden letztlich die Aktionäre, ob sie verkaufen wollen oder nicht. Zu bedenken ist dabei aber, dass Stada vor Monaten noch unterbewertet war und nun bei knapp 50 Euro notiert. Ob ein Verkauf damit wirklich realistischer geworden ist, mögen andere beurteilen.

Wenn Sie nicht verkaufen wollen - kaufen Sie zu? Wenn ja, wo?


Wir analysieren fortlaufend die Marktsituation, ob es sinnvolle Zukäufe gibt, mit denen wir unser Portfolio verstärken können. Dies gilt sowohl für die Nutzung bestehender Plattformen mit zusätzlichen Produkten als auch für die Erschließung neuer Wachstumsmärkte über bereits fertige Strukturen, wie etwa beim Kauf von Thornton & Ross - die sich im Übrigen äußerst positiv entwickeln.

AOC moniert zu hohe Kosten. Werden Sie Stellen streichen?


Klar ist, dass wir unsere Kosten nachhaltig senken müssen, um profitables Wachstum zu generieren. Sobald wir unsere Maßnahmen- und Implementierungsplanung für unsere strategische Neuausrichtung vollständig abgeschlossen haben, werden wir dazu mehr sagen können. Das wird voraussichtlich Anfang Oktober der Fall sein.

Wo steuern Sie Stada hin?


Unser Geschäftsmodell ist kerngesund, wir müssen uns also nicht neu erfinden. Aber wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit von Stada im internationalen Vergleich weiter ausbauen und die Innovationskraft des Unternehmens stärken, um unser profitables Wachstum deutlich zu steigern. Das werden wir mit unserer strategischen Neuausrichtung auch schaffen. Wir glauben außerdem an den Markt der Selbstmedikation und Wirkstoffe gegen Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Deswegen haben wir Sciotec gekauft, eine österreichische Firma, die weltweit das erste patentgeschützte Medikament gegen Histaminintoleranz entwickelt hat.

Warum ist die Aktie trotz der aktuellen Unruhe aus Ihrer Sicht ein gutes Investment?


Unsere Wachstumsstrategie ist tragfähig und wird von fast allen Investoren unterstützt. Anfang August haben wir hervorragende Zahlen präsentiert. Auf dieser Basis stellen wir Stada für die Zukunft gut auf und schaffen signifikanten Mehrwert für unsere Aktionärinnen und Aktionäre.