Die Chaostheorie könnte in diesen Wochen eine Erweiterung um Immobilienthemen vertragen. So sehr die Immobilienmesse Expo Real in München diese Woche den Eindruck nüchterner Geschäftigkeit unter Projektentwicklern, Investoren, Vermögensverwaltern und Finanzierern vermittelte, so sehr häufen sich derzeit irritierende Nachrichten. Sie lassen Investitionen in das stark nachgefragte Betongold nicht gerade als Selbstläufer erscheinen.

Seit Wochen geht trotz aller Dementis die Sorge um, große chinesische Projektentwickler wie Evergrande könnten die ganze Weltwirtschaft ins Trudeln bringen. Am Mittwoch präsentierte die Schweizer Großbank UBS ihren alljährlichen Preisblasen-Alarm, diesmal mit der griffigen Überschrift: "Blasenrisiko in Frankfurt weltweit am höchsten." Wobei man hinzufügen muss: Unter "weltweit" versteht die UBS 25 Metropolen. Sonst nichts.

Das Berliner Analysehaus Empirica lieferte neue Zahlen zu Wohnungsmieten und -kaufpreisen in Deutschland. Quintessenz: Die inserierten Neubaumieten zogen in den vergangenen zwölf Monaten im deutschen Mittel um 4,5 Prozent an. Die Kaufpreise für neue Eigentumswohnungen schossen im Schnitt um 11,7 Prozent in die Höhe. Also gut zweieinhalb Mal so stark. Wobei Empirica betont: Durchschnittswerte werden immer weniger aussagekräftig. Die Neubaumieten in den größeren Städten steigen zum Beispiel weniger stark als in ländlichen Regionen.

Keine Bank will 600 Millionen


Das Verrückte auf vielen Immobilienmärkten machte auch vor der Expo Real nicht Halt. So brachte Arnaud Ahlborn von Industria Wohnen im Gespräch mit €uro am Sonntag auf den Punkt, wie eng das Immobiliengeschäft etwa von Fondsmanagern wie ihm mit der generellen Geld- und Wirtschaftsrealität verwoben ist. "Verrückt ist es, wenn Sie den halben Nachmittag telefonieren müssen, bis Sie eine Bank haben, die Ihnen 600 Millionen Euro aus einem aufgelösten Fonds abnimmt." Die Nullzinsrealität macht es also kompliziert, bei Verkäufen Wertgewinne mitzunehmen und irgendwas sinnvoll Anmutendes damit anzufangen.

Ahlborn ist Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens Industria Wohnen, das für große und private Investoren diverse Fonds managt. Er war einer von 19 200 Teilnehmern aus 52 Ländern, die auf dem coronabedingt geschrumpften Branchentreff präsent waren.

Noch ein paar Erkenntnisse von der Messe. Ahlborn erklärte, er kaufe für den Offenen Publikumsfonds Fokus Wohnen Deutschland nur noch Neubauten. "Damit erzielen wir diesel- ben Renditen wie mit Bestandswohnungen", erklärte er. Frank Huber, Chef von Verifort Capital (früher: Fairvesta), einem Manager Geschlossener Publikumsfonds, erwartet längerfristig höhere Inf lationsraten. "Das macht den Immobilieneinkauf schwieriger, aber für Bestände und deren Wertentwicklung ist das gut."

Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, erwartet mindestens noch bis Ende 2023 die längst gewohnten Niedrigstzinsen. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg, erklärte, eine Immobilienpreisblase sei "bisher noch nicht in Sicht". Also kein Alarm von ihm.

Andreas Mattner, Präsident des Lobbyverbands Zentraler Immobilien Ausschuss, sagte voraus, der Bedarf an Büroflächen werde trotz Homeoffice hoch bleiben. Von der neuen Bundesregierung, die nach seiner Prognose eine Ampelkoalition sein wird, erwartet er unter anderem eine Offensive bei der Digitalisierung, um insbesondere Genehmigungen für Bauvorhaben zu beschleunigen.

Und er erwartet von einem Bundeskanzler Olaf Scholz viel mehr Wohnungsbau. Jedenfalls habe Scholz’ Wohnungsbauprogramm in seiner Zeit als Erster Bürgermeister Hamburgs gut funktioniert. Das entscheidende Rezept dabei: "Er hat Wege verkürzt." Heißt übersetzt: Kein Chaos, sondern Genehmigungsverfahren beschleunigen.