Noel White hat dieser Tage wenig zu lachen. Kurz vor dem Börsengang von Beyond Meat Anfang Mai verkaufte der CEO des Fleischkonzerns Tyson Foods die 6,5-prozentige Beteiligung seines Unternehmens an dem Hersteller von Burger-Patties, die wie Rindfleisch schmecken, aber aus Erbsmehl, Kakao- und Palm-öl bestehen und sich dank eines Apfelextrakts beim Grillen bräunen lassen. Seitdem entwickelt sich Beyond Meat zum neuen Star der Technologiebörse Nasdaq.

Händeringend sah White zu, wie sich der Wert seines ehemaligen Anteils binnen weniger Wochen verfünffachte. Jetzt geht er selbst in die Offensive: Er verspricht, dass Tyson seinerseits schon im Sommer täuschend echte Fleischalternativen in die Supermarktregale bringen wird. Für Anleger stellt sich die Frage: Sollten sie ausgerechnet mit einem Fleischproduzenten auf die rasante Nachfrage nach Fleischalternativen spekulieren? Auf frühe Vermarkter wie die britische Bäckereikette Gregg’s oder auf Burger King setzen? Oder alle Warnungen vor der überteuerten Beyond-Meat-Aktie ignorieren und einen Kursrückschlag ausnutzen, um in den Branchenprimus zu investieren?

Die Beyond-Meat-Aktie ist extrem volatil: Eine Herabstufung des Kursziels durch JP Morgan ließ die Aktie jüngst um 25 Prozent einbrechen. Tags darauf machte sie den Kurscrash gleich wieder wett, als die Boulevardzeitung "New York Post" von Lieferengpässen des noch in Händen von Risikokapitalgebern befindlichen Konkurrenten Impossible Foods berichtete.

Statt sich ausschließlich an eingefleischte Veganer zu richten, wendet sich Beyond Meat wie auch Impossible Foods bewusst an junge Fleischesser, die sich um Klimawandel, Wohlbefinden von Tieren und die eigene Gesundheit sorgen. In den USA greifen Fast-Food-Ketten wie Burger King, Carl’s Jr. und TGI Fridays den Trend auf und verkaufen die Fleischimitate in ihren Schnellrestaurants.

Das Beratungsunternehmen A. T. Kearney erwartet ein neues, fleischfreies Zeitalter: "Wir stehen vor dem Ende der Fleischproduktion, wie wir sie kennen", prophezeit Landwirtschaftsexperte Carsten Gerhardt. "Bereits 2040 stammen nur noch 40 Prozent der konsumierten Fleischprodukte von Tieren." Die Investmentbank Barclays schätzt, dass der Anteil von pflanzenbasiertem "Fleisch" innerhalb von zehn Jahren auf bis zu zehn Prozent des dann 140 Milliarden Dollar großen Fleischmarkts steigen wird. Heute sind es weniger als ein Prozent.

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Milliardenbewertung für Veggi-Start-up


2016 machte Impossible Burgers Schlagzeilen, als der Promi-Koch David Chang des New Yorker In-Restaurants Momofuku eine aus Weizenprotein erzeugte Hightechbulette (Forschungs- und Entwicklungsaufwand 80 Millionen Dollar) in Kochdemonstrationen so publikumswirksam briet, dass selbst Publikationen wie die Modezeitschrift "Vogue" begeistert davon berichteten. Der Impossible Burger blutet saftig rot, weil zu seinen Inhaltsstoffen ein sauerstoffbindender Blutbestandteil gehört, der auch in Pflanzen vorkommt, plus Rote-Bete-Saft.

Gründer Pat Brown präsentierte die Version 2.0 seines veganen Hamburgers jüngst auf der Elektronikmesse CES - ein cleverer Schritt, um den Ruf seines mit zwei Milliarden Dollar bewerteten Start-ups als Technologieunternehmen zu zementieren. Offenbar glauben viele Investoren, dass Hersteller ausgefallener Veganbuletten eher den Technologieunternehmen als den klassischen Nahrungsmittelherstellern zuzuordnen seien. Aber haben Beyond Meat und Impossible Foods mit Fleischergänzungsprodukten tatsächlich einen Wissensvorsprung, der schwer einzuholen ist? Oder ergibt sich ihr Mehrwert doch in erster Linie aus dem Marketing?

Große Konkurrenten mit gut gepflegten Vertriebskanälen werden diese Einzigartigkeit schon bald auf die Probe stellen. So will der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé mit seiner Marke Sweet Earth den "Awesome Burger" auf den -amerikanischen und den "Incredible Burger" in Europa auf den Markt bringen. Tyson Foods plant schon im Sommer die Einführung seiner Marke "Raised and Rooted" von teils pflanzenbasierten Hamburgern und veganen Hühnchen-Nuggets. "Beide Unternehmen haben ein -riesiges, gut eingespieltes Großhandels- und Liefernetzwerk", sagt Don Close, Analyst für Tierprotein-Aktien bei der Rabobank. "Das ist ein riesiger Vorteil."

Beyond Meat baut gerade erst eine Fabrik in Holland auf, um die Produkte auch in Europa herzustellen. Andererseits werden es begeisterte Kunden von Beyond Meat eher ablehnen, zu etablierten Fleischkonzernen zu wechseln: "Wer aus Idealismus Beyond-Meat-Produkte isst, wird nicht so leicht auf Produkte eines Fleischproduzenten umschwenken", sagt Eric Schiffer, CEO der Finanzfirma Patriarch Organization.

Tyson Foods, einer der größten Fleischlieferanten der USA, hat bei einem Umsatz von 40 Milliarden Dollar eine Börsenbewertung von nur 30 Milliarden. Die neue Lebensmittelrevolution mit ihren Fleisch-imitaten soll sich über die kommenden zwei Jahrzehnte auszahlen.

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Negative Überraschungen drohen


Bei Beyond Meat hingegen ist schon viel Fantasie enthalten. Aktuell handelt die Beyond-Meat-Aktie mit einer Marktkapitalisierung von 8,6 Milliarden Euro und dem 45-fachen Umsatz für 2019. Es drohen eher negative als positive Überraschungen, etwa dass Menschen Nahrungsmittel, die rein industriell hergestellt werden, doch eher meiden, weil deren Konsum zunehmend mit Herzkrankheiten und Krebs in Verbindung gebracht wird. Mit ihren mannigfachen Zutaten fallen die Fleischimitate von Beyond Meat klar in diese Kategorie.

Die Fast-Food-Firma Restaurant Brands bringt die Fleischimitate am schnellsten in ihre Restaurants. Ihre Marke Burger King bringt den Impossible Burger in jedes amerikanische Restaurant, ihre kanadische Marke Tim Horton nimmt den Beyond Burger in allen kanadischen Filialen auf die Speisekarte. Fans der fleischlosen Alternativen werden für neuen Umsatz sorgen. Mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 5,8 ist Res-taurant Brands ganz klar die günstigere Variante zu Beyond Meat - auch wenn es sich nicht um einen Pure-Play handelt. Denn auch künftig werden wohl klassische Hamburger dominieren.

Wie ein veganes Angebot den Kurs beflügeln kann, zeigt die britische Billigbäckereikette Gregg’s. Berühmt ist sie für ihre in Blätterteig eingebackenen Würstchen. Die Aktie verdoppelte sich jüngst im Kurs, als das Unternehmen seine neue vegane Alternative wie ein hochtechnologisches Apple-Produkt vermarktete.

Es brach zwar ein medialer Sturm der Entrüstung los, angefacht vom konservativen TV-Moderator Piers Morgan ("Niemand hat auf ein veganes Würstchen gewartet, ihr politisch korrekten Clowns") und Pro-Brexit-Demonstranten, die vor einer Gregg’s-Filiale aufmarschierten, weil die Gemüsebulette angeblich ihre Gefühle verletze, trotzdem schossen die Verkaufszahlen für die vegane Wurstrolle jedoch durch die Decke. Die Aktie bleibt ein Kauf - auch wenn sich der Wohlfühlfaktor, weil man für die Welt das Richtige tut, noch nicht so recht einstellen will.

Niemand weiß, wie lange die Rally von Beyond-Meat-Aktien weitergeht, allerdings könnte etwa WhiteWave Foods ein Vorbild sein. Der Hersteller der marktführenden Sojamilch Silk ging 2012 für 17 Dollar je Aktie an die Börse. Ganz ähnliche Argumente wie für die pflanzlichen Hamburger sprechen für den Konsum von Sojamilch. Die Aktie wurde zwar nie über dem Zweieinhalbfachen des Umsatzes des Unternehmens gehandelt, doch der Aktienkurs schoss trotzdem in die Höhe: Im Jahr 2017 übernahm Danone für 56,25 Dollar je Aktie das Ruder. Letztlich hat sich das Investment also doch ausgezahlt.

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Fleischersatz auf einen Blick