Software-Aktien legen zum Wochenstart kräftig zu: Oracle sprang am Montag um fast 13 Prozent, auch die Kurse von Adobe, Salesforce und SAP ziehen an. Ist es mehr als nur die Hoffnung auf Entspannung im Iran-Konflikt? Doch die Sorgen um die KI-Konkurrenz bleiben.
Nach monatelangen Kursverlusten erlebten viele Software-Aktien am Montag einen unerwartet starken Tag. Oracle legt um fast 13 Prozent zu und hatte damit den besten Handelstag seit September. Auch andere große Namen stiegen deutlich: Adobe gewann mehr als sechs Prozent, Salesforce etwa fünf Prozent. ServiceNow, HubSpot und Workday kletterten jeweils um rund sieben Prozent. In Europa legte SAP um mehr als drei Prozent zu, Dassault Systèmes sogar um vier Prozent.
Selbst Anbieter im Bereich Datensicherheit wurden gekauft: Tenable und SentinelOne stiegen um jeweils mehr als sieben Prozent, CrowdStrike um sechs Prozent. Dieser Sektor war vergangene Woche stark unter Druck geraten, nachdem bekannt wurde, dass ein neuer Agent des KI-Modells Claude mit dem Namen „Mythos“ zahlreiche Zero-Day-Exploits, also gravierende Sicherheitslücken im Quellcode weit verbreiteter Betriebssysteme gefunden hatte.
Auslöser für dei Kurserholung war vor allem die wieder aufkommende Hoffnung auf eine Entspannung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Wenn politische Risiken wieder etwas kleiner wirken, greifen Anleger oft zuerst bei den Werten zu, die zuvor besonders stark abgestraft wurden. Genau das war bei Softwareaktien in diesem Jahr der Fall.
Beginnt jetzt die Comeback-Rally?
Anleger stellen sich nun die Frage: Stehen Softwaretitel womöglich vor einem größeren Comeback? Aufholpotenzial gäbe es nach den heftigen Kursverlusten in diesem Jahr genug.
Viele Investoren fürchten, dass die Kunden der Softwarekonzerne bald mithilfe neuer KI-Werkzeuge einen großen Teil ihrer Probleme selbst lösen, statt dafür teure Programme anzuschaffen. Wenn sich eine Firma zum Beispiel Webseiten, Software-Schnittstellen oder kleine Programme in kurzer Zeit „zusammenklicken“ kann, leiden Wachstum und Margen klassischer Software-Anbieter. Im schlimmsten Fall würden dann sogar die Gewinne unter Druck geraten, weil die Anbieter ihre Preise senken müssen, um Kunden zu halten.
Bei Sicherheitsfirmen kommt die Angst hinzu, dass KI auch Angreifern neue Möglichkeiten gibt. Pessimisten befürchten, dass damit auch Menschen ohne tiefere Programmierkenntnisse gefährliche Hackerangriffe starten könnten.
Führungskräfte aus der Softwarebranche haben diese Sorgen zwar als übertrieben bezeichnet. Aber die Kursverluste zeigen: Viele Anleger glauben ihnen das nicht.
Viel Aufholpotenzial nach heftigem Ausverkauf
Die Folge: Die Kurse großer Softwarefirmen brachen erdrutschartig ein. HubSpot hat in diesem Jahr fast die Hälfte seines Börsenwerts verloren. Atlassian ist um mehr als 60 Prozent gefallen. SAP verlor seit Jahresanfang ein Drittel seines Börsenwerts und ist nun nicht mehr der wertvollste Konzern im DAX. Oracle lag vor der Erholung am Montag rund ein Fünftel im Minus, ServiceNow sogar mehr als 40 Prozent.
Kursverluste strahlen auf andere Märkte aus
Das Gefährliche dabei: Die Schwäche bei Software-Aktien ist nicht nur auf die Branche begrenzt, sondern wirkt mittlerweile auch in den Kreditmarkt hinein. Denn viele Softwarefirmen haben sich in den vergangenen Jahren Geld geliehen, um im Wettlauf mot den Hyperscalern ihre Investitionen in Cloud- und KI-Rechenzentren stemmen zu können. Wenn nun die Kurse stark fallen, wächst die Sorge, dass einige Unternehmen ihre Schulden später schlechter bedienen können. Hinzu kommt, dass ein Teil dieser Kredite über den Private-Credit-Markt finanziert wurde, der bereits selbst in Schieflage geraten ist.
Was heißt das für SAP-Anleger?
Anders als viele Privatanleger haben Analysten die Softwarebranche noch nicht abgeschrieben. Jefferies etwa bestätigte am Montag seine Kaufempfehlung für SAP. Während der Markt versuche, die Turbulenzen im Nahen Osten hinter sich zu lassen, würden Anleger wieder auf Themen zurückgreifen, die vor Ausbruch des Iran-Konflikts prominent gewesen seien, schrieb Charles Brennan in einer Studie, die am Sonntag veröffentlicht wurde. Er könne sich nicht erinnern, dass die Stimmung in diesem Segment jemals schlechter gewesen wäre. Für ihn ist das ein Signal zum Einstieg.
Anfang April hatte Barclays seine Kaufempfehlung für SAP wiederholt und ein Zwölf-Monats-Kursziel von 220 Euro genannt. Das wären mehr als 50 Prozent Kurspotenzial. Auch das Kursziel von J.P. Morgan vom 9. April liegt mit 175 Euro noch mehr als 20 Prozent über dem aktuellen Kurs – obwohl die US-Bank lediglich zum „Halten“ rät.
Ob die Analysten mit ihrer optimistischen Einschätzung richtig liegen, wird sich schon in wenigen Tagen zeigen: Am 23. April veröffentlicht SAP um 22:05 Uhr – nach Börsenschluss in den USA – seine Zahlen zum 1. Quartal.
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Häufige Fragen zum Thema
Warum gibt es so viel Aufregung um Claude "Mythos"?
Am 7. April hat die amerikanische KI-Firma Anthropic ein Large-Language-Modell (LLM) mit dem Namen Mythos Preview vorgestellt. Es wurde jedoch nicht öffentlich zugänglich gemacht, weil Anthropic die Geschichte streute, dass Mythos zu riskant sei, um es zu veröffentlichen. Denn Mythos habe in kurzer Zeit Dutzende Zero-Day-Exploits in weit verbreiteten Betriebssystemen gefunden - das sind Softwareschwachstellen im Code, die es Hackern ermöglichen, an sämtlichen Virenscannern vorbei in Systeme einzudringen und diese zu übernehmen. Dazu verbreitet Anthropic die Geschichte, der Chef-Entwickler von Mythos habe das System in einer sogenannten Sandbox-Umgebung in ein geschlossenes System eingesperrt. Daraus habe sich Mythos durch selbst erstellten Programmcode eigenständig befreit - und dann eine E-Mail an ihn geschrieben.
Seitdem redet alle Welt über die Firma, ihre Produkte und die eventuellen Möglichkeiten der neuesten KI-Generation. Es besteht die Befürchtung, dass mit Mythos jeder Laie zum gefährlichen Hacker werden kann. Ob das wirklich so ist, ist noch unklar, da bisher niemand Mythos in Aktion gesehen hat.
Was ist das "Project Glasswing"?
Das Konsortium "Project Glasswing" wurde von Anthropic gegründet. Es soll großen Technologieunternehmen wie Apple, Amazon, Microsoft, Google und Cisco Zugang zu Mythos geben, damit diese etwaige Schwachstellen in ihren eigenen Systemen aufspüren und schließen können. Auch die Linux Foundation, die IT-Sicherheitsfirmen CrowdStrike und Palo Alto Networks gehören zu den Partnern. Anthropic investiert nach eigenen Angaben bis zu 100 Millionen Dollar in das Projekt.