Weltweit reagierten zahlreiche Politiker auf den Erfolg des Quereinsteigers entsetzt. Kanzlerin Angela Merkel bot Trump eine enge Zusammenarbeit an, pochte aber auf die Achtung gemeinsamer Werte. An den Finanzmärkten, die auf einen Sieg Clintons gesetzt hatten, machte die Angst vor weltweiter Verunsicherung die Runde. Mehrere Börsen verbuchten zeitweise so starke Verluste wie im Sommer nach dem Brexit-Referendum, als - wie jetzt entgegen den meisten Umfragen - für einen Austritt aus der EU gestimmt wurde. In Kalifornien kam es zu gewaltsamen Protesten.
Der Milliardär Trump versprach, er werde Präsident für alle Bürger sein. "Jeder Amerikaner wird die Chance haben, sein Potenzial auszuschöpfen." Der Wahlkampf sei vorbei, aber seine Arbeit beginne jetzt erst. Er wolle die Nation einen und dabei auch diejenigen ins Boot holen, die ihn nicht unterstützt hätten. Auf Basis seines Wirtschaftsplans werde er das Wachstum verdoppeln. Außenpolitisch kündigte er an, mit allen Staaten zusammenzuarbeiten, die dazu bereit seien. Er wolle fair mit der Weltgemeinschaft umgehen, fügte jedoch hinzu: "Amerika wird sich mit nichts weniger als dem Besten zufrieden geben."
Zumindest in der ersten Hälfte seiner vierjährigen Amtszeit kann Trump auf die Unterstützung eines republikanisch dominierten Kongresses hoffen, denn den Demokraten gelang es nicht, die Mehrheit in wenigstens einer der beiden Kammern zu erobern. Umfragen zufolge hatte der Senat auf der Kippe gestanden. Doch dies bewahrheitete sich ebenso wenig wie die Erhebungen, die Clinton vor der Wahl im Vorteil sahen. Selbst in Bundesstaaten, die die frühere Außenministerin eigentlich fest für sich eingeplant hatte, schnitt der von der Wut auf das Establishment getragene Trump überraschend stark ab.
Es war eine der spannendsten Wahlnächte in der amerikanischen Geschichte. Erst Stunden nach Schließung der Wahllokale stand fest, dass Trump die für einen Sieg notwendige Schwelle von 270 Wahlleuten überschritten hatte. In einigen Bundesstaaten machten nur wenige Tausend Stimmen den Unterschied aus. Trump triumphierte nicht nur in Staaten, die traditionell republikanisch wählen. Es gelang ihm auch, einige Swing States zu erobern, in denen von Wahl zu Wahl mal die Republikaner, mal die Demokraten die Nase vorne haben, etwa Ohio und Florida.
"MAKE AMERICA GREAT AGAIN"
Wenn Trump im Januar als Nachfolger von Barack Obama ins Weiße Haus einzieht, ist er mit 70 Jahren der älteste Präsident, der jemals den Posten neu übernahm. Er war mit der Botschaft angetreten, das Establishment in Washington zu entthronen und der Stimme der kleinen Leute Gehör zu verschaffen. Das bescherte ihm einen massiven Zulauf, vor allem von älteren weißen Männern ohne höheren Bildungsabschluss und der Arbeiterschicht sowie der Bevölkerung außerhalb der Ballungsräume. Viele haben das Gefühl, dass der amerikanische Traum für sie unter Obama endgültig geplatzt ist. Trumps zentrales Versprechen lautete, Amerika wieder "groß zu machen".
Noch zu Beginn des Jahres hatte kaum jemand einen Sieg des wegen seiner markigen Sprüche bekannten Milliardärs für möglich gehalten, geschweige denn, seine Ambitionen wirklich ernstgenommen. Von vielen wurde er anfangs wegen seiner politischen Unerfahrenheit und seiner Vergangenheit als Star einer Reality-TV-Sendung belächelt. Doch spätestens mit seinem Erfolg bei den Vorwahlen um die Kandidatur der Republikaner wuchs weltweit die Sorge, dass Trump tatsächlich der 45. US-Präsident werden könnte. Selbst in der eigenen Partei stieß er wegen seiner Provokationen und umstrittenen Ansichten auf großen Widerstand. Trump polterte gegen Einwanderer, lästerte über Frauen und forderte den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko sowie ein Einreiseverbot für Muslime. Internationale Handelsabkommen will er kippen oder neuverhandeln - allen voran die Freihandelszone mit Kanada und Mexiko. Aber auch von ähnlichen Abkommen mit Pazifikstaaten oder der EU hält er nichts.
Scharfe Kritik an Trump äußerte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. "Trump ist der Vorreiter einer neuen autoritären und chauvinistischen Internationalen." Er wolle in Zeiten zurück, als "Frauen an den Herd oder ins Bett gehörten, Schwule in den Knast, und Gewerkschaften höchstens an den Katzentisch", sagte der Vizekanzler der Funke-Mediengruppe. Außenminister Frank-Walter Steinmeier warnte vor internationalen Verwerfungen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass die amerikanische Außenpolitik für uns weniger vorsehbar wird." Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach in der ARD von einem "schweren Schock". Sie verwies auf Ankündigungen Trumps, die Europäer und die Nato mehr in die Pflicht zu nehmen. "Viele Fragen sind offen."
Merkel gab nur eine knappe Erklärung ab. "Deutschland und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, dem Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung." Auf dieser Basis biete sie Trump eine enge Zusammenarbeit an. Sie hoffe auf eine gemeinsame Politik, etwa im Kampf gegen Terrorismus und Hunger und eine "vorausschauende Klimapolitik". Zugleich mahnte Merkel: "Wer dieses große Land regiert, mit seiner gewaltigen wirtschaftlichen Stärke, mit einem militärischen Potenzial und seiner kulturellen Prägekraft, der trägt Verantwortung, die beinahe überall auf der Welt zu spüren ist."
Zuspruch erhielt Trump dagegen von europäischen Rechtspopulisten. In Frankreich, Österreich, Deutschland und anderen EU-Staaten werteten Vertreter der entsprechenden Parteien den Erfolg des Immobilienmoguls als Beleg dafür, dass das politische Establishment am Ende sei. Die AfD sprach von einem Votum gegen "Altparteien und Lückenpresse". Russlands Präsident Wladimir Putin gratulierte Trump. Er hoffe, dass er und Trump die Krise in den Beziehungen beider Länder beilegen könnten.
"VIELEN DANK FÜR ALLES"
Clinton sagte einen als Siegesfeier geplanten Auftritt in New York ab. Bereits gegen 03.00 Uhr MEZ hatte sie getwittert, es gebe "so viel", worauf ihre Mitarbeiter stolz sein könnten. "Was auch immer heute Nacht passiert, vielen Dank für alles."
Mehrfach hatte es so ausgesehen, als ob sie das Rennen zu ihren Gunsten entscheiden müsste - etwa nachdem ein Video aus dem Jahr 2005 mit sexistischen Äußerungen Trumps auftauchte. Dennoch kämpfte sich der Geschäftsmann zurück, wobei er davon profitierte, dass auch Clinton alles andere als eine beliebte Kandidatin war. In der Schlussphase des Wahlkampfs kochte erneut die E-Mail-Affäre hoch, die Clintons Gegner gerne als Beleg für deren Geheimniskrämerei ins Feld führten. Zwar wurde sie vom FBI entlastet. Das änderte aber nichts daran, dass viele Amerikaner Clinton als Vertreterin des Establishments sehen, der man nicht vertrauen könne. Die 69-Jährige wäre die erste Frau im US-Präsidentenamt gewesen.
rtr