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INTERVIEW

Abseits vom Parkett: Anne Connelly - "Ich wollte keinen Konzernvorgaben mehr folgen müssen"

Abseits vom Parkett: Anne Connelly -
10.01.2022 07:35:00

Anne Connelly legte eine steile Karriere hin und war als Deutschland-Chefin von Morningstar viele Jahre lang eine der Top-Managerinnen der Finanzbranche. Später wagte sie mit den Fondsfrauen und herMoney den Schritt in die Selbständigkeit. Im Interview hat sie uns erzählt, wie sie in der Branche gelandet ist, wie sie ihre Zeit in den USA bis heute prägt und welche Ziele sie noch hat. Von Isabell Walter

Als gelernte Industriekauffrau ging Anne Connelly für mehrere Jahre in die USA und fand dort ihre Leidenschaft zur Fondsbranche. Zurück in Deutschland baute sie als Deutschland-Chefin das hiesige Geschäft des Finanzinformations- und Analyseunternehmens Morningstar auf. Später gründete Connelly mit zwei Kolleginnen die Fondsfrauen, heute das größte Karrierenetzwerk für Frauen in der Finanzbranche im DACH-Raum. Mitte 2017 folgte mit der Gründung von herMoney, einem Informationsportal für Vorsorge und Finanzen von Frauen, der Schritt in die Selbständigkeit.

BÖRSE-ONLINE.de: Wie haben Sie als Kind den Umgang mit Geld gelernt?
Anne Connelly: Geld und Finanzen waren bei uns zuhause ein sehr präsentes Thema. Da mein Großvater Sparkassendirektor war und meine Mutter als Sekretärin bei einer Versicherung gearbeitet hat, wurde mir das auch zu einem gewissen Grad in die Wiege gelegt. Mein Großvater hatte damals bei uns zuhause ein Büro, in dem er öfter Kunden empfangen und mit ihnen Kredite verhandelt hat. So wurde mir das Thema Sparen und Geldanlage natürlich vorgelebt. Meine Großmutter sagte damals immer: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not". Ich muss aber sagen, dass ich nicht besonders zahlenaffin war. Dass ich im Bereich Fonds und Finanzen mal Karriere machen würde, war damals noch nicht abzusehen.



Wie haben Sie Ihren Kindern den Umgang mit Geld beigebracht?
Selbstverständlich hatten wir für unsere Kinder von Anfang an Sparpläne auf Fonds laufen - ETF-Sparpläne gab es damals noch nicht. Mein Sohn und meinte Tochter wussten natürlich, was ich arbeite und so war Geldanlage immer ein Thema - wie in meiner Kindheit auch. Dass sie sich selbst um ihre Geldanlage kümmerten, kam aber erst später. Gerade in der Pubertät fanden sie das Thema noch sehr langweilig. Ansonsten haben wir ihnen den Umgang mit Geld vorgelebt, sie nicht mit Geld überhäuft und sie zum Sparen angehalten. So sollten sie lernen, dass man sich Geld auch erarbeiten muss, und dass es sinnvoll ist, sein Geld zu investieren.

Kinder orientieren sich häufig an den Berufen ihrer Eltern - schlagen manchmal aber auch einen ganz anderen Weg ein. Wie war das bei Ihren Kindern?
Gerade meine Arbeit im Bereich Gender hat es meiner Tochter angetan. Meine Generation hat damals sehr Genderblind agiert und für dieses Thema gibt es heute ein viel größeres Bewusstsein. Dafür setze ich mich aktiv ein und meine Tochter hat mich schon sehr früh unterstützt und zu Veranstaltungen begleitet. Sie könnte sich auch Arbeit in diesem Bereich vorstellen, hat sich vorerst aber für einen eigenen Weg in der Logistik entschieden, wo sie aktuell noch ein Studium absolviert.
Mein Sohn war schon immer sehr unternehmerisch geprägt. Er hat BWL studiert und hatte selbst schon ein Startup. Vor diesem Hintergrund habe ich mich mit ihm schon sehr früh über Ideen für herMoney ausgetauscht. Als ich ihm eines Tages erzählte, dass ich etwas Unterstützung bräuchte, ist er bei herMoney eingestiegen. Heute sind wir nicht nur Mutter und Sohn, sondern auch sehr gute Kollegen. Ich habe diesen Karriereschritt natürlich nicht von ihm erwartet, es freut mich aber sehr, dass es sich so entwickelt hat.

Wie war das bei Ihnen?
Dass ich beruflich im Bereich Finanzen durchstarten würde, war nicht klar. Aber ich wusste schon immer, dass ich Karriere machen möchte und dass ich - vereinfacht ausgedrückt - in einem Büro arbeiten möchte. Zum Leidwesen meiner Freundinnen und Cousinen wollte ich deshalb schon als Kind immer "Büro, Büro" spielen wie in der Fernsehsendung. Schlussendlich habe ich dann eine Ausbildung zur Industriekauffrau absolviert und bin später mit meinem damaligen Mann in die USA gegangen. Dort bin ich durch einen Zufall in der Finanzbranche gelandet, die mich bis heute begeistert und nicht mehr losgelassen hat.

Wie kam es dazu?
In meiner Zeit in Boston habe ich drei Jahre bei einem Arbeitgeberverband gearbeitet, was ich sehr spannend fand. Dort habe ich viel über Amerika, die dortige Politik und die gesetzliche Lage gelernt. Allerdings hatte ich dort praktisch keine Aufstiegschancen. Eine Kollegin hat mir einen Tipp gegeben und mir Unternehmen empfohlen, die mit Deutschland zu tun hatten. Deshalb habe ich mich bei Pioneer Investment - heute Amundi - beworben. Was die Firma machte, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Ich bin also erstmal in eine Bibliothek gegangen, um nachzulesen, was überhaupt ein Fonds ist. Pioneer hat mich direkt zum Gespräch eingeladen und ich war sofort fasziniert. Ich kam in ein Trainee-Programm, in dem ich von der Pike auf alles über Fonds und die Börse lernte. Das war der Startschuss für meine Karriere in der Branche.

Was haben Sie aus Ihrer Zeit in den USA mitgenommen?
Diese Zeit prägt mich bis heute. Ich habe dort gesehen, wie Frauen erfolgreich Kinder und Karriere miteinander vereint haben. Das hat mich animiert, nicht nur eines, sondern zwei Kinder zu bekommen und trotzdem weiterzuarbeiten. Mein damaliger Mann war Amerikaner und hat mich bei dieser Haltung sehr unterstützt. Außerdem schätze ich den Grundoptimismus und die Fehlerkultur der Amerikaner sehr. Mein Naturell ist in der Hinsicht ganz ähnlich: Man sollte anderen auch mal eine Chance geben. Das ist mir auch auf meinem eigenen Weg öfters widerfahren und hat mir in meiner Karriere sehr geholfen. Das versuche ich jetzt auch weiterzugeben.

Sind Sie während Ihrer Zeit in Amerika auch ein wenig herumgekommen?
Grundsätzlich gar nicht so viel, da ich nur zwei Wochen Urlaub im Jahr hatte. Aber ich kam beruflich viel herum und war damals beispielsweise in Chicago, Kalifornien oder auch Texas. Auch später habe ich viele Länder durch meine Arbeit bei Morningstar kennengelernt, aber natürlich auch privat.

Sie machten beruflich Station bei Pioneer Funds, Aragon und Morningstar. Was ist die wichtigste Lehre, die Sie aus Ihrer Karriere ziehen?
Mein Credo ist: "It takes all kinds to make the world go round". Lose übersetzt bedeutet das, dass man viele Persönlichkeiten braucht, um die Welt am Laufen zu halten. Und das habe ich auch in meiner Karriere immer wieder gesehen. Es braucht ein funktionierendes Team, damit man vorankommt. Und man muss Menschen nach ihren Fähigkeiten einsetzen. Das heißt natürlich nicht, dass man nicht auch mal harte Entscheidungen treffen und die Chefin sein muss, aber Teamarbeit ist unfassbar wichtig. Für mich persönlich war es auch immer elementar, dass ich Dinge niemals nur wegen des Geldes mache. Ich wollte einen Sinn in meinen Aufgaben sehen, Firmen voranbringen und Dinge verändern.

Sie waren viele Jahre eine der Top-Managerinnen der Finanzbranche, 2017 folgte dann der Schritt in die Selbständigkeit. Wie kam es dazu?
Mir war schon lange klar, dass mein nächster beruflicher Schritt die Selbständigkeit sein würde. Ich war schon immer sehr freigeistig und wollte nicht mehr irgendwelchen Konzernvorgaben folgen müssen und nur EBIT-getrieben arbeiten. Diesen Druck kann ich mir auch gut allein machen, dafür braucht es keinen Konzern. Da ich auch politisch sehr aktiv bin und schon länger das Thema rund um Frauen in Führungspositionen verfolge, wurde ich natürlich aufmerksam, als die Frauenquote aufkam. Leider musste ich feststellen, dass sich in der Fondsbranche für Frauen praktisch gar nichts tut. Und so habe ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen die Fondsfrauen gegründet. Das ist heute das größte Karrierenetzwerk für Frauen aus der Fonds- und Finanzbranche im DACH-Raum. Schon nach der ersten Veranstaltung habe ich gesehen, wie groß die Nachfrage ist. Daraus ist dann die Idee entstanden, eine Retail-Marke zu etablieren, die Frauen zur Geldanlage animiert. So kam es, dass ich nach einer kurzen Auszeit Mitte 2017 herMoney gegründet habe.

Mit herMoney motivieren Sie Frauen dazu, Ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Wie gehen Sie das an?
Mit herMoney haben wir Deutschlands größte Frauen-Finanz-Seite geschaffen. So finden Frauen ihren Weg zu uns und landen dort in einem Kosmos, in dem sich auch Anfängerinnen wohlfühlen. Sie können sich einlesen, an Webinaren teilnehmen, meinen Podcast anhören oder Teil der herMoney-Academy werden. Auf diese Weise können wir Anlegerinnen auf vielen Wegen abholen. Wir geben den Frauen Informationen auf den Weg, mit denen sie selbst Entscheiderin werden können, oder sich Beratung oder Coachings holen können - es gibt schließlich nicht nur einen Weg zum Ziel.

Mit den Fondsfrauen kämpfen Sie unter anderem für mehr Frauen in der Finanzbranche. Wie wollen Sie das erreichen?
Mit den Fondsfrauen können sich Frauen aus jedem Bereich der Branche und aus jeder Hierarchie kennenlernen und sich gegenseitig bei neuen Karriereschritten unterstützen. Dieser Pool an verschiedensten Frauen, Karrieren und Lebenssituationen macht den Austausch unfassbar wertvoll. Wir sind mit den Fondsfrauen sehr nachhaltig und breit aufgestellt und helfen ihnen bei ihren Karriereschritten. Derzeit haben wir etwa 2.800 aktive Mitglieder. Wir veranstalten zahlreiche Events, auf denen sich die Frauen treffen und bieten eine Plattform, wo sie sich austauschen und Geschäfte machen können. Außerdem haben wir das Mentoring-Programm gestartet und auch für Finanzberaterinnen und Young Professionals gibt es eigene Angebote. In der Corona-Pandemie haben vor allem bei den unterstützenden Unternehmen einen großen Zulauf verzeichnet, da die Bedeutung von Diversity in den Firmen immer mehr zunimmt.

Wie meinen Sie das?
Wir kämpfen dafür, dass auch Frauen Chancen bekommen, die eine andere Persönlichkeit haben als ich. Damals kamen nur Frauen in Führungspositionen, die sich dem Machtkampf völlig Genderblind gestellt haben. Ich habe auf meinem Weg viele Frauen gesehen, die einen sehr hohen Intellekt hatten und als Führungskräfte geeignet gewesen wären. Sie wollten sich diesen Verhaltensmustern aber nicht beugen und waren vielleicht einfach nicht so laut. Sie sind dann gegangen und haben teilweise keine große Karriere mehr gemacht. Das war sehr schade und das muss sich in der heutigen Zeit ändern.

Wenn Sie vor einer schwierigen Entscheidung stehen - sei es beruflich wie auch privat - wie gehen Sie diese Herausforderung an?
Vorab muss ich sagen, dass ich der Meinung bin, dass man die Antwort meist schon in sich trägt. Ich vertraue sehr stark auf meine inneren Fähigkeiten und treffe Entscheidungen deshalb gerne aus dem Bauch heraus. Ich entscheide nicht impulsiv, sondern ich wäge die Dinge ab und mache mir Gedanken darüber - und wenn ich gerade keine Lösung finde, mit der ich mit gut fühle, entscheide ich vorerst gar nichts. Diese Zeit nehme ich mir. Ich tausche mich dann gerne aus, sei es mit Freundinnen oder Kolleginnen und Kollegen und dann finde ich die Antwort. Insgesamt würde ich sagen, dass ich in meinem Leben mehr richtige als falsche Entscheidungen getroffen habe.

Sie sind beruflich sehr eingespannt. Wo finden Sie einen Ausgleich dazu?
Ich empfinde meine Arbeit als sehr bereichernd, aber manchmal muss man auch den Kopf ein wenig abschalten - auch wenn das gar nicht so einfach ist. Ich wohne auf dem Land und gehe sehr gerne laufen. Dabei höre ich Podcasts, die meine Gedanken in eine andere Richtung lenken. Thematisch bin ich in den verschiedensten Bereichen unterwegs, zum Beispiel höre ich gern den OMR-Podcast, den Podcast von Barbara Schöneberger oder auch den täglichen Handelsblatt-Podcast. Außerdem spiele ich Golf und mache Yoga. Ich bin zwar kein Sportfreak, aber ich lege großen Wert auf Bewegung und einen Ausgleich zum vielen Sitzen.

Wenn Sie einen Blick auf Ihr bisheriges Leben werfen: Was sind Ihre größten Meilensteine?
Für mich persönlich sind das natürlich meine Kinder. Aber ansonsten würde ich im Privaten ganz einfach zusammenfassen: Ich habe geliebt, gelebt und gelacht. Beruflich finde ich meine ganze Karriere toll, das gilt für die Menschen, die ich getroffen habe, wie auch für die Chefs und Chefinnen, die ich in all den Jahren hatte. Es macht mich auch sehr stolz, wie weit wir Morningstar gebracht haben. Wir sind als letzte im Bereich Rating auf den Markt gekommen und ich war in Deutschland ganz allein mit meinem Team. Heute steht Morningstar ganz oben und das geht natürlich auf die Arbeit zurück, die mein Team und ich ganz am Anfang geleistet haben.

Welche Ziele wollen Sie noch erreichen?
Beruflich will ich die Fondsfrauen und herMoney weiter voranbringen. HerMoney soll die vertrauensvolle Adresse zum Thema Geldanlage und Finanzen für Frauen werden. Ansonsten bin ich als Stellvertretende Vorsitzende der FDP im Ortsverband Erding auch politisch sehr aktiv. Die Ideen gehen mir sicher nicht aus. Kürzlich hat mich jemand gefragt, wann ich eigentlich in Rente gehen will. Da habe ich mich gefragt, was das soll. Rente ist doch etwas für alte Leute!

Gibt es Personen, die Sie besonders inspirieren?
Beruflich waren das natürlich meine Chefs und Chefinnen, mit denen ich bis heute in gutem Kontakt stehe. Ansonsten inspirieren mich bekannte Frauen wie Angela Merkel, Hillary Clinton, Michelle Obama oder auch Madonna. Es war mir lange nicht klar, dass man unbewusst nach solchen Vorbildern sucht, bis mir diese Frage öfters gestellt wurde. Dann habe ich überlegt, welche Biografien ich gelesen habe und wer mich besonders fasziniert hat.

Zum Abschluss: Welchen Titel würden Sie einem Buch oder Film über Ihr Leben geben?
Da ich jemand bin, der immer in die Welt gegangen ist und losgelegt hat, würde ich sagen: "Einfach mal machen". Viele Dinge, die ich machen wollte, habe ich einfach gemacht. Das war manchmal besser und manchmal weniger gut, aber grundsätzlich ist es immer gutgegangen.

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