Damit steigt auch die Erwartung an den Finanzmärkten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag eine möglichst kraftvolle Reaktion auf die ernste Lage zeigen wird, die sich in Deutschland und andernorts zu einer Rezession auswachsen könnte. EZB-Chefin Christine Lagarde ist somit nach erst wenigen Monaten im Amt als Krisenmanagerin gefragt.

Auf einer Videokonferenz mit den EU-Staats- und Regierungschefs warnte Lagarde am Dienstagabend einem Medienbericht zufolge vor einer Krise wie 2008, falls nicht direkt gehandelt werde. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte dazu in Berlin: "Ich teilte die Einschätzung von Christine Lagarde und muss sie auch sehr ernst nehmen." Es müsse verhindert werden, dass es zu "dramatischen Überforderungen" des Gesundheitswesens komme. Und es dürfe nicht "zusätzliche Verunsicherung" in die Wirtschaft hineingetragen werden.

Der Internationale Währungsfonds sieht in der Corona-Krise die Notenbanken in der Pflicht. Sie müssten ihre Rolle spielen, sagte IWF-Finanzexperte Tobias Adrian. "Zentralbanken können schnell handeln und die Verschärfung der Finanzierungsbedingungen lindern, in dem sie Liquidität injizieren und Zinsen senken - und so eine mögliche Kreditklemme verhindern." Experten erwarten, dass die EZB den bereits negativen Einlagenzins für Geschäftsbanken weiter senken wird. Zudem könnte sie Liquiditätsspritzen aufziehen, die vor allem in Bedrängnis geratenen Mittelständlern zugute kommen sollen.

Auch die bei der EZB angedockte Bankenaufsicht, die die großen Geldhäuser des Euro-Raums kontrolliert, will Insidern zufolge im Kampf gegen die Folgen der Epidemie den Finanzsektor unterstützen. Die Aufseher planen dazu laut den Informationen eine Mitteilung - nach dem Zinsbeschluss der EZB.

"MASSNAHMEN KOMMEN INS ROLLEN"


Vor der Bank of England hatten Anfang des Monats bereits die Notenbanken in den USA und Kanada ihren Leitzins gesenkt. Die US-Fed hatte den Zins am 3. März überraschend um einen halben Punkt gesenkt - auf die neue Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent. An den Märkten wird zudem mit einer weiteren, kräftigen Senkung beim regulären Zinsentscheid am 18. März gerechnet.

Nächste Woche dürften auch die Währungshüter in Tokio mit eigenen Maßnahmen folgen. Da die Bank of Japan (BoJ) die Zinsschraube kaum mehr lockern kann, dürfte es laut Insidern auf einen verstärkten Ankauf börsennotierter Fonds - im Fachjargon ETFs genannt - hinauslaufen. Es sei praktisch unmöglich, die Coronakrise mit geldpolitischen Mitteln zu bekämpfen: "Aber sie kann eine Rolle dabei spielen, in der Öffentlichkeit Vertrauen zu erzeugen. Und das wird die BoJ nächste Woche wohl tun müssen", so ein Insider.

Laut Ökonom Bernd Krampen von der NordLB scheinen die Maßnahmen der Notenbanken weltweit nun "ins Rollen" zu kommen. Da die EZB aber schon mit sehr niedrigen Zinsen hantiere, dürfte deren Schwerpunkt wohl auf erneuten Aufkaufprogrammen liegen. Krampen erinnerte daran, dass der Ministerpräsident des besonders hart von der Viruskrise getroffenen EU-Landes Italien, Giuseppe Conte, jüngst verlangt habe, die EZB müsse handeln "whatever it takes". Er spielte damit auf eine mittlerweile berühmt gewordene Rede von Lagardes Vorgänger Mario Draghi aus dem Jahr 2012 an: Der hatte damals angekündigt, die Zentralbank werde im Rahmen ihres Mandats alles tun, was nötig sei ("whatever it takes"), um den Euro zu retten. Dies gilt bis heute als Wendepunkt in der Euro-Schuldenkrise.

Die nun grassierende Viruskrise birgt laut Ökonomen die Gefahr, dass die Weltwirtschaft einbricht. Vor dem Hintergrund sah sich die Bank of England (BoE) zur ersten Senkung seit August 2016 gezwungen, als der Zins nach dem Brexit-Referendum ebenfalls auf 0,25 Prozent gesenkt wurde. Die Notenbank fürchtet, dass sich die Wirtschaft in den kommenden Monaten "erheblich abschwächen" wird. Bereits zu Jahresbeginn stagnierte die Konjunktur, wie aus Daten des Statistikamts ONS hervorgeht. Laut Notenbankchef Mark Carney wird sie jedoch wohl nicht so viel Federn lassen müssen wie 2008 - auch dank der "zielgerichteten Unterstützung" der BoE.

rtr