BOERSE-ONLINE.de: 2019 litten die Börsen weltweit unter politischen wie auch wirtschaftlichen Unsicherheiten wie etwa dem Brexit oder dem US-Handelsstreit mit China. Welche Unsicherheiten stehen 2020 besonders im Fokus?
Robert Halver: Zwar hängt der Handelskrieg den Anleger zum Hals heraus, doch er bleibt auch im kommenden Jahr ein Evergreen.
Auch der Brexit beschäftigt die Aktienmärkte weiter, allerdings mit einem weniger hohen Stresswert als noch in diesem Jahr. Kommt es am 31. Januar zu dem von Boris Johnson und der EU ausgehandelten Brexit, sind die Scheidungspapiere zwar eingereicht. Die Verhandlungen über die zukünftigen (Handels-)Beziehungen stehen aber erst am Anfang und werden sicher nicht bis zum Ende der Übergangsfrist gemäß 31. Dezember 2020 abgeschlossen sein.
Und dann ist da noch die US-Präsidentschaftswahl. Bislang sieht es angesichts des unscharfen, teilweise unprofessionellen Profils der Demokraten - Biden, Sander, Warren, Bloomberg - eher nach einer demokratischen Selbst-Demontage aus. Die Finanzmärkte rechnen insgesamt mit einer Wiederwahl Trumps.

Ist eine Entspannung bei den aktuellen Dauerbrennern Brexit und Handelsstreit in Sicht?
Da der Brexit mindestens mit einem Deal, also ohne schmutzige Scheidung enden wird, ist die Kuh erst einmal vom Eis. Sicher dauern die anschließenden Handelsgespräche lange und sie sind zäh und bergen zwischenzeitliche Unsicherheiten. Doch immerhin bleibt der befürchtete Wirtschaftsschock aus.
China will eine Übereinkunft im Handelsstreit zur Stimmungsstützung der arg in Mitleidenschaft gezogenen Exportindustrie. Da sollte man sich von der asiatischen Gesichtswahrungsfassade nicht täuschen lassen. Umgekehrt will der im Impeachment-Verfahren steckende Trump seinen Wählern "seinen" Etappen-Sieg im Handelskonflikt präsentieren. Aber da es ein zweites Teil-Abkommen nicht vor der US-Präsidentschaftswahl geben wird - auch weil Trump dieses Thema im Wahlkampf grundsätzlich weiter nutzen will - sind Kursschwankungen wahrscheinlich. So lange im Handelskrieg allerdings geredet wird, wird nicht geschossen im Sinne weiterer Zollanhebungen. Diese stabile Seitenlage gibt der Weltkonjunktur immerhin etwas Sicherheit nach dem Motto "Schlimmer geht’s nimmer". Die Rezessionsängste gehen zurück. Tatsächlich, trotz noch ausbleibender Handelslösungen hat das Rezessionsthema weltweit an Bedeutung verloren. Nach dem Hochpunkt Mitte August hat die Suchhäufigkeit des Begriffs "Recession" auf Google dramatisch nachgelassen.

Aus heutiger Sicht: Welche Themen dürften die Börsen 2020 sonst noch beschäftigen?
Das Niedrigzinsumfeld sorgt auch 2020 und weit darüber hinaus für Anlagenotstand. Vor diesem Hintergrund hilft Dividenden-Lust gegen Zins-Frust. Dividendenrenditen von vier Prozent sind keine Seltenheit. Das ermöglicht bei Wiederanlage einen alternativen Zinseszinseffekt, den Dividendendividendeneffekt.
Ökonomie mit Ökologie versöhnen, nicht weiter spalten
Beim Klimaschutz müssen die Menschen mitgenommen werden. Sie müssen von ihm profitieren. Und wenn Europa und vor allem Deutschland schon die Rolle des Klimamusterknaben der Welt spielen, warum dann nicht auch konsequent in der wirtschaftlichen Umsetzung sein. Angesichts zunehmender Umweltverschmutzung und steigendem Ausstoß klimaschädlicher Gase ist Klimaschutz ein Jahrhundert-Geschäftsmodell. Überhaupt ist Klimatechnik Made in Germany in vielen Bereichen Weltklasse. Und ebenso gibt es in anderen EU-Ländern vielversprechende Ansätze.
Wie im Gleichnis aus dem Evangelium nach Matthäus darf Europa jetzt seine Talente nicht vergraben oder zum Beispiel den Status der führenden deutschen Solarindustrie an China verschenken. Apropos China, es setzt alles daran, unseren Vorsprung auf- und dann zu überholen. Das Land hat knapp dreimal so viele Einwohner wie die EU und damit auch dreimal so viele Arbeitskräfte und Talente, die alle hungrig auf den Wohlstand sind, den wir für gottgegeben halten. Wenn sie können, werden sie Europa umwelttechnisch ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.
Also ran an die Buletten oder den Tofu. Der "Big Green Deal" der EU wird zwar teuer. Deutschland wird ganz tief in die Tasche greifen müssen. Aber das mussten wir beim Wiederaufbau auch. Von nichts kommt eben nichts. Zur Zielerreichung wird nicht zuletzt die EZB als Big Spender eingespannt. Mit mehr als 20 Milliarden Euro monatlich kauft sie mehr als doppelt so viele Staatspapiere auf, als dass neue ausgegeben werden. Da bleibt genügend Kaufkraft für Öko-Anleihen übrig.
Im Übrigen, für Green Technology sollte Deutschland seine schwarze Null aufgeben. Immerhin geht es um alternative Wohlstands- und Beschäftigungssicherung. Wenn China für dieses Megathema neue Schulden macht - für die es im Vergleich zu Deutschland Zinsen zahlen muss - darf Berlin nicht am falschen Ende sparen, für das es früher oder später mit Wirtschaftseinbußen auch noch draufzahlt.
Sinnvoll wäre in diesem Zusammenhang ein europäischer Staatsfonds. Einstweilen sollte Deutschland zügig mit der Auflage eines nationalen Sondervermögens vorangehen, das sich dem Thema Umwelttechnik mit Inbrunst widmet. Wenn dann auch noch die krankhaft langen Planungs- und Genehmigungsverfahren nicht nur verkürzt, sondern kastriert werden, wäre das fabelhaft.
Dieser Staatsfonds sollte neben privaten Kapitalsammelbecken unbedingt auch für Anleger über regelmäßig steuerlich begünstigte Ansparbeiträge geöffnet werden. So entkämen sie der Zinsfalle, die ihnen todsichere Altersarmut einbringt.
Niemand hat die Absicht, die GroKo zu verlassen
Deutschland hat seine liebe politische Not. Zunächst fehlt es vielen Amtsträgern der GroKo an Begeisterungsfähigkeit. So mancher Politiker hat in der Tat das Charisma eines Atlantik-Tiefs. Daneben zeigt das Motto des früheren SPD-Vorsitzenden Willy Brandt "Erst das Land, dann die Partei" bei seinen Jüngern keine Wirkung mehr. Wie in einer Selbsthilfegruppe sinnieren die Sozialdemokraten, ob man die Groko verlassen sollte oder nicht. Während die einen sie für so attraktiv wie Fußpilz halten, wollen die Mandatsträger an ihr festhalten. Sie wissen, dass Opposition Mist ist. Selbst Kevin Kühnert warnt jetzt vor dem schnellen Verlassen der GroKo. Das nenne ich politische "Flexibilität": Vom GroKo-Bezwinger zum -Bewahrer.
Oder könnte es sein, dass vielen Genossen bei einer Neuwahl die Äste abgesägt werden, auf denen sie heute noch mit ordentlichen Diäten und Pensionsansprüchen sitzen? Überraschenderweise ist sich auch in der Politik jeder selbst der Nächste. Und auch die Union hat etwas gegen eine Neuwahl. Aktuell könnte sie unter 30 Prozent und in Reichweite der Grünen fallen, deren Zuwächse auch Fleisch vom Fleische der CDU sind.
Damit beide Partner gesichtswahrend an der Koalition festhalten können, wird man der SPD noch mehr fürsorgenden Staat gewähren. Umgekehrt wird die Union ein paar wirtschaftsfreundliche Brocken verlangen, aber bloß nicht zu viel, schließlich will man spätestens bei der Neuwahl 2021 nicht als k-CDU, als kalt-Christliche Demokratische Union antreten. Hat man in Berlin etwa vergessen, dass man nur dann umverteilen kann, wenn es etwas zum umverteilen gibt?
Trotz aller Querelen wird die GroKo immerhin halten, allerdings weiter nur verwalten, wenig gestalten, moderieren statt regieren.
US-Präsidentschaftswahljahre sind überdurchschnittlich gute Aktienjahre.
Das schwächelnde Wachstum der chinesischen Wirtschaft bremst die Weltwirtschaft und hemmt damit auch die Aussichten für Deutschland. Wie groß wird der Einfluss dieser Entwicklung im nächsten Jahr sein?
Von einer Welt-Rezession ist nicht auszugehen, wenn ein "Phase-Ein"-Deal im Handelskrieg zwischen den USA und China wie Doping die angeschlagene Wirtschaftsstimmung aufhellt. Das wird auch China helfen, gemeinsam mit fiskal- und geldpolitischen Konjunkturmaßnahmen, die heimische Wirtschaft zu stabilisieren.
Damit ist auch wieder für stabilere Perspektiven der deutschen Wirtschaft gesorgt. Allerdings hemmt eine klare Reformpolitik in Deutschland ein ansonsten viel höher mögliches Wirtschaftswachstum.
Mit Christine Lagarde steht die Europäische Zentralbank (EZB) seit November 2019 unter neuer Führung. Ihr Vorgänger Mario Draghi hat im EZB-Rat einigen Gesprächsbedarf zurückgelassen. So sind die Ratsmitglieder im Hinblick auf die erneute Aufnahme des Anleihekaufprogramms und dem Leitzins auf Rekordtief gespaltener Meinung. Einige fordern einen Kurswechsel der EZB. Wo sehen Sie die EZB Ende 2020?
Bei der EZB wird die neue Präsidentin Christine Lagarde mit französischem Charme sicher eine andere Tonart pflegen als Mario Draghi, der schon mal gerne als Bud Spencer auftrat. Doch egal, ob charmant oder herzhaft, angesichts der handelsseitigen und auch hausgemachten Wachstumsschwäche in Europa wird die EZB nicht auf die geldpolitische Bremse treten.
Wird die EZB an ihrem geldpolitischen Lockerungskurs 2020 festhalten?
Die stabilitätsmoralische Wende in der EZB-Zinspolitik bleibt auch unter der neuen Chefin Christine Lagarde aus. Mit Blick auf die prekäre Schuldensituation von Euro-Ländern und die hartnäckige Inflationsschwäche wird die EZB zukünftig keine Bundesbank-ähnliche Stabilitätspolitik mehr verfolgen, auch, um die Konjunkturerholung in der Eurozone nicht zu gefährden. Insofern verhindert die EZB jeglichen Zinsschock über einen bei null Prozent zementierten Leitzins.
Die EZB kauft seit November 2019 zum zweiten Mal Anleihen auf, dieses Mal in Höhe von 20 Milliarden Euro monatlich. Damit ist die gesamte Neuverschuldung der Eurozone massiv überdeckt. Wichtig dabei: Es gibt kein Enddatum für die Aufkäufe. Die EZB wird den Teufel tun und diese Dauerschleife frühzeitig zu beenden. Denn bei erneuter Konjunktureintrübung würde sie dann mit einer dritten Auflage des Anleihekaufprogramms ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzten.
Die Französin Lagarde wird als Mutti der europäischen Geldpolitik in die Annalen der EZB eingehen als "La mère monétaire".
Die lockere Geldpolitik hält die Liquiditätshausse aufrecht.
Das Jahr 2019 stand ganz im Zeichen von Niedrigzins. Mittlerweile sind nicht mehr ausschließlich Banken von Strafzinsen betroffen, sondern auch Privatanleger müssen teils ab dem ersten Cent zahlen. Auch von Krediten mit Negativzinsen ist inzwischen die Rede. Rechnen Sie mit flächendeckender Verbreitung von Negativzinsen für Privatkunden?
Die Idee von Negativzinsen für Erspartes oder sogenannte "Verwahrentgelte" schon ab dem ersten Euro auf Tagesgeldkonten findet bei Banken zunehmenden Anklang. Wenn einer anfängt, ziehen andere nach. Tatsächlich schmerzen die Negativzinsen, die Banken bei Anlagen bei der EZB zahlen müssen massiv. Es tut ihnen so weh, dass Insolvenzen nicht ausgeschlossen sind. Dadurch werden Anleger gezwungen, ihre Kassenbestände alternativ anzulegen, um keine Verluste zu riskieren. Angesichts der alternativ massenhaften "Entreicherung" über Anleihen bleiben da vor allem nur Aktien, gerne auch mit regelmäßigen Sparplänen. Und das am besten auf Aktienindices, um das Einzelwertrisiko zu mildern und am besten regelmäßig, um das Risiko größerer einmaliger Anlagen zu umgehen. Bei monatlichem Ansparen erhält man als Anleger bei steigenden Kursen zwar weniger Aktienanteile, dafür nimmt man jedoch die Kurssteigerungen mit. Und wenn die Kurse zwischenzeitlich fallen, erhält man bei gleichbleibendem Ansparplan mehr Aktienanteile. Bei wieder steigenden Kursen macht sich das kaufmännische Motto "Im Einkauf liegt der Gewinn" positiv bemerkbar.
Die USA befinden sich im längsten Aufschwung ihrer Geschichte. Doch es gibt auch Hemmschuhe, weiß Ulrich Stephan von der Deutschen Bank. Politische Unsicherheiten und Diskussionen über die Regulierung amerikanischer Großindustrien wie beispielsweise Finanzen, Pharma, Energie und Tech im Vorfeld der Präsidentschafts- und Kongresswahlen im November 2020 könnten das Wachstum hemmen. Wie schätzen Sie das Wachstum der USA für das nächste Jahr ein?
Insbesondere aufgrund des robusten Konsums setzt die US-Wirtschaft ihren Wachstumskurs fort. Sie kommt auch 2020 in den Genuss wirtschaftsfreundlich niedriger realer Notenbankzinsen und der Wirkung einer weiter positiv wirkenden Steuerreform, die den amerikanischen Industriestandort stärkt und Auslandsinvestitionen massiv anlockt. Man darf nicht vergessen, dass immer mehr europäische Unternehmen in den USA investieren, auch um dem Handelsstreit Trumps zu entgehen. Überhaupt, als Heimatland der Digitalisierung profitiert Amerika von vergleichsweise stärkeren Wachstumsimpulsen. Sicherlich kann die politische Unsicherheit im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl mit populistischen Regulierungsvorschlägen für amerikanische Großindustrien wie Finanzen, Pharma, Energie und Tech zwar für zwischenzeitliche Irritationen sorgen. "Neo-sozialistische" Kandidaten haben aber in Amerika keine ernstzunehmenden Wahlchancen. "It’s the economy, stupid" wusste schon Bill Clinton. Insofern spricht die wachstumsförderliche, wenn auch mit Schulden einhergehende Wirtschaftspolitik für seine Wiederwahl. Der längste Aufschwung in der US-Geschichte findet auch 2020 mit einem, wenn auch weniger opulenten Wachstum von 1,5 Prozent kein Ende.
Im November des nächsten Jahres wird in den USA wiedergewählt. Inwieweit werden sich der Wahlkampf und die Wahl voraussichtlich auf die Börsen auswirken?
Wahljahre sind überdurchschnittlich gute Aktienjahre. Das liegt zunächst daran, dass der Amtsinhaber zum Zwecke seiner Wiederwahl gerne Füllhornpolitik betreibt. Demokratische Wahlthemen in puncto Regulierung der Wirtschaft können für politische Unsicherheit im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl sorgen. Diese demokratischen Vorschläge werden aber Stand heute beim Mainstream nicht verfangen und damit den US-Börsen auch keinen nachhaltigen Schaden zufügen.
Allerdings hatte 2016 auch niemand mit der Wahl Trumps gerechnet. Sicher ist nichts.
Im speziellen Donald Trump: Schon in der Vergangenheit wurde der Einfluss des US-Präsidenten auf die Börsen deutlich. Für eine Wiederwahl dürfte der Präsident alle Register ziehen. Wie könnte sich das auf die Börsen auswirken?
Politisch steht das Kapitalmarktjahr 2020 fest im Zeichen der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahl. Donald Trump will die US-Wirtschaft nach der selbstverschuldeten Wachstumsdelle in Folge diverser Handelskonflikte wieder auf Wachstumskurs bringen. Hierzu gehört abseits Wahlkampf-taktischer Handelsgeplänkel eine stabile Seitenlage im Handelskrieg mit China. Dies schafft fundamentale Argumente für eine nachhaltig stabile Aktienentwicklung in Amerika. Viele Unternehmen sitzen auf riesigen Investmentbudgets, die sie mit Blick auf ungeklärte Zollfragen und Handelsverunsicherungen kaum nutzen. Etwas mehr Sicherheit wird zu einer deutlichen Investitionsbeschleunigung und damit fundamentaler Aktienunterstützung führen.
In den europäischen Industrieländern lässt die Panik vor einer weiteren Verschärfung des Handelsprotektionismus allmählich nach. Immerhin scheinen Zölle für europäische Autos vom Tisch zu sein, deren Einführungs-Frist Trump heimlich verstreichen ließ. Selbst wenn der transatlantische Zollstreit Europa im Vergleich mehr kostet, müsste auch Amerika Reibungsverluste im Außenhandel einkalkulieren. Und Trump kann es geopolitisch auch nicht schmecken, wenn sich die EU von Washington weg- und zu China hinbewegt.
In den Schwellenländern festigt sich die beruhigende Einsicht, dass die US-Geldpolitik nicht wieder restriktiv wird und so eine weitere US-Dollarstärke vermieden wird. Bleiben also die Währungen der Emerging Markets stabil und eine Kapitalflucht aus, setzt sich die Stabilisierung ihrer Aktienmärkte fort. Sie profitierten als Exportnationen ohnehin von einem sich befriedenden Handelsstreit, was der Wachstumsdelle von Wirtschafts-China als asiatischem Zentralsterns entgegenwirkt.
Strategen blicken dem neuen Börsenjahr teils nicht sehr optimistisch entgegen. In welchen Branchen sehen Sie die größten Chancen und warum?
1. Zyklische Aktien sind auf dem Vormarsch
Von der weltwirtschaftlichen Stabilisierung erhalten konjunkturzyklische Aktien prinzipiell Auftrieb. Ihre relative Stärke gegenüber Defensivaktien wird an Dynamik gewinnen. Allerdings trennt sich die Spreu vom Weizen. Dabei werden Industrieaktien stärker nach technologischer Innovationskraft gefiltert. In diesem Zusammenhang spielt auch die weiter zunehmende Übernahmephantasie zum Erwerb fehlenden Know-Hows eine große Rolle.
2. US-Tech-Aktien bleiben in
Sicherlich sind US-Techwerte bereits vergleichsweise hoch bewertet. Damit sind sie grundsätzlich schwankungsanfällig und weisen aufgrund der enormen Performance ein erhöhtes Risiko von Gewinnmitnahmen auf.
Während der Druck auf Social Media-Anbieter anhält, neue Kanäle für ihr Werbegeschäft zu erschließen und dieses kosteneffizienter zu machen, muss Apple die erfolgreich etablierten neuen Geschäftsfelder weiter festigen und in puncto Smartphones die starke Konkurrenz aus Fernost mit ihren pfiffigen Produktverbesserungen und massiver Imagepflege auf Distanz halten. Allerdings bieten US-Technologieaktien auch abseits des Mainstream interessante Trends in puncto industrieller Digitalisierung. So profitieren die Tech-Riesen im Bereich Cloud-Computing von ihrer Marktführerschaft. Zudem stehen Unternehmen aus den Wachstumsbereichen "Robotics" und "Künstlicher Intelligenz" - auch Ersatz des Menschen durch die Maschine - Cyber-Sicherheit sowie Halbleiterhersteller im Rahmen der 5G-Verbreitung langfristig im Mittelpunkt des Anlegerinteresses.
Ein weiterer Trend ist, dass Werte aus der zweiten Reihe die typischen FAANG-Werte verdrängen. Als ausgesprochene Wachstumswerte sind sie auf lange Sicht eine mehr als interessante Depot-Beimischung. Ihnen gehört mit Innovationen, noch lange nicht börslich ausgereizten Geschäftsmodellen und nicht zuletzt mit Übernahmephantasien die Aktienzukunft.
Insgesamt wird die relative Stärke von High-Tech-Werten angesichts des Megathemas Digitalisierung, das den Vergleich mit der Erfindung der Dampfmaschine nicht zu scheuen braucht, gerade in Amerika langfristig anhalten.
Sowohl der Export wie auch die Industrie schwächeln. Die Konsumnachfrage ist aber nach wie vor gut. Bleibt der Konsum auch 2020 die Stütze der deutschen Konjunktur?
Der strukturelle Wandel in der Industrie unverkennbar. Speziell die deutsche Autoindustrie hat ja bereits den großen Abschwung angekündigt. So haben E-Autos deutlich weniger Bestandteile als Verbrenner und die zunehmende Digitalisierung ersetzt den Menschen durch die Maschine. So wird es - auch mangels deutscher Reformpolitik, die ausreichend für Alternativen sorgen würde - zu Freisetzungen führen, die die Konsumlust auch auf der psychologischen Ebene schwächen. Immerhin sind Bau- und Dienstleistungsgewerbe stabil. Hilfreich ist auch, dass sich Sparen nicht mehr lohnt, die Menschen also ihr Geld auch gerne ausgeben. Insgesamt sollte der Konsum ohne jede Euphorie stabil bleiben.

Könnte die deutsche Wirtschaft 2020 in eine Rezession abgleiten?
Eine Beilegung des Handelskonflikts zwischen den USA und China würde für eine wieder freundlichere Stimmung in der exportsensitiven deutschen Industrie sorgen, die anschließend in eine verbesserte Auftragslage mündet. Spätestens dann ist das Thema Rezession in Deutschland endgültig vom Tisch. Ein wichtiges zweites Konjunkturstandbein bleibt die immerhin stabile Binnenwirtschaft. Daneben sorgt die weiterhin expansive Geldpolitik der EZB für günstige Finanzierungsbedingungen, die zum Beispiel Bauinvestitionen vorantreiben. Insgesamt wächst die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr mit rund 0,8 Prozent. Langfristig ist es jedoch dringend erforderlich, dass die deutsche Regierung in der global immer konkurrenzfähigeren und hochinnovativen Industriewelt die Runderneuerung des deutschen Wirtschaftsstandorts endlich mutig in Angriff nimmt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Was ist Ihre Einschätzung? Stehen die Börsen im nächsten Jahr vor einem Boom oder vor einem Crash?
Selbst wenn es im I. Quartal 2020 zu einem Teil-Handelsabkommen zwischen den USA und China kommt, bleibt eine nachhaltige Lösung im Handelskrieg zunächst Utopie. Der Welt-Aktienmarkt ist dennoch in stabiler Verfassung. Denn so lange im Handelskrieg geredet wird, wird nicht geschossen im Sinne weiterer Zollanhebungen. Diese stabile Seitenlage gibt der Weltkonjunktur immerhin etwas Sicherheit gemäß dem Motto "Schlimmer geht’s nimmer". Gemäß der Weisheit "Die Börse bezahlt Zukunft" schauen die Anleger also über das aktuell schwierige Wirtschaftsumfeld und die Gewinnrezession hinweg. "Hinter dem Horizont geht’s weiter" wusste schon Udo Lindenberg. Und die Wirtschaftsstimmung stabilisiert sich und die Rezessionsängste gehen zurück. Übrigens, da es keine schnelle umfängliche Lösung im Handelskonflikt gibt, wird die internationale Geldpolitik ihre Druckbetankung für Konjunktur, aber auch Finanzmärkte nicht einstellen.
Insgesamt könnte das Motto für 2020 sein: Ende der Fundamentalbaisse, Fortsetzung der Liquiditätshausse.
Wo steht der DAX zum Jahresende?
Makroökonomisch wird der europäische und insbesondere deutsche, exportstarke Wirtschaftsstandort durch eine zu erwartende Entspannung im US-chinesischen Handelsstreit Rückenwind erhalten. Deutschland hängt eben am Fliegenfänger der Weltkonjunktur. Zudem weiß Europa um seine offene Handelsflanke bei einem transpazifischen Handelsdisput. Mit Investitionszusagen deutscher Autobauer in den USA hat Europa bereits begonnen, möglichen amerikanischen Handelssanktionen entgegenzuwirken. Mit einer Stabilisierung der Konjunkturerwartungen scheint auch die Gewinntalsohle der Unternehmen allmählich erreicht zu sein. Mikroökonomisch picken sich die weltweit mobilen europäischen und deutschen Aktienunternehmen ohnehin die besten Standorte heraus. Sie investieren dort, wo sie die höchsten Renditen erzielen. Und solange sie in Deutschland ihren Verwaltungssitz haben, profitieren sie als Mitglieder in deutschen Aktienindices trotz Trump und wegen Trumps Konjunkturmaßnahmen. Darüber hinaus werden viele DAX-Firmen 2020 ihre Dividenden mindestens auf Vorjahresniveau halten. Insgesamt trägt das den DAX auf 14.000 Punkte zum Jahresende 2020, wenn es gut läuft, auch noch ein bisschen mehr.
"Unser täglich Trump gibt uns heute" muss aber immer einkalkuliert werden. Die Katze lässt das Mausen nicht. Das spricht für etwas mehr Aktienschwankungen als im Jahr 2019.
Ihr persönlicher Anlagetipp: Worauf würden Sie 2020 setzen?
Euro-Aktien haben einen Währungs- und geldpolitischen Vorteil
Zwar profitieren US-Aktien von attraktiven Standortqualitäten in Form vergleichsweise niedriger Unternehmenssteuern, Infrastrukturmaßnahmen und insbesondere durch einen gewaltigen Digitalisierungs- und damit Wettbewerbsvorsprung.
Doch da das Handicap eines seit 2018 anhaltenden Gewinnnachteils europäischer gegenüber US-Unternehmen ausläuft, verliert die Underperformance von Aktien der Eurozone (Euro Stoxx) zu amerikanischen Titeln (S&P 500 Index) an Schwung. Denn in Europa lassen die Enttäuschungen der "harten" konjunkturellen Datenlage spürbar nach, während sie in den USA kaum noch positiv überraschen.
Unterstützend für europäische Aktien wirkt auch die Währungsfront. Angesichts der handelsseitigen und auch hausgemachten Wachstumsschwäche in Europa wird die EZB nicht auf die Exportbremse mit Leitzinserhöhungen treten. Nicht umsonst ist sie seit November wieder im Anleihekaufrausch. Vor diesem Hintergrund ist kein Ende der Knappheitspreise bei Staatspapieren beziehungsweise kein Anfang wirklich steigender Renditen zu sehen. Für einen starken Euro spricht also wenig, zumal die USA im Vergleich die USA höhere Zinsen und Renditen haben. Abseits öffentlich geheuchelter Trauer über schwache Zinsen sind unsere Politiker insgeheim doch sehr dankbar für eine Gemeinschaftswährung, die gegenüber US-Dollar seit 2008 über 30 Prozent verloren hat. In der Wirtschafts-Not frisst der Teufel Export-Fliegen.
Damit es aber neben Nachholeffekten der europäischen Aktienmärkte gegenüber Amerika noch mehr Potenzial gibt, ist neben der nachhaltigen Beilegung der Handelskonflikte insbesondere eine durchgreifende Investitions-, Reform- und Innovationspolitik zwingend notwendig. Nur so lassen sich die europäischen Standort- und damit Wachstumsqualitäten auf international wettbewerbsfähiges Niveau heben.
In diesem Zusammenhang böte Klima- und Umwelttechnik Made in Germany oder Europa ein sehr lukratives Geschäftsmodell, mit dem Europa zurück in die Spur hohen Wirtschaftswachstums käme.
Das wäre das Sahnehäubchen auf europäische Aktien, das Argument für eine nachhaltige Outperformance gegenüber US-Aktien.