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GASTKOMMENTAR

Die Welt ordnet sich neu

Die Welt ordnet sich neu
03.08.2022 15:05:21

Die Globalisierung hat ihren Höhepunkt überschritten - geopolitische und strategische Interessen bestimmen die Welt heute, nicht mehr nur ökonomische. Das hat gewichtige Auswirkungen auf Investitionen, Inflation und Wachstum. Von Jörg Zeuner, Gastautor von Euro am Sonntag

Angesichts des Ukraine-Kriegs und der wirtschaftlichen Abkoppelung des Westens von Russland muten die 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts wie aus einer anderen Welt an. Damals beschleunigten der Fall der Mauer und das Ende des Kalten Kriegs die wirtschaftliche Globalisierung drastisch, eng verknüpft mit Chinas ökonomischem Aufstieg. Welthandel und ausländische Direktinvestitionen stiegen stark an, Lieferketten unter Beteiligung einer Vielzahl von Ländern entstanden. Überspitzt gesagt: Jeder handelte möglichst viel mit (fast) jedem - unabhängig von politischen Systemen.

Das ist nun vorbei. Das Ordnungsprinzip heißt nicht mehr Globalisierung, sondern - wieder - Großmachtwettbewerb. Im Mittelpunkt stehen der strategische Wettbewerb zwischen den USA und China sowie die Rivalität der NATO mit Russland. Die Querverbindungen intensivieren sich ebenfalls: Ein ökonomisch vom Westen abgekoppeltes Russland orientiert sich stärker Richtung China. Gleichzeitig wird die Bindung Europas an die USA wieder stärker.

Diese tektonischen Verschiebungen hinterlassen Spuren. Die höhere geopolitische Instabilität führt zu einer größeren Schwankungsintensität an den Märkten. Angesichts der geografischen Nähe zu Russland sind europäische Assets zudem mit einer geopolitischen Risikoprämie behaftet. Der Ukraine-Krieg hebt dabei das durch die Corona-Pandemie bereits sichtbar gewordene Thema internationaler strategischer Abhängigkeiten auf eine neue Ebene. Zum einen rücken weitere Abhängigkeiten stärker in den Fokus. Allen voran die Themen Rüstung und Energie. Aber auch der Agrarsektor ist betroffen - und nicht zu vergessen eine Reihe von Metallen wie etwa Palladium und Nickel.

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Im Angesicht des Krieges beherzigt der Westen darum eine alte Weisheit: In der Not Streitigkeiten beiseitestellen und zusammenrücken! Das gilt für das transatlantische Verhältnis wie auch innerhalb der Europäischen Union. An ein engeres wirtschaftliches Zusammenrücken "befreundeter Staaten" appelliert insbesondere auch US-Finanzministerin Janet Yellen. "Friend-shoring" bedeutet nicht nur die Rückverlagerung von Produktion näher an oder in die Heimat - das sogenannte "Near-shoring". "Friend-shoring" geht weiter und trennt zwischen befreundeten und nicht befreundeten Staaten.

Stagflationstendenzen nur ein vorübergehendes Phänomen

Zeitgleich strebt auch China durch den Aufbau einer "Kreislaufwirtschaft" mit stärkerem Binnenmarktbezug eine zunehmende Entkopplung von der Weltwirtschaft an. In Summe bedeutet dies weniger Globalisierung. Und: Die ökonomischen Vorteile internationaler Arbeitsteilung reduzieren sich. Dies führt zur Verlagerung von Wertschöpfungsketten und zu höheren Preisen. Nicht mehr Effizienz, sondern Resilienz ist das entscheidende Kriterium. Das exportorientierte Deutschland gehört definitiv zu den Ländern mit den größten Herausforderungen.

Wir erwarten, dass diese Verschiebungen einen Innovations- und Investitionsschub auslösen. Fällt dieser ausreichend dynamisch aus, sollten die aktuellen Stagflationstendenzen nur ein vorübergehendes, wenn auch möglicherweise noch einige Monate andauerndes Phänomen bleiben. Der Druck zu mehr Investitionen ist weiter gestiegen, etwa in den Bereichen Verteidigung, Energie, Digitalisierung oder Cybersecurity. Insgesamt könnte die Reduktion strategischer Abhängigkeiten mittelfristig dann zu einer Parallelität von höheren Wachstumsraten und dauerhaft erhöhter Inflation führen.

Als Folge davon sollten auch die Zinsen noch steigen. Auftrieb erhalten diese auch durch die zunehmende Nachfrage nach Krediten, die Investitionen finanzieren, welche für die Verringerung strategischer Abhängigkeiten erforderlich werden. Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und die Reduzierung strategischer Abhängigkeiten werden neben der nachhaltigen Transformation der Wirtschaft hohe öffentliche und private Investitionen erfordern. Damit verbunden ist auch die Chance für eine stärkere Integration der EU. Sie hätte das Potenzial, die "innenpolitische" Risikoprämie für europäische Assets aus der Zeit der Staatsschuldenkrise weiter zu senken.

Anleger müssen jedoch beachten, dass die verschiedenen Weltregionen von unterschiedlichen Niveaus aus in diesen Prozess starten. Die Zeitenwende bringt abgesehen von einem höheren Bedarf an Inflationsschutz zunächst auch Unsicherheit mit sich - und damit höhere Schwankungen an den Kapitalmärkten. Anleger können sich dagegen durch breit gestreute Portfolios am besten wappnen.

Jörg Zeuner
Leiter Research & Investment Strategy, Union Investment

Zeuner ist seit Juni 2019 Chefvolkswirt und leitet den Bereich Research & Investment Strategy des Portfoliomanagements von Union Investment. Zuvor war er unter anderem Chefvolkswirt der KfW.

Union Investment ist die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Mit rund 430 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen ist sie einer der größten deutschen Vermögensverwalter für private und institutionelle Anleger.

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