Während Schäuble auf die Einhaltung von Reform-Zusagen dringt, will Griechenland den Gläubigern bis zum Sommer einen Kurswechsel abringen. Regierungschef Alexis Tsipras sagte, die Griechen könnten sicher sein, dass die bisherige Politik ende. Immer deutlicher werden die akuten Geldnöte des Landes. Die EZB strich den hellenischen Banken außerdem Sonderkonditionen für die Geldversorgung, genehmigte aber Nothilfen. An den Börsen kehrte die Furcht vor einer Eskalation der Krise zurück.

Beide Finanzminister räumten nach ihrem Treffen ein, dass sie von einem gemeinsamen Nenner weit entfernt sind. "Es ist unsere Pflicht, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen - die haben wir nicht", sagte Schäuble. Man sei sich lediglich einig, sich nicht einig zu sein. Mit Bürgschaften über gut 53 Milliarden Euro der insgesamt 240 Milliarden Euro an Hilfskrediten ist Deutschland größter Gläubiger Griechenlands.

Schäuble bekundete wiederholt Verständnis für das harte Los der Griechen, die "den schwersten Weg" in der Krise gehen müssten. Zudem unterstrich er: "Griechenland gehört zum Euro." Er machte aber auch klar: "Unverzichtbar sind Reformen." Ziel müsse eine wettbewerbsfähige Wirtschaft sein, so Schäuble, der sich eine Dreiviertelstunde mehr Zeit für Varoufakis nahm als eigentlich geplant. Vordringlich sei, wie Griechenland wieder Zugang zum Kapitalmarkt bekommen könne. Ein von der Regierung in Athen zeitweise geforderter Schuldenschnitt sei kein Thema gewesen.

Nach dem Regierungswechsel in Athen hatte die von Links- und Rechtspopulisten getragene Regierung bisherige Reformen gekippt und die Kooperation mit der Kontroll-"Troika" beendet. Tsipras sagte, jeder im Land wisse, dass die Regierung ihre Versprechen halte. Es sei gelungen, binnen einer Woche die politische Agenda in Europa zu verändern. Er erwarte Vorschläge aus Europa, habe aber von Deutschland noch nichts konkretes gehört.

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TSIPRAS VERSPRICHT GRIECHEN: BANKKONTEN SIND SICHER

Das Zeitfenster für eine Übereinkunft mit den Gläubigern schließt sich allmählich, denn das zweite Hilfsprogramm läuft Ende des Monats aus. Ohne eine Anschlussvereinbarung droht die Staatspleite. "Was wir erwarten in diesem Stadium, und das ist vielleicht das kostbarste im Moment, ist ein klein wenig Zeit", sagte Varoufakis. Die Gläubiger müssten der Regierung erlauben, Vorschläge auszuarbeiten und auf den Tisch zu legen. Sie werde alles in ihrer Kraft stehende tun, um eine Pleite zu vermeiden. Tsipras ergänzte, die Regierung garantiere für die Bank-Einlagen der Bürger. Schäuble ging auf das Brückenprogramm nicht ein.

Eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung akuter Geldnöte hat die Europäische Zentralbank (EZB), die die Banken mit Liquidität versorgt. Bisher konnten griechische Geldinstitute auch Staatspapiere mit Ramschbonität als Pfand bei der EZB hinterlegen. Dies soll nun nicht mehr möglich sein. Ihre Entscheidung begründete die Notenbank damit, dass nicht mehr mit einem erfolgreichen Abschluss des Reformprogramms zu rechnen sei. Insidern zufolge räumte die EZB allerdings der Notenbank in Athen einen Spielraum von 60 Milliarden Euro für Not-Liquiditätshilfen (ELA) an griechische Geldhäuser ein.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann forderte auch bei den ELA-Hilfen "strenge Maßstäbe". ELA-Geld solle nur kurzfristig und an solvente Banken vergeben werden, sagte er der "Börsen-Zeitung": EZB-Chefvolkswirt Peter Praet sagte der Zeitung "Les Echos", die Bedingungen für den Zugang zu Liquidität der EZB seien klar. "Wenn die Bedingungen nicht mehr erfüllt sind, muss die EZB daraus Konsequenzen ziehen." Drei der vier griechischen Großbanken hatten wegen der Geldabflüsse nach dem Wahlsieg der linken Syriza-Partei von Tsipras bereits ELA-Hilfen angenommen.

Der Warnschuss der EZB versetze überall in Europa die Börsen in Unruhe. Der Athener Leitindex brach zeitweise um mehr als neun Prozent ein. Der griechische Bankenindex fiel zum zweiten Mal binnen acht Tagen um mehr als 20 Prozent. Der Ausverkauf griechischer Staatsanleihen trieb die Rendite der dreijährigen Titel um fast zwei Punkte auf 18,26 Prozent in die Höhe. Eine Rückkehr an den freien Kapitalmarkt bleibt dem Land angesichts so hoher Zinsen damit praktisch versperrt.

In Sog der Athener Börse gaben auch die Leitindizes in Italien und Spanien um jeweils etwa 0,7 Prozent nach. Der EuroStoxx50 büßte 0,4 Prozent ein und der Dax notierte 0,2 Prozent schwächer bei 10.893 Punkten.

Reuters