Die Zollpolitik der USA unter Präsident Donald Trump wird auch nach dem 250. Staatsgeburtstag unberechenbar bleiben. Eine Rechtsexpertin erklärt, welche Auswirkungen die US-Handelspolitik aktuell auf die europäischen Kapitalmärkte hat – und was Unternehmen und Investoren daraus ableiten können.
Die aktuellen Entwicklungen bei Strafzöllen
Geplante Digitalsteuer für US-Tech-Riesen
Donald Trump droht Deutschland und anderen europäischen Staaten mit massiven neuen Zöllen von 100 Prozent. Hintergrund der am 26. Juni 2026 ausgesprochenen Drohung ist der Streit um eine geplante Digitalsteuer auf europäischer Ebene. Der US-Präsident kündigte auf seiner Plattform Truth Social an, dass diese Strafzölle auf sämtliche Warenexporte erhoben würden, falls europäische Länder eine derartige Abgabe beschließen, die US-Tech-Riesen wie Apple, Meta und Alphabet belasten würde.
Status quo beim Handelsdeal EU-USA
Im sogenannten Turnberry-Abkommen einigten sich die EU und die USA im Kern auf eine Deckelung der US-Zölle auf maximal 15 Prozent. Im Gegenzug soll die EU ihre Zölle auf US-Industriegüter auf null senken. Im Mai 2026 verständigten sich EU-Kommission, Parlament und Mitgliedstaaten auf die Umsetzung. Trotz des Deals warnt die EU-Kommission nun vor unberechenbaren Schritten der US-Regierung, da neue Zollandrohungen den Prozess verzögerten.
Börse Online: Frau Montag, Sie erleben als Expertin für Zollrecht den Zickzack-Kurs bei den Tarifen in Ihrer beruflichen Praxis. Wie würden Sie die aktuelle US-Handelspolitik in einem Satz charakterisieren?
Claudia Montag: Sie ist protektionistisch, unilateral und bewusst unberechenbar – und genau diese Unberechenbarkeit ist das eigentliche Problem für die Märkte, nicht nur die Zölle selbst.
Welche unmittelbaren Auswirkungen haben die US-Zölle auf europäische Aktienmärkte gezeigt?
Die Reaktionen waren klassisch: Kurseinbrüche bei exportorientierten Titeln unmittelbar nach Ankündigungen, erhöhte Volatilität insgesamt und eine deutliche Sektorrotation weg von Industrie, Automobil und Chemie hin zu defensiveren Werten. Der DAX und der Euro Stoxx 50 haben auf jede neue Zollrunde mit spürbaren Ausschlägen reagiert – nach oben wie nach unten, je nach politischem Signal.
Welche europäischen Sektoren sind aus den Erfahrungen Ihrer Beratungspraxis besonders betroffen?
An erster Stelle steht die Automobilindustrie – Deutschland exportiert erhebliche Volumina in die USA, und Zölle von 25 Prozent auf Pkw treffen Unternehmen wie BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen direkt. Daneben sind der Maschinenbau, die Chemiebranche und die Luft- und Raumfahrt stark betroffen. Was ich in meiner täglichen Arbeit besonders beobachte: Auch mittelständische Zulieferer, die über komplexe Lieferketten in den US-Markt eingebunden sind, spüren den Druck – oft mit Verzögerung und ohne es zunächst zu bemerken.
Gibt es auch Gewinner auf europäischer Seite?
Unternehmen, die stark auf den europäischen Binnenmarkt ausgerichtet sind, profitieren relativ gesehen von der Sektorrotation. Auch europäische Produzenten, die US-Importe substituieren können, gewinnen Marktanteile. Und Rüstungsunternehmen – ohnehin im Aufwind durch erhöhte Verteidigungsausgaben – sind von den Handelsstreitigkeiten weitgehend entkoppelt.
Wie reagieren institutionelle Investoren auf diese Unsicherheit?
Mit erhöhter Vorsicht und kürzeren Anlagehorizonten. Es ist zu beobachten, dass Portfolios stärker diversifiziert werden, Absicherungsstrategien über Optionen und Futures zunehmen und der Anteil defensiver Sektoren – Versorger, Gesundheit, Basiskonsum – in vielen institutionellen Portfolios gestiegen ist. Gleichzeitig zieht Unsicherheit tendenziell Kapital in den US-Dollar, was europäische Exporteure über den Wechselkurskanal zusätzlich belastet.
Welche Rolle spielt die Europäische Zentralbank in diesem Umfeld?
Eine ambivalente. Einerseits können Zölle inflationär wirken – über verteuerte Importe –, was den Spielraum für Zinssenkungen einengt. Andererseits dämpft eine schwächere Konjunktur durch Handelskonflikte die Nachfrage und damit den Preisdruck. Die EZB befindet sich in einem geldpolitischen Dilemma, das die Prognoseunsicherheit für Anleger erhöht.
Droht eine dauerhafte Fragmentierung des Welthandels – und was bedeutet das für Bewertungen?
Das ist die entscheidende langfristige Frage, die wir auch in unserer Beratungspraxis zunehmend stellen. Wenn sich die Tendenz zur geopolitischen Blockbildung – USA gegen China, mit Europa dazwischen – verstetigt, werden globale Lieferketten dauerhaft teurer und weniger effizient. Das drückt Gewinnmargen strukturell nach unten und rechtfertigt niedrigere Bewertungsmultiplikatoren für international aufgestellte Unternehmen. Märkte beginnen, diese sogenannte geopolitische Risikoprämie einzupreisen – und das ist keine kurzfristige Erscheinung.
Was raten Sie europäischen Unternehmen konkret?
Aus zollrechtlicher Sicht empfehle ich zunächst eine systematische Analyse der eigenen Lieferketten auf Zollexposure, also die Zollrisiken. Oft stecken die Risiken im Detail: falsche Zolltarifnummern, unzureichende Ursprungsangaben, fehlende Preisanpassungsklauseln in Verträgen. Wer jetzt seine zollrechtlichen Stammdaten - also insbesondere Warennummern und Ursprung - prüft, Verträge anpasst und intensives Supply Chain Management betreibt, ist deutlich besser aufgestellt. Für Investoren gilt: Zollrisiken sind in Geschäftsberichten oft nicht transparent – eine tiefergehende Due Diligence lohnt sich.
Fazit
"Unternehmen und Investoren, die Handelspolitik als strategisches Risiko ernst nehmen und in ihre Entscheidungsprozesse integrieren, werden besser aufgestellt sein als jene, die auf eine rasche Rückkehr zur alten Normalität warten." Claudia Montag
Zur Person
Claudia Montag ist Rechtsanwältin bei der Sozietät CREYDT.LAW in München. Sie berät Unternehmen im Bereich Außenwirtschaftsrecht und Exportkontrolle.