Nach Softwarewerten, Finanzdienstleistern und Autohändlern rollt die nächste Verkaufswelle im "KI-Trade" nun durch die Logistik- und Immobilienbranche. Auslöser ist ein kleines Tech-Unternehmen – dessen Aktie am Freitag rasant steigt.

Die Angst vor künstlicher Intelligenz greift an der Börse immer weiter um sich – und macht nun auch vor klassischen Industriebranchen nicht halt. Nachdem zuerst Software- und Techwerte unter Druck standen, geraten jetzt Transport-, Logistik- und sogar Gewerbeimmobilienaktien ins Visier der Anleger.

Dieser Newcomer ist diesmal der Auslöser

Auslöser ist ein neues KI-Tool des kleinen, aber börsennotierten, US-Unternehmens Algorhythm Holdings. Dessen Plattform „SemiCab“ verspricht, Frachtvolumina um bis zu 400 Prozent zu steigern – ohne zusätzliches Personal. Investoren fürchten, dass etablierte Spediteure und Logistikkonzerne dadurch unter Kostendruck geraten könnten.

Die Reaktion fiel heftig aus: In den USA verloren Aktien von C.H. Robinson und RXO zeitweise bis zu 20 Prozent. Auch J.B. Hunt Transport Services und XPO standen deutlich unter Druck. Der breit gefasste Trucking-Index sackte laut CNBCum fast acht Prozent ab – einer der schwächsten Tage seit Monaten.

Paradox: Während die Branchengrößen abrutschten, schoss die Aktie von Algorhythm - der Schreibfehler mit den beiden "h" ist offenbar bewusst gewählt - zweistellig nach oben. Anleger wetten offenbar darauf, dass KI-basierte Optimierung die Logistik grundlegend umkrempelt.

Algorhythm Holdings Inc. (WKN: A4102S)

Logik zählt gerade nicht

Aber wäre das überhaupt möglich? Schließlich experimentiert die Logistikbranche längst selbst mit KI-Modellen zur Optimierung ihre Lieferketten. Gleichzeit ist gerade die Logistik ein „People’s Business“: Freie Transportkapazitäten werden oft nur innerhalb von Partnerschaften an befreundete Spediteure weitergeben. Zudem muss irgendjemand fahren oder fliegen und die Ladung abholen und zustellen. Das kann die KI nicht.

Trotz solcher Überlegungen taten die Börsianer erstmal das, was sie in den vergangenen Tagen öfter taten: Sie verkauften vorsichtshalber erst einmal. Man will ja schließlich nicht der letzte sein, der seine Titel anbietet. Eine Einschätzung, ob das, was die KI verspricht, wirklich sein kann, kommt später.

Und so schwappte die Nervosität schnell nach Europa über. Auch hier trennten sich Investoren von klassischen Transportwerten. Die Aktie der DHL Group fiel am Donnerstag um fast fünf Prozent, der Schweizer Logistikkonzern Kühne + Nagel gab sogar um 13 Prozent nach, der dänische Branchenriese DSV um elf Prozent. Selbst der Containerschiff- und Logistikgigant A.P. Møller–Maersk geriet unter Verkaufsdruck. 

Kuehne Nagel (WKN: A0JLZL)

Der Markt preise zunehmend ein, dass KI die Lieferketten effizienter mache, erklären Händler. Damit könnten die Margen traditioneller Anbieter schrumpfen. Tatsächlich aber versucht die Logistikbranche schon seit Jahren, ihre freien Transportkapazitäten mithilfe umfangreicher Softwaresysteme zu optimieren - auch mithilfe von KI. Nicht ist teurer als eine Leerfahrt oder auch ein nicht komplett vollgeladener Truck, ein Schiff oder Flugzeug.

Auch Immmobilienaktien verlieren

Wie eindimensional die Denkprozesse derzeit verlaufen, zeigt die Tatsache, dass am Freitag auch Gewerbeimmobilienwerte litten. Bei der CBRE Group, einem der Marktführer bei Logistikimobilien, spekulieren Investoren nun, dass automatisierte Prozesse und schlankere Logistiknetze künftig weniger Lager- und Büroflächen benötigen könnten. Als ob das Transportvolumen, das jetzt schon auf „just in time“ ausgerichtet ist, dadurch sinkt.

Und so weitet sich dsa, was US-Händler schon den „AI Scare Trade“ nennen, auf immer mehr Branchen aus. Was zunächst wie eine Korrektur in Technologie- und Softwaresegment aussah, entwickelt mittlerweile sich zu einer breiten Neubewertung traditioneller Geschäftsmodelle. Keiner scheint mehr sicher.

„AI proof“ wird zum neuen Gütesiegel

Plötzlich sind sogar vermeintlich defensive „Old Economy“-Titel nicht mehr automatisch immun. Und so könnte „AI proof“ zu einem neuen Gütesiegel für die Investoren werden: Geschäftsmodelle, denen die Künstliche Intelligenz nichts anhaben kann. Bislang zählen Analysten etwa Lebensmittelkonzerne wie Nestlé und Unilever dazu, gut aufgestellte Supermarktketten wie Walmart oder auch Luxuskonzerne wie LVMH und Hermès.

Wer investiert ist, sollte ab sofort genau prüfen, ob seine Unternehmen Künstliche Intelligenz als Chance nutzen und integrieren – oder Gefahr laufen, von ihr verdrängt zu werden.

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