Martin Blümel: Der China-Faktor
· Börse Online Redaktion
Als Anleger wird man gerade mit einem Dilemma konfrontiert. Einerseits sind die Handelskonflikte und die protektionistischen Maßnahmen eine echte Gefahr für die Weltkonjunktur. Andererseits überzeugen die jüngsten Konjunkturdaten und Prognosen für die Unternehmensgewinne derart, dass man von weiter steigenden Kursen ausgehen kann. Allerdings bleibt da eben dieser mächtige Unsicherheitsfaktor: das unsägliche Kräftemessen rund um das Thema Zölle.
Das Dilemma zeigt sich auch in der Kurs-entwicklung der Börsen. Es geht seit Monaten seitwärts - wenn man mal vom starken Nasdaq-Index absieht. Enervierend. Wobei mit etwas gutem Willen in den zurückliegenden Tagen eine leicht positive Tendenz auszumachen ist. Was an einigen Überraschungen liegt. So ist in den USA der ISM-Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes unerwartet deutlich gestiegen. In der Vergangenheit war dies immer ein guter Frühindikator.
Gute Nachrichten kamen auch vom US-Arbeitsmarkt. So sind außerhalb der Landwirtschaft im Juni netto 213 000 neue Jobs vergeben worden, gleichzeitig revidierte das Statistikbüro die Werte für April und Mai nach oben. Weil zudem die Löhne nur moderat gestiegen sind, hat die US-Notenbank Fed weniger Druck, was die Zinserhöhungen angeht.
Auch in Europa gab es die eine oder andere positive Tendenz: bessere Werte beim Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungsbereich zum Beispiel. Oder den Citigroup Economic Surprise Index, der seit vergangener Woche tatsächlich etwas aus dem Keller kommt, nachdem er seit dem zurückliegenden Winter nur gefallen war. Der Index misst, ob neue Konjunkturdaten positiv oder negativ überraschen.
Trotz des schwelenden Handelskonflikts mit den USA gibt es sogar in der Volksrepublik China Anzeichen für eine bessere Konjunkturentwicklung. Während man bisher von 6,2 bis 6,5 Prozent Wachstum ausging - wir haben erst zurückliegende Woche darüber geschrieben -, lassen die allerneuesten Daten aus Peking nun sogar wieder Prognosen von acht Prozent plus zu! So schnell dreht sich die Welt. Dass die Börse in Shanghai trotzdem abrutscht, hat damit zu tun, dass dort immer noch viele Zocker agieren. Die "richtige" chinesische Börse in Hongkong dagegen, die hat sich stabilisiert und dreht nach oben.
Trotzdem hängt über allem das Damoklesschwert Handelskrieg. Gerade auch weil China allem Anschein nach nicht klein beigibt und bei allen Aktionen der US-Administration ordentlich dagegen hält. Dass sich der Konflikt auch in den USA schon negativ bemerkbar macht, zeigt sich unter anderem darin, dass laut US-Notenbank etliche Unternehmen neue Projekte erst einmal aufschieben. Es wird schlicht und einfach nicht mehr so viel investiert wie ursprünglich geplant.
Was also tun als Anleger angesichts dieses Dilemmas? Die Lage ist schwierig, da viel von der Politik abhängt. Und wer kann die derzeit schon richtig deuten? Gerade auch weil im November in den USA die Zwischenwahlen anstehen, aus denen die Demokraten eventuell gestärkt hervorgehen. Das sind viele Unsicherheitsfaktoren. Geht es allein nach den Unternehmensgewinnen, dann sollte unbedingt in Aktien investiert werden. Gerade auch weil der Risikoappetit in den zurückliegenden Wochen extrem nachgelassen hat - was als positiver Kontraindikator gedeutet werden kann.
rtr
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