BONN/BERLIN (dpa-AFX) - In den deutschen Gasspeichern ist momentan deutlich weniger Erdgas als in den Vorjahren - und das mitten im Winter. Der Füllstand liegt Ende Januar nur noch bei 35 Prozent. Besteht deshalb Grund zur Sorge? Wird in Deutschland auch im Februar und März noch genügend Erdgas zur Verfügung stehen für Wirtschaft und Verbraucher? Ein Überblick.

Wie ist die aktuelle Versorgungslage mit Erdgas?

"Stabil", sagt Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Die Erdgasspeicher sind weiterhin wichtig, aber sind nicht mehr der allein entscheidende Indikator."

Das sieht auch das Bundeswirtschaftsministerium so: "Anders als in den Vorjahren stehen uns schwimmende Flüssiggasterminals für die Versorgung zur Verfügung", sagt eine Sprecherin. "Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland. Die Gasversorgung ist sichergestellt."

Woher kommt das Erdgas hauptsächlich?

Das meiste kommt mit rund 45 Prozent aus Norwegen, so Müller. "Dann gibt es große Kontingente, die wir eben aus Holland, Belgien über deren Flüssiggas-Terminals bekommen."

Auch die vier deutschen Terminals an Nord- und Ostsee spielten eine wichtige Rolle. "Sie geben Deutschland noch mal ein zusätzliches Maß an Sicherheit." Laut Müller sind sie aktuell nicht ausgelastet. "Das heißt, hier gibt es Spielräume."

Aus dem Ministerium heißt es dazu: "Die Terminals gewährleisten das ganze Jahr eine sehr flexible Möglichkeit, Gas zu importieren." Dies führe dazu, dass Gasspeicher zur Sicherstellung der Gasversorgungssicherheit an Attraktivität verloren hätten.

Wie werden sich die Füllstände im Februar und März entwickeln?

Das kommt auf die Temperaturen an. Der Branchenverband Ines (Initiative Energien Speichern) geht davon aus, dass bei normalen Temperaturen die Füllstände um weitere rund 20 Prozentpunkte zurückgehen. "Sollten wir bei unter 14 Prozent Speicherfüllstand Ende März stehen, könnte das der niedrigste Speicherfüllstand sein, der jemals für Deutschland aufgezeichnet worden ist", sagt Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann.

Zwar reichten die aktuellen Speichermengen bei normalen Temperaturen zusammen mit den anderen Quellen zur Gasversorgung aus. "Es sollte uns aber nachdenklich machen, dass wir trotz eines vergleichsweise normalen Winters und ohne technische Ausfälle von Gasinfrastrukturen am Ende mit derart leeren Gasspeichern dastehen. Die Versorgung ist auf Kante genäht, und das ist eigentlich zu wenig", sagt Heinermann.

Gibt es staatlich verordnete Mindestfüllstände?

Ja. Eine 2027 auslaufende Verordnung schreibt vor, dass die meisten Speicher am 1. November zu mindestens 80 Prozent und am 1. Februar zu mindestens 30 Prozent gefüllt sein müssen. Die Gaswirtschaft ist aber unzufrieden mit der Regelung. Zwar werde die Vorgabe jetzt knapp erreicht, sagt der Vorstand des Verbandes "Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft", Timm Kehler. "Die Befüllung der Gasspeicher für die kommende Heizsaison wird aber eine große Herausforderung." Die Füllstandsvorgaben seien 2022 zwar eine effektive Notfallmaßnahme gewesen, führten jetzt aber zu spürbaren Marktverzerrungen. "Das kann die Wiederbefüllung schwierig und teuer machen."

Was hält der Speicherbetreiber Uniper von den Mindestfüllständen?

Uniper ist Deutschlands größter Speicherbetreiber. Das Unternehmen wünscht sich andere Regeln. Das bestehende Regime sei nicht mehr zeitgemäß und sollte weiterentwickelt werden, sagte eine Sprecherin. "Verlässliche Rahmenbedingungen und marktbasierte Anreize sind entscheidend, um Versorgungssicherheit langfristig herzustellen und Gasspeicher vor Beginn der Wintersaison wirtschaftlich und auskömmlich zu befüllen." Das erhöhe die Effizienz, senke die Kosten und sorge für Versorgungssicherheit.

Von einer schon länger diskutierten strategischen Gasreserve nach dem Vorbild der bestehenden Ölreserven hält Uniper nicht viel. Sie würden die Anforderungen an Versorgungssicherheit und Effizienz nur begrenzt erfüllen. Notwendig sei ein regulatorischer Rahmen mit marktlichen Anreizen, der Versorgungssicherheit durch Gasspeicher sowohl langfristig als auch wirtschaftlich gewährleiste.

"Der Staat soll nicht als Akteur im Speichermarkt auftreten, sondern nur Leitplanken setzen", betont Uniper. Grundsätzlich müssten Marktmechanismen Anreize für eine Speicherbefüllung schaffen und nicht politisch festgelegte Vorgaben.

Gibt es beim Thema Gasreserve auch andere Stimmen?

Ja. Netzagentur-Präsident Klaus Müller kann sich eine strategische Gasreserve aus Gründen der Versorgungssicherheit gut vorstellen. In Deutschland sorgten Händler und Gasversorger für eine ausreichende Versorgung von Industrie und Haushalten, sagt er. Auch weiterhin sollte eine Verantwortung in privater Hand bleiben. "Aber es kann eben externe Schocks geben."

Um darauf schnell genug reagieren zu können, brauche es eine Absicherung. "Bisher sind das die Füllstandsvorgaben." Sie hätten sich aber als ein eher sperriges Instrument erwiesen, was den Markt verzerre. Eine strategische Reserve könnte daher eine mögliche Antwort sein./tob/DP/zb

Quelle: dpa-Afx