Die deutschen Autobauer Volkswagen und Mercedes-Benz haben sich vor dem Hintergrund von Kriegs- und Konjunkturrisiken, Preisteuerung und anhaltenden Lieferengpässen mit teilweise konträren Statements zu Wort gemeldet. Sowohl VW-Chef Herbert Diess als auch Mercedes-Chef Ola Källenius registrieren jedoch nach wie vor keine Anzeichen von Marktschwäche in dieser deutschen Schlüsselindustrie.

"Wir sehen überhaupt kein Zeichen, dass die starke Nachfrage nach Süden geht", sagte Mercedes-Chef Källenius der Nachrichtenagentur Reuters. Mit dem Chipmangel werde sich die Autobranche allerdings noch eine Weile herumschlagen müssen. VW wiederum zeigte sich angesichts des hohen Auftragsbestands optimistisch für das zweite Halbjahr, weil man gleichzeitig mit nachlassenden Materialengpässen rechne. Bei einem branchenweit knappen Angebot sei die Nachfrage insbesondere nach gut ausgestatteten Fahrzeugen weiter hoch, sagte Finanzchef Arno Antlitz. Mit steigenden Zinsen und einer möglichen Konjunkturabkühlung werde der Wettbewerb allerdings deutlich zunehmen. "Rohstoffpreise werden unsere Produktion verteuern, Preiserhöhungen werden nicht ohne Weiteres durchsetzbar sein." VW müsse daher den Fokus wieder stärker auf Kostensenkungen legen, so Antlitz.

Aktien verlieren deutlich


Den Aktienkursen halfen die zuversichtlichen Statements allerdings nicht. Sowohl Mercedes als auch Volkswagen verloren innerhalb einer Woche jeweils rund zehn Prozent. Die Analysten von Bernstein Research sehen inzwischen eine Rezession in den Titeln schon eingepreist, sodass auch in einer Phase konjunkturellen Abschwungs mit positiven Überraschungen gerechnet werden könne.

VW-Chef Diess war auf einer Betriebsversammlung am Dienstag besonders selbstbewusst. Die Probleme des Elektroautobauers Tesla beim Hochfahren seiner Werke in Grünheide bei Berlin und Texas wolle man nutzen, um den Abstand zum Erzrivalen in der E-Mobiltät zu verringern: "2025 wollen wir in Führung gehen." Zuvor hatte Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo davor gewarnt, die Rezessionssignale zu unterschätzen. VW laufe Gefahr, mit Hunderttausenden Be- stellungen im Rücken "voll gegen die Wand zu fahren". Diess reagierte kämpferisch. "Wir verdienen so viel wie nie - trotz Halbleitermangel und stockender Lieferketten." Außerdem verkündete er eine konzerninterne Einigung bei der Software-Tochter Cariad, die kommende Woche dem Aufsichtsrat präsentiert werden soll. Mit Cariad will VW den Wandel zum Software-gestützten Autokonzern vorantreiben.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zeigte sich gegenüber €uro am Sonntag skeptisch, dass sich Material- und Chipversorgung der Autobauer bereits in diesem Jahr normalisieren könnten. Frühestens Mitte 2023 sei mit einer Entspannung zu rechnen: "2022 wird das schlechteste Autojahr seit zehn Jahren." Zwar sei die Nachfrage derzeit noch hoch, aber wegen des Materialmangels sei die Produktion stark eingeschränkt. Im nächsten Jahr werde sich die Situation komplett um 180 Grad drehen und die Nachfrage als Folge zunehmender Unsicherheiten, Inflation und steigender Zinsen weltweit zurückgehen. "Das betrifft insbesondere auch den wichtigen chinesischen Markt." Die Autoindustrie werde sich anpassen müssen. "Die alte Welt wird zurückkommen, es wird Rabatte geben, die Margen werden dünner."

Kritisch sieht Dudenhöffer die Strategie von Mercedes, sich auf das Premium-Segment festzulegen. "Sich nur noch auf hochpreisige Modelle zu fokussieren, wird im zukünftigen Umfeld nicht funktionieren. Mercedes fährt eine riskante Strategie und beraubt sich mit dem Verzicht auf Volumenmodelle seiner Kostenvorteile. Der Volkswagen-Konzern mit seiner breiten Produktbasis ist da deutlich besser aufgestellt."