An der im Volksmund als "Goldküste" bekannten Seite des Zürichsees, in einer hergerichteten alten Wäscherei domiziliert die Bellevue Group. Der hohe Schornstein erinnert noch an die ursprüngliche Verwendung des Gebäudes, ansonsten ist es ein hypermoderner Arbeitsort für die eingeschworene Truppe um André Rüegg.

Gegründet 1993 mit dem Schwerpunkt Brokerage und Corporate Finance, hat Rüegg die Schweizer Finanzboutique seit der Übernahme der Verantwortung für die gesamte Gruppe zum 1. Januar 2016 komplett umgebaut und neu positioniert. Das an der Zürcher Börse im SPI notierte Unternehmen konzentriert sich heute ausschließlich auf die Geschäftsfelder Asset-Management und Vermögensverwaltung. Die Handelsaktivitäten wurden 2017 endgültig eingestellt.

Rüegg, der die Bellevue-Gruppe seit 2016 leitet, hat diesen Wandel vorgedacht und umgesetzt. Mit dem Erwerb der StarCapital und der Mars Asset Management hat er seit 2016 erste Schritte unternommen, um einerseits im deutschen Markt präsenter zu sein, anderseits das Verwaltungsvolumen zu vergrößern, damit in einem hart regulierten Umfeld die notwendige Größe erreicht wird, um als unabhängiges Unternehmen auch künftig zu bestehen.

Die Bellevue Group steht für aktive Aktienanlagestrategien. Sie ist insbesondere für ihre Expertise im Bereich Gesundheit bekannt. Ein Gespräch über Chancen und Herausforderungen für einen kleinen Spezialisten.

€uro am Sonntag: Herr Rüegg, Sie haben 2016 eine radikale Neuausrichtung der Bellevue-Gruppe vorgenommen, sich vom Brokergeschäft getrennt und sich stattdessen aufs Asset-Management fokussiert. In Deutschland haben Sie StarCapital gekauft und 2018 Mars Asset Management erworben und für qualifizierte Investoren haben Sie mit dem BB Pureos Bioventures ein Vehikel für nicht gelistete Beteiligungen im Biotechsektor aufgelegt. Halten wir nach gut zwei Jahren des neuen Kurses mal kurz inne: Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
André Rüegg:
Sehr gut. Wir sehen, dass die Entscheidung "weg vom Transaktionsgeschäft und hin zu wiederkehrenden Erträgen aus der Vermögensverwaltung und im Asset-Management" richtig war. Außerdem ist es uns gelungen, das Anlageuniversum breiter zu gestalten, dies in Bezug auf die thematische Ausrichtung, die Assetklassen und den Anlagestil. StarCapital verfügt über eine starke Mannschaft und tolle Produkte. Den Erwerb der Mars Asset Management GmbH, die die Produktpalette von StarCapital optimal ergänzt, haben wir mit der Bafin-Genehmigung zum Ende des ersten Halbjahres 2018 abgeschlossen. Als spezialisierter Asset-Manager sind wir im DACH-Raum damit nun sehr gut aufgestellt.

Produkte sind das eine, Menschen das andere. StarCapital-Gründer Peter Huber wird sich bis Ende des Jahres zurückziehen, wie werden Sie diese Lücke füllen?
Es war ja von Anfang an klar, dass sich Peter Huber peu à peu zurückziehen würde. Unsere Aufgabe war es, den Übergang von einer patronalen Führung zu einer Leitung durch ein Managementteam zu begleiten. Mit Manfred Schlumberger haben wir einen renommierten Kapitalmarktexperten gewonnen, der seit Jahresbeginn 2018 immer mehr Aufgaben von Peter Huber übernommen hat und das Gesicht von StarCapital im Markt wird.

Aber solche Prozesse werden nicht von allen Kunden mit Beifall bedacht ...
Der Markt ist eigentlich sehr entspannt mit dem Übergabethema umgegangen. Aber es ist natürlich schon so, dass Kunden, die sich bei der Selektion nicht auf das Produkt und seine Anlagephilosophie, sondern auf die Person des Fondsmanagers fokussieren, Geld abgezogen haben.

Können Sie ein Beispiel nennen? Handelt es sich um signifikante Abflüsse?
Nun, von Eckart Sauren ist ja allgemein bekannt, dass er für seine Dachfonds bewusst eine Fondsmanagerauswahl betreibt. Er gehört zu denen, die Mittel zurückgezogen haben. Grundsätzlich haben wir im Zuge des Übergangs mit einem Rückzug von Kundengeld in Höhe von zehn bis 20 Prozent gerechnet. Und damit werden wir auch gut hinkommen.

Und wen kaufen Sie als Nächstes?
Man soll niemals nie sagen, aber wir sind jetzt gut aufgestellt und können den Kunden aus Deutschland in vier Säulen jeweils attraktive Produkte anbieten: Wir sind sowohl in Renten als auch in Aktien stark, wir bieten aktiv gemanagte Vermögensverwaltungsstrategien an und intelligente regelbasierte Multi-Asset-Portfolios. Mit dem Expertenwissen von Mars können wir in diesen Klassen nun jeweils auch individualisierte Speziallösungen für von Kunden definierte Risikobudgets zur Verfügung stellen. "Grow with the product" ist unsere Devise.

Das haben Sie in der Schweiz schon einige Mal sehr erfolgreich hinbekommen. Was gibt es denn dort Neues?
Von dort bearbeiten wir auch in Zukunft für die Gruppe insbesondere die Querschnittsthemen und kümmern uns um thematische Produktinnovationen.

Das ist sehr allgemein …
Sehen Sie, wir haben mit der BB Biotech vor 25 Jahren sehr frühzeitig einen Trend aufgenommen und dafür ein Produkt angeboten. Anleger, die uns bei der Überlegung - biotechnologisch fundierte Therapien werden bei vielen Krankheiten einen Behandlungsdurchbruch bringen, denken Sie nur an Hepatitis C - gefolgt sind, konnten eine überragende Rendite erzielen. So ein Trend zeichnet sich heute mit Digital Health ab. Dafür haben wir Ende April 2018 ein neues Produkt aufgelegt. Gleichzeitig haben wir die Healthcare-Strategien um ein Querschnittsthema ergänzt. Und natürlich den von Ihnen schon erwähnten BB Pureos Bioventures.

Was verbirgt sich dahinter genau?
BB Pureos Bioventures ist eine Risikokapitalgesellschaft für qualifizierte Anleger, die sich zum Ziel gesetzt hat, in private innovative Unternehmen für Arzneimittelentwicklung zu investieren, die ihren Sitz vornehmlich in der Schweiz, der Europäischen Union, Großbritannien und den USA haben - unter besonderer Berücksichtigung von Unternehmen, die biologische Arzneimittel und Arzneimittelformate der nächsten Generation entwickeln. Die Anlagestrategie wird von der Erfahrung des Managementteams und seinem Expertenbeirat bestimmt, die gemeinsam auf eine langjährige Investitionsgeschichte im Bereich privater Gesundheitsunternehmen zurückblicken.

Kommen wir zum "Querschnittsthema" zurück. Was ist damit gemeint?
Schauen Sie, auf EU-Ebene sind Bestrebungen im Gange, sogenannte ESG-Kriterien im Asset-Management stärker zu verankern. Wer in Zukunft als institutioneller Investor ESG-Kriterien - also Environment, Social, Governance - in seinen Anlagerichtlinien festschreibt, muss natürlich sicher sein, dass in den Fonds, die er kauft, nur solche Titel enthalten sind, die diese Kriterien erfüllen. Wenn wir also thematisch "Healthcare" besetzen, werden wir davon auch die Variante "Healthcare ESG" anbieten. Das meinen wir mit Querschnittsthema.

Die Regulierung - in der EU zuletzt durch Mifid II - wird für Finanzdienstleister immer anspruchsvoller. Fühlen Sie sich behindert?
Ja, vieles Regulatorische halte ich heute für eine übertriebene Reaktion. Erinnern wir uns, worum es ging: Nach der Finanzkrise 2008 wollte man, dass sich Exzesse, Missbrauch und Betrug nicht wiederholen. Das ist wünschenswert, aber schlicht nicht möglich; denn wer kriminell ist, findet immer einen Weg. Die Aufsicht wird da immer hinterherhinken. Zum anderen wollte man den Anlegerschutz verbessern: Der Kunde soll wissen, was er bekommt und was er bezahlt. Das ist in Ordnung. Heute soll der Berater noch die Risikotragfähigkeit der Kunden beurteilen und haften. Schauen Sie, was passiert ist. Niemand bietet mehr Anlageberatung an - es lohnt sich nicht.

Kommt es zu einer weiteren Konsolidierung?
Auf jeden Fall. Der Apparat ist schwer geworden. Die Kleinen sterben, und damit stirbt die Vielfalt. Und was viel schlimmer ist - damit stirbt auch der Performance-Gedanke!

Das müssen Sie näher erklären.
Ganz einfach: Der Regulator rückt Dinge wie Sicherheit, Kostentransparenz und Dokumentation in den Vordergrund. Das begünstigt die großen Anbieter, die genau diese Themen auch in ihren Broschüren in den Mittelpunkt stellen. Die kleinen hatten bislang als einzigen wichtigen Wettbewerbsparameter die Performance. Wenn diese nun aufgrund der regulatorischen Lawine untergehen, geht mit ihnen auch der Performance-Gedanke unter. Und das ist traurig für die Investmentkultur.

Haben Sie sich auch aus regulatorischen Gründen vom Brokerage verabschiedet?
Ja, wir waren einfach nicht groß genug, um am Markt zu bestehen, wenn regulatorisch einzig der Transaktionspreis als Wettbewerbsparameter zugelassen wird. Da macht es dann die Menge und nur die Menge. Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt auf die absolute Schmerzschwelle runtergeht. Am Ende läuft das auf ein Monopol heraus.

Und wie verhält es sich mit dem Research?
Das war ja genau der Bereich, in dem Sie für den Kunden Mehrwert generiert haben. Die Kombination war für den Kunden genauso interessant wie für den Anbieter. Für Research allein zahlen die Kunden aber nichts. Das hat auch mit dem Internet zu tun. Die Leute haben das Gefühl, Information sei frei verfügbar - Content kostet nichts.

Zu jeder Entwicklung gibt es eine Gegenentwicklung: Wann wird wieder dereguliert?
Ich bin da nicht so optimistisch. Für Einzelstaaten stimmt das sicherlich, aber supranationale Organisationen wie die EU führen ein Eigenleben. Sie haben kein Interesse an der Deregulierung, und am Ende wird die Bafin von der ESMA erdrückt.

Wenn die zunehmende Regulierung weiter für Konsolidierungsdruck sorgt, werden Sie weiter akquirieren?
Wir wollen unser Volumen auch in der Schweiz vergrößern. Aber ich denke da nicht unbedingt an den Erwerb einer kleineren Bank oder eines Vermögensverwalters, sondern eher an ein Team. Wir suchen keine Synergien, sondern Verstärkung.

Wir haben eben über supranationale Organisationen gesprochen. Würde ein Beitritt der Schweiz zur EU Ihnen nicht das Geschäft erleichtern?
Ein EU-Beitritt wird absehbar keine Mehrheit in der Schweiz finden. Gleichwohl macht es Sinn, gemeinsame Probleme gemeinsam zu lösen. Das können wir aber auch über bilaterale Verträge regeln.

Hat die EU angesichts des anstehenden Brexits von ihrer Strahlkraft verloren?
Ja, sicherlich. Es geht bei diesem Austritt ja im Wesentlichen um Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung. Das sehen wir in anderen Ländern auch: Sie haben die Nase voll, sich von Brüssel bestimmen zu lassen. Das macht die Austrittsverhandlungen so schwierig. Die EU muss signalisieren, dass sich der Austritt nicht lohnt - selbst wenn sie deshalb zum Beispiel im Bereich des Handels auf Regelungen zurückfällt, die für sie selbst ungünstig sind. Im Bereich der Kapitalmärkte sehe ich mit Sorge, dass es nach dem Ausscheiden der Briten mit Ausnahme von Skandinavien kein echtes Risikokapital mehr gibt.

Ein großes Schlagwort in diesen Tagen ist die Digitalisierung. Wie sind Sie aufgestellt, was erwarten Sie, wie wird sich Ihr Geschäft ändern?
Ich glaube, dass die Digitalisierung die Finanzindustrie stark verändern wird, aber für uns als auf Asset-Management spezialisiertes Haus keine so große Rolle spielt. Die Digitalisierung wird insbesondere die Prozesse in der Kommunikation mit dem Verbraucher verändern. Für das Massengeschäft ist das eine Riesenherausforderung. Wir haben es da leichter, weil wir uns um die Produkte kümmern. Dinge wie künstliche Intelligenz behalten wir im Auge, aber sie werden unsere Arbeitsweise nicht schlagartig verändern.

Vita:
"We eat our own cookies"
Nach der Studienzeit in Zürich und New York heuerte André Rüegg (50) zunächst bei Arthur Andersen an. Von dort wechselte er 1995 zur Julius-Bär-Gruppe, wo er 2009 als Mitglied der Geschäftsleitung Asset Management ausschied. Seitdem ist er bei der Bellevue Group, die er seit 2016 als CEO leitet und an der er persönlich beteiligt ist. Nach dem Motto "We eat our own cookies" verlangt Rüegg von seinen Leuten, dass sie einen Teil ihres Gehalts in die eigenen Produkte investieren. In der Odermatt-Liste wurde er 2018 bei den Finanzunternehmen CEO des Jahres.