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Fondsbranche kritisiert Brüsseler Atompläne - Leiter Nachhaltigkeit Deka: "Das geht gegen die Klimaziele"

Fondsbranche kritisiert Brüsseler Atompläne - Leiter Nachhaltigkeit Deka:
10.01.2022 07:44:00

Die EU-Einstufung von Atom- und Gaskraftwerken als "nachhaltig" verunsichert Anbieter. Die Fondsgesellschaften DWS und Deka warnen vor Fehlallokation und Verlust an Glaubwürdigkeit. Von Wolfgang Ehrensberger

Die Pläne der EU-Kommission, Atom- und Gaskraftwerke unter bestimmten Bedingungen als "nachhaltige" Technologien einzustufen, sorgen in der deutschen Fondsbranche für Kritik. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei der Fondsgesellschaft Deka, sieht damit die Glaubwürdigkeit der EU-Regeln (Taxonomie) massiv beschädigt. "Den eigentlichen Zielen, nämlich den Klimawandel zu verlangsamen und die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten, hilft das nicht", sagte Speich gegenüber €uro am Sonntag.

Klarer Widerspruch

Ähnlich äußerte sich Dennis Hänsel, Fondsmanager beim Vermögensverwalter DWS: "Die Entscheidung, Atomenergie auf die gleiche Stufe wie die Energiegewinnung aus Wind und Sonne zu stellen, steht im klaren Widerspruch zu den Einschätzungen unserer Kunden", erklärte Hänsel. "Sie schwächt die Akzeptanz und Glaubwürdigkeit der Taxonomie und somit die gewünschte Lenkung von Geldflüssen in nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten." Letztendlich verlasse die EU ihren Weg, Entscheidungen durch wissenschaftliche Erkenntnisse zu fundieren, kritisierte Hänsel.

Die Klassifikation für "grüne" Technologien in der sogenannten Taxonomie sollte eigentlich dazu beitragen, dass private Investitionen verstärkt in erneuerbare Energien fließen. Die EU-Kommission hatte den 27 Mitgliedsstaaten bereits zum Jahreswechsel den Entwurf eines Rechtsakts geschickt, mit dem diese Taxonomie ausgestaltet werden soll. Die Regierungen sollen bis zum 12. Januar dazu Stellung nehmen. Es gilt als ziemlich sicher, dass der Vorschlag akzeptiert wird, weil eine Mehrheit von 20 Ländern für eine Blockade der Verordnung nicht in Sicht ist.

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Die EU-Kommission hatte in ihrem Vorschlag zwischen grünen Technologien wie Solar- und Windenergie sowie den Technologien Atom und Gas unterschieden. Für diese beiden Bereiche soll es Auflagen für die Klassifizierung geben. Danach sollen Investitionen in Atomkraftwerke als nachhaltig gelten, wenn diese vor 2045 genehmigt werden und die Entsorgung radioaktiver Abfälle sicherstellen.

Erdgaskraftwerke wiederum sollen das entsprechende Label erhalten können, wenn sie unter bestimmten CO2-Grenzwerten bleiben, eine umweltschädlichere Anlage ersetzen und bis zum 31. Dezember 2030 genehmigt werden.

In den EU-Mitgliedsstaaten werden diese Technologien sehr unterschiedlich eingestuft. Vor allem Frankreich hatte sich für die Einstufung der Atomenergie als nachhaltig eingesetzt, weil das Land einen Großteil seines Stroms aus Atomkraftwerken bezieht. Berlin dagegen setzt auf die Einstufung von Gas als Übergangstechnologie. Demzufolge begrüßte die Bundesregierung die Klassifizierung von Gas, bekräftigte aber ihre Ablehnung der Atomkraft.

Deutliche Lenkungswirkung

Henrik Pontzen, Leiter Nachhaltigkeit bei der Fondsgesellschaft Union Investment, weist auf die grundsätzliche Bedeutung der EU-Taxonomie hin, die zu mehr Transparenz führe, sich aber gleichzeitig noch in einem frühen und nur bedingt praxistauglichem Stadium befinde. "Dennoch dürfte die EU-Taxonomie für den europäischen Investmentmarkt eine hohe Strahlkraft entfalten", erläutert der Fondsmanager. "Somit hat die Definition nachhaltiger Energiequellen in den kommenden Jahren das Potenzial, deutliche Lenkungswirkung auf Kapitalströme auszuüben - inklusive der Effekte auf die Finanzierungskosten." Pontzen zufolge schließt Union Investment in seinen nachhaltigen Fonds Atomstromproduzenten seit Jahren aus, vor allem weil der Betrieb von Atomkraftwerken mit Katastrophenrisiken einhergehe und keine Lösung für das Problem der Endlagerung gefunden sei.

"Sollte die Taxonomie die Kernkraft für nachhaltig erklären, werden wir prüfen, wie wir damit angemessen umgehen können", sagte Pontzen.

Nachgehakt bei Ingo Speich » Leiter Nachhaltig- keit bei der Fondsgesellschaft Deka zur EU-Atom-Einstufung


€uro am Sonntag: Wie beurteilen Sie die Pläne der EU-Kommission, Atom- und Gaskraftwerke als nachhaltig zu deklarieren?

Ingo Speich: Das Regelwerk wurde politisch gekapert. Die Glaubwürdigkeit der Taxonomie hat massiv eingebüßt. Den eigentlichen Zielen, nämlich den Klimawandel zu verlangsamen und die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten, hilft das nicht.

Welche Markteffekte erwarten Sie?

Atomstrom- und Gasfirmen werden es leichter am Kapitalmarkt haben. Sie können durch die Taxonomie auf mehr potenzielle Anleger, Investoren und damit mehr Geld hoffen. Anleger, die taxonomiekonform und vermeintlich nachhaltig anlegen, investieren dann in diese Firmen und stellen Geld zur Verfügung.

Wird damit nicht auch dem Greenwashing, also einer fälschlichen Nachhaltigkeitsdeklaration, weiter die Tür geöffnet?

Der Kapitalmarkt muss und wird das Thema Nachhaltigkeit weiter voranbringen. Wir sehen heute, dass sich Anleger aus Unternehmen und Branchen wie Tabak, Kohle oder Erdöl zurückziehen. Diese Entwicklungen werden letztlich auch zu einem Marktstandard führen.

Wie wird Deka auf die EU-Pläne reagieren?

Auf unsere Finanzprodukte haben sie keinen Einfluss. Stand heute bleiben unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte wie sie sind. Wir weiten sie nicht weiter auf Firmen aus dem Atomsektor aus.

Wie gehen Sie bei Deka denn bislang mit Atomkraft um?

In unseren Nachhaltigkeits(ESG)-Fonds schließen wir Investitionen in problematische Branchen oder Tätigkeitsfelder grundsätzlich aus. Dazu gehört zum Beispiel neben Rüstung und Tabak auch Atomenergie. Der Ausschluss erfolgt aus Praktikabilitätsgründen ab einem Umsatzanteil von mehr als fünf Prozent. ehr

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