Was vor wenigen Wochen noch als undenkbar galt, ist Realität geworden. Zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden Grenzen geschlossen, Flugverbindungen gekappt und Ausgangssperren verhängt. Geschäfte sind geschlossen und Lieferketten unterbrochen.

Ein Konjunktureinbruch erscheint trotz der Stützungsmaßnahmen der Notenbanken und der angekündigten Notprogramme vieler Regierungen unausweichlich. Einige Experten befürchten sogar eine Weltwirtschaftskrise, vergleichbar mit den frühen 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Um gegenzusteuern will etwa US-Präsident Donald Trump ein Krisenpaket im Wert von 1,2 Billionen Dollar auf den Weg bringen.

Den Börsen setzt der Corona-Schock schwer zu. Selbst die Aktien großer Konzerne verloren in den vergangenen Wochen mitunter deutlich zweistellig. Eine der Ausnahmen sind die Titel des weltgrößten Einzelhändlers Walmart, die auf Rekordniveau notieren. Supermärkte gehören zu den wenigen Läden, die trotz der immer stärkeren Beschränkungen des öffentlichen Lebens in vielen Ländern weiterhin geöffnet bleiben dürfen.

Während das Gros der Wirtschaft, vom Straßencafé bis hin zum Weltkonzern, unter den Folgen der Pandemie leidet, gibt es also auch Krisengewinner. Die Redaktion von €uro am Sonntag gibt einen Überblick über die Lage und stellt sechs besonders aussichtsreiche Aktien für risikofreudige Anleger vor.

Neues Einkaufsverhalten


In Supermärkten stehen Kunden in diesen Tagen immer häufiger vor leeren Regalen. Desinfektionsmittel, Toilettenpapier und lange haltbare Lebensmittel wie Müsli sind vielerorts zumindest temporär ausverkauft. Anleger decken sich deswegen mit Aktien von internationalen Lebensmittelriesen wie Nestlé oder General Mills ein. Die Amerikaner sind in den USA insbesondere für ihre Cerealien und Fertiggerichte bekannt. In der Krise greifen die Verbraucher immer öfter zu genau diesen Produkten.

Starke Kursgewinne verzeichnete zuletzt auch die Aktie des Haushaltswaren- und Chemieunternehmens Clorox. Das Portfolio der Amerikaner umfasst unter anderem zahlreiche Produkte zur Handdesinfektion. Analysten hoben ihre Prognosen hier zuletzt zum Teil deutlich an.

An den Supermarktkassen bilden sich mitunter lange Warteschlangen - ein potenzieller Verbreitungsherd für Keime. Gerade ältere Menschen scheuen den Einkauf dort und entdecken die Vorzüge des Internethandels. Frische Lebensmittel, Getränke und Dinge des alltäglichen Bedarfs werden auf Knopfdruck direkt bis vor die Haustür geliefert. Auch Essens-Lieferdienste wie Hellofresh, Delivery Hero oder die niederländische Lieferando-Mutter Takeaway profitieren, solange Fastfood-Ketten und Restaurants Essen nur zubereiten und ausliefern dürfen.

Der weltgrößte Internethändler Amazon reagiert auf die steigende Nachfrage und will allein in den USA 100.000 neue Mitarbeiter einstellen. Um die Jobs attraktiver zu machen und möglichst schnell neue Mitarbeiter zu finden, kündigte Amazon-Chef Jeff Bezos sogar höhere Löhne an. Der Konzern dürfte langfristig als einer der Gewinner aus der Krise gehen.

Auch der Online-Tierbedarfshändler Zooplus verzeichnet in der Krise ein verstärktes Bestellaufkommen. Wegen der hohen Nachfrage nach Tierfutter - in vielen Supermärkten oftmals ausverkauft - müssen Kunden aktuell sogar mit längeren Lieferzeiten rechnen. Mittelfristig stehen die Chancen gut, dass Zooplus durch die Krise nachhaltig einen völlig neuen Kundenstamm erschließt, der Internetbestellungen zuvor eher skeptisch gegenüberstand.

Digitale Arbeitswelt


Auch die Veränderungen in der Arbeitswelt sind eklatant. Wo es möglich ist, schicken Firmen ihre Mitarbeiter ins Home Office. Die Corona-Krise dürfte den Trend zum Arbeiten in den eigenen vier Wänden nachhaltig befeuern. Arbeitnehmer sparen sich den Weg ins Büro und können flexibler arbeiten.

Arbeitgeber sind zudem nicht mehr nur auf den regionalen Bewerberpool angewiesen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist das ein Vorteil. Muss die Firma weniger Büroplätze zur Verfügung stellen, senkt das außerdem die Kosten. Im Gegenzug müssen allerdings moderne Kommunikationssysteme angeschafft werden.

Die Aktie des auf Videokonferenzen und Online-Besprechungen spezialisierten Anbieters Zoom Video etwa notiert in der Nähe seines Rekordhochs. Die in Kalifornien ansässige Tech-Firma stellt Unternehmen jeglicher Größe eine Cloud-basierte Plattform zur Verfügung, mit der etwa Online-Meetings, Webinare oder das Versenden von Nachrichten innerhalb eines Teams ermöglicht werden.

Auch dem deutschen Softwareunternehmen Teamviewer spielt der Trend zum Home Office in die Hände. Die schwäbische Firma entwickelt Software zur Fernwartung von Computern, für Videokonferenzen und zukünftig wohl auch Steuerungssoftware für digitalisierte Fertigungen in Unternehmen. Die Corona-Krise dürfte Teamviewer neue Kunden bringen und das Geschäft zusätzlich antreiben.

In Ländern wie Spanien, Frankreich oder Italien ist das öffentliche Leben nach strikten Ausgangssperren quasi komplett zum Erliegen gekommen. Auch in Deutschland sitzen bereits viele Menschen in heimischer Quarantäne. Eine Ausgangssperre ist wohl nur eine Frage der Zeit, sollten die bereits getroffenen Maßnahmen nicht wie erhofft wirken.

Kino für zu Hause


Schüler und Studenten nutzen Lernangebote im Internet. Am Abend zocken die Menschen Onlinespiele und schauen Filme und Serien über das Internet, statt in die Kneipe oder ins Kino zu gehen. Streaming-Angebote wie Disney+, Amazon Prime oder Netflix - mit fast 170 Millionen zahlenden Kunden die Nummer 1 in dem Bereich - boomen wie nie zuvor. Netflix hat die Chance, in diesen Tagen ungewöhnlich viele Neukunden zu gewinnen.

Das Analysehaus Needham kritisiert allerdings, dass es das Unternehmen bislang versäumt habe, einen werbefinanzierten Dienst anzubieten. In einer Wirtschaftskrise, wo jede Ausgabe auf den Prüfstand kommt, könnten die Amerikaner womöglich sogar Kunden verlieren. Überdies hat Netflix immense Produktionskosten. So kündigte der Konzern unlängst an, die Produktion neuer Inhalte vorerst einzustellen.

Stärkung des Gesundheitssystems


Regierungen und Firmen hingegen tun alles Menschenmögliche, um die Auswirkungen der Krise so gering wie möglich zu halten. Höchste Priorität hat die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems - und damit die Rettung von Menschenleben.

Im Kampf gegen den unsichtbaren Feind orderte die Bundesregierung beim Medizintechnikhersteller Drägerwerk 10.000 Beatmungsgeräte. Zudem soll Drägerwerk persönliche Schutzausrüstung für das besonders gefährdete Personal in Krankenhäusern liefern. Die Aktie rückte daraufhin in den Fokus der Anleger und gewann in der Spitze bis zu 70 Prozent an Wert. Auch wenn sich die Auswirkungen des Großauftrags noch nicht beziffern lassen: Mittelfristig dürfte die Corona-Krise im Gesundheitswesen mehr Investitionen bewirken - insbesondere in Ländern wie Italien, in denen das Virus wegen der Überlastung des Gesundheitssystems bereits Hunderte oder gar Tausende Opfer forderte.

Suche nach dem Impfstoff


Um das Coronavirus einzudämmen, werden der Verzicht auf soziale Kontakte und Ausgangssperren wohl kaum ausreichen, zumal beides die Wirtschaft in die Knie zwingt mit unabsehbaren Folgen. Weltweit arbeiten Forscher daher mit Hochdruck an Medikamenten und Impfstoffen zur Bekämpfung der Covid-19-Erkrankung. Firmen aus diesem Bereich verzeichnen zum Teil massive Kursgewinne. Die Aktie der Mainzer Biotechnologiefirma Biontech etwa gewann in wenigen Tagen mehrere Hundert Prozent. Schon Ende April will Biontech drei Impfstoffe an Freiwilligen erproben. Bei Impfstoffen rechnen Experten allerdings mit einem Entwicklungszeitraum von mindestens zwölf bis 18 Monaten.

Bessere Chancen bieten Medikamentenentwickler. Ganz vorn mit dabei ist der US-Biotechkonzern Gilead Sciences mit seinem Wirkstoff Remdesivir. Ursprünglich zur Bekämpfung von Ebola entwickelt, erwies sich Remdesivir hier als nicht wirksam. Allerdings verfügt Gilead über genügend Daten zur Sicherheit, um den Wirkstoff nun an Corona-Patienten schnell testen zu können. Mit ersten Ergebnissen der laufenden Studien ist Ende April zu rechnen.

Hoffnungen setzt die Weltgesundheitsorganisation WHO auch auf das Grippemittel Favipiravir des japanischen Technologiekonzerns Fujifilm. Neuesten Daten aus China zufolge kann es Corona-Patienten bei der Genesung unterstützen. Sollte sich Favipiravir bewähren, könnte das Coronavirus zumindest ein wenig seines Schreckens verlieren.

Investor-Info

Drägerwerk
Retter in der Not


Bislang rechnen Analysten für 2020 mit einem leichten Umsatzanstieg auf 2,9 Milliarden Euro. Der Nettogewinn der Medizin- und Sicherheitstechnik-Firma soll 48 Millionen Euro erreichen, ein Plus von 45 Prozent. Dabei ist der jüngste Großauftrag der Bundesregierung zur Lieferung von Beatmungsgeräten noch nicht in den Prognosen berücksichtigt. Die mittelfristigen Aussichten bleiben positiv. Nach dem starken Kursplus steigt aber das Risiko von Gewinnmitnahmen. Spekulativ.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 98,00 Euro
Stoppkurs: 55,00 Euro

Clorox
Macht Viren den Garaus


Die Pandemie beschert dem Haushaltswaren- und Chemieunternehmen volle Auftragsbücher. Für das laufende Geschäftsjahr (per Ende Juni) rechnen Analysten bislang zwar lediglich mit einem Umsatz und einem operativen Gewinn auf Vorjahresniveau. Je länger die Krise anhält, desto wahrscheinlicher werden positive Überraschungen. Mutige Anleger setzen auf eine Fortsetzung des Höhenflugs. Ein Stoppkurs sichert ab.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 215,00 Euro
Stoppkurs: 145,00 Euro

Gilead
Chance auf Blockbuster


Die US-Biotechfirma hat mit die besten Chancen, schnell ein wirksames Medikament gegen das Virus auf den Markt zu bringen. Die Hoffnung darauf hat dem jahrelang sinkenden Aktienkurs zu deutlichen Gewinnen verholfen. Bislang rechnen Analysten im laufenden sowie in den kommenden Jahren mit relativ stabilen Umsätzen und Gewinnen. Risikofreudige Anleger spekulieren auf einen Durchbruch in der Corona-Forschung.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 95,00 Euro
Stoppkurs: 58,00 Euro

Hellofresh
Gegessen wird immer


Nach einem kleinen Nettoverlust im vergangenen Jahr rechnen Analysten damit, dass der Essens-Lieferdienst im laufenden Jahr erstmals einen deutlichen Nettogewinn von mehr als 30 Millionen Euro erzielt. Für 2021 rechnen sie im Schnitt mit einem Überschuss von 130 Millionen Euro. Die Corona-Krise dürfte die Geschäftsaussichten weiter verbessern. Die Aktie notiert in der Nähe ihrer Höchststände. Die Chancen auf weitere Gewinne stehen gut. Für mutige Anleger.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 38,00 Euro
Stoppkurs: 18,50 Euro

Walmart
Fels in der Brandung


Der weltgrößte Einzelhandelskonzern kann auch in der Corona-Krise mit hohen Einnahmen rechnen. Supermärkte bleiben auch bei Ausgangssperren geöffnet. Zudem baut Walmart seine Internetsparte stark aus. Im laufenden Geschäftsjahr dürfte der Konzern 540 Milliarden Dollar umsetzen, ein Plus von vier Prozent. Der Nettogewinn soll leicht auf 14 Milliarden Dollar klettern. Die Walmart-Aktie eignet sich für konservativ orientierte Anleger. Die Dividendenrendite von aktuell knapp zwei Prozent ist auch nicht zu verachten.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 144,00 Euro
Stoppkurs: 94,00 Euro

Zoom Video Communications
Digitalisierte Arbeitswelten


Analysten trauen dem Spezialisten für Videokonferenzen und Online-Besprechungen hohe Wachstumsraten zu. Für das laufende Jahr rechnen sie mit einem Umsatzsprung von 50 Prozent auf 916 Millionen Dollar. Zoom Video arbeitet bereits profitabel. Der Nettogewinn dürfte um ein Drittel auf gut 130 Millionen Dollar steigen. Für das kommende Jahr rechnen Analysten mit einem Überschuss von 180 Millionen Dollar. Risikofreudige Anleger setzen auf weitere Kurszuwächse.

Empfehlung: Kaufen
Kursziel: 158,00 Euro
Stoppkurs: 89,00 Euro