Viele der Branchen, in denen sich Gautam Adani bewegt, sind nicht eben das, was man heutzutage sexy nennen würde. Greta-tauglich sind sie erst recht nicht. Und doch: In der ersten Jahreshälfte 2021, als weite Teile des indischen Subkontinents einen dramatischen Anstieg des Covid-Geschehens verzeichneten, stieg das Vermögen des heute 59-Jährigen schneller als das jedes anderen Inders - in der Spitze um gut 60 Milliarden US-Dollar. Der Mann machte richtig Kohle. Was auch daran liegt, dass er in Kohle macht.

Selbst im Klub der Milliardäre ist die Dynamik, mit der das Adani-Vermögen anschwoll, beispiellos. Der gebürtige Gujarati verzehnfachte es binnen Monaten und kam nach Schätzung des US-Medienhauses "Forbes" auf stolze 68,5 Milliarden US-Dollar (per Ende August 2021). Damit war der Tycoon zweitreichster Inder hinter Mukesh Ambani, Großaktionär und Chef beim Mischkonzern Reliance Industries. Ausschlaggebend für den rasanten Aufstieg war die Kursverzigfachung von mehreren börsennotierten Töchtern des 1988 begründeten Adani-Konglomerats.

Anders als Ambani, der von seinem Vater Dhirubhai vor zwei Jahrzehnten ein Imperium erbte, ist Adani Selfmademan. Als eines von acht Geschwistern schrieb Gautam sich an der Gujarat University in Ahmedabad ein, verabschiedete sich aber wenig später ohne Abschluss. 1978 zog er, junge 16, nach Bombay (heute Mumbai), wo er das Diamantengeschäft von der Pike auf lernte. Nach einigen Jahren machte er sich als Edelsteinbroker auf dem Zaveri-Basar, dem größten Juwelenmarkt der Stadt, selbstständig.

Dann sattelte er allerdings mit einem Bruder von Geschmeide auf Plastik um und gründete einen PVC-Import-Export. Als die indische Regierung Anfang der 1990er-Jahre eine erste Welle der Wirtschaftsreformen anstieß, weitete Adani sein Handelsgeschäft auf Agrarprodukte und Rohstoffe aus. So kam eins zum anderen, im Laufe von drei Jahrzehnten reifte ein Imperium heran. Wobei auch die Schulden stiegen, die laut Nachrichtendienst Bloomberg aktuell in der Größenordnung um 20 Milliarden US-Dollar zu verorten sind.

Adani ging es dabei immer um Kohle. So ist das berühmt-berüchtigte Carmichael-Kohlebergwerk im australischen Bundesstaat Queensland Teil seines Firmengeflechts, wo nach jahrelangem Juristenhickhack in diesem Juni die Förderung begann. Die besonders hochwertige Kohle aus Carmichael, 300 Kilometer im Landesinneren gelegen, geht per Bahn zum Verladehafen Abbot Point und von dort per Schiff gen Indien. Greta Thunberg, die 18-jährige Klimaschutzaktivistin aus Schweden, und ihre Sympathisanten riefen zum Boykott auf, weil Carmichael ihrer Meinung nach das der Ostküste Australiens vorgelagerte Great Barrier Reef gefährde.

Kohle, Kerosin und Solar

Außer auf fossile Rohstoffe setzt Adani auf Investments in die indische Infrastruktur - in der optimistischen Erwartung, dass der Wirtschaftsboom des Landes mit seinen knapp 1,4 Milliarden Menschen noch längst nicht ausgereizt ist. Seine Unternehmen managen mittlerweile ein Viertel der indischen Hafenkapazität, etwa am Mundra Port an der Küste Gujarats. Ähnlich groß ist Adanis Marktanteil heute bei den südlich des Himalajas gelegenen Flughäfen, sodass Kritiker inzwischen eine Quasimonopolisierung monieren. Mitten in der Corona-Krise übernahm Adani in einem kaltblütig eingefädelten Deal 74 Prozent am Chhatrapati Shivaji Maharaj International Airport in Mumbai, zweitwichtigster Flughafen des Landes. Auch beim gerade im Bau befindlichen Großflughafen in Neu-Mumbai im Osten der 25-Millionen-Metropole ist Adani federführend. Dort sollen langfristig etwa 90 Millionen Passagiere jährlich abgefertigt werden, weit mehr als zu Spitzenzeiten in Frankfurt Rhein-Main. Darüber hinaus bewirtschaftet er Airports in den Millionenstädten Ahmedabad, Guwahati, Jaipur, Lakhnau, Mangaluru und Thiruvananthapuram. Prognosen zufolge wird Indien 2024 nach Passagieraufkommen der drittgrößte Flugmarkt der Welt hinter China und den USA sein.

Kohle und Kerosin ohne Ende - klingt auf den ersten Blick eher nach unternehmerischem Dinosaurierschicksal als nach Zukunftsfähigkeit. Einerseits. Andererseits setzt Adani Green Energy, nach Marktkapitalisierung eines der 30 größten Börsenunternehmen Indiens, in großem Stil auf Solaranlagen. Erklärtes Ziel: zum größten Erzeuger erneuerbarer Energie weltweit aufzusteigen. Ob es klappt, bleibt abzuwarten. Genug Sonne wäre im Wüsten-Bundesstaat Rajasthan, in der Fläche annähernd so groß wie Deutschland, jedenfalls vorhanden. Und seit Neuestem weckt eine weitere, ähnlich chancenreiche Branche Adanis Interesse. Die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi in Neu-Delhi entschied, dass sensible Daten nicht in den USA oder gar in China gespeichert werden dürfen. Das Riesenland Indien braucht also Datenzentren. Um die zehn Milliarden Dollar will Adani in dieses digitale Wachstumsfeld stecken, daheim Kapazität schaffen.

Heimatverbunden gibt er sich auch, was sein Zuhause angeht. Er residiert weder im cool-glitzrigen Mumbai noch im politisch einflussreichen Delhi, sondern in Ahmedabad, dem wirtschaftlichen Zentrum Gujarats - eine Boomtown zwar, aber mit dem Ruf und Ruch der Provinz. Mit seiner Ehefrau Priti hat er zwei Kinder. Sohn Karan, 34, mischt inzwischen kräftig mit bei den Adani-Unternehmungen.

Doch Geld ist bekanntlich nicht alles; der Glanz des Reichtums wirft auch Schatten. In den 1990er-Jahren wurde Adani entführt, ein Lösegeld erpresst. Im November 2008, als zehn Pakistanis schlichtester Sorte mit Maschinengewehren in Mumbais Altstadt einfielen, mehrere Hundert Menschen ermordeten und das berühmte Hotel Taj Mahal Palace samt Gästen und Belegschaft drei Tage lang unter ihre Kontrolle brachten, war Adani zufällig im Haus. Er versteckte sich eine Nacht vor den Terroristen, kam am nächsten Morgen mit dem Leben davon.

Auch das Jahr 2021, das ihn unendlich reich machte, verlief nicht völlig schmerzfrei. Nun ja, wohl wahr, er knackte in der Spitze fast die Marke von 80 Milliarden Dollar. Doch zwischendurch, im Monsun, gingen binnen Wochen einfach mal wieder 20 Milliarden perdu. Nicht schön so was, dafür braucht es stoischen Gleichmut. Der Grund der Kurskapriolen an den Börsen in Mumbai: Im Juni kamen Gerüchte auf, dass dubiose Offshore-Fonds in Mauritius, traditionell eng mit dem indischen Finanzsystem verbandelt, in großem Stil bei Adani investiert waren, ohne dies transparent erklären zu können. Investoren reagierten nervös, verkauften.

Wohin die Reise geht, bleibt offen. Sicher ist auf jeden Fall, dass der Mann mit Kohle ohne Ende ein echter Überlebenskünstler ist.